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Ein Enfant terrible
Porträt eines Arbeitstiers, für das Sex, Drogen und Film Instrumente der Subversion sind

"Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird."

Syberberg kommentierte Fassbinders Tod mit den Worten: "Jetzt wird er zum Mythos". Es ist das Jahr 1982, zahlreiche Artikel würdigen Fassbinders Werk. Gleichzeitig werden Stimmen laut, die von seinem Zynismus sprechen, weil er Männer und Frauen wie Spielfiguren benutzte. In der Stunde der Nachrufe wird Fassbinder rückhaltlos beweihräuchert oder aber von der anrüchig-ominösen Seite dargestellt - untrügliche Zeichen dafür, dass der Verstorbene ein Künstler ersten Ranges war. Gleich nach dem Tod des von Alkohol und Kokain zu Grunde gerichteten Filmemachers entstand eine Art Familie, der die (vom genialen Regisseur verlassenen) Waisen angehörten, eine Gattin (er hatte Ingrid Caven geheiratet), eine Mutter (sie spielte in zahlreichen Filmen Fassbinders) und vor allem Liebhaber, denn all diese Rollen hatte Fassbinder gespielt.

Fast 20 Jahre später adaptiert eine Generation von Filmemachern, die der Ältere fasziniert, seine Theaterstücke oder stellt Remakes seiner Filme in Aussicht (Harmony Korine). Für Fassbinder, der selbst von großen Meistern geprägt war - in erster Linie von Sirk, aber auch von Michael Curtiz - schließt sich der Kreis: Nach seinem Tod wird er selbst zum Vorbild für andere.

Fassbinder wurde 1945 geboren und verbrachte eine chaotische Nachkriegskindheit; der Vater, ein Arzt, lehnte ihn ab, an seiner Mutter hing er auf krankhafte Weise. In Fassbinders Leben gab es keine festen Bezugspunkte, nur das Gefühl der Verlassenheit: Die Pubertät, an der er beinahe zerbrochen wäre, prägte seine Filme dauerhaft. Eine letzte Zuflucht suchte er in der Scheinwelt des Theaters.

Zum Regieassistenten war Fassbinder nicht geschaffen, denn jede Kameraeinstellung, jede Bewegung und jeden Regiehinweis hielt er für lächerlich und falsch.
Zunächst gründete er das experimentelle Antitheater, schrieb ein Dutzend Theaterstücke und brachte sie auf die Bühne (Katzelmacher, Die bitteren Tränen der Petra von Kant, Bremer Freiheit u.a.). Dann entwickelte er das Projekt, mit einer Gruppe gut aufeinander eingespielter Schauspieler und Techniker schnell hintereinander Filme mit geringem Budget zu produzieren und zu drehen: "Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird."
Allmählich gewann der Künstler im Menschen die Oberhand: Privatleben und künstlerisches Schaffen flossen nahtlos ineinander über, außerordentliche Kreativität ging mit Selbstzerstörung einher. In nur wenigen Tagen drehte der geniale Filmemacher mit geringsten Mitteln einen Film, der einem Hollywood-Melodrama das Wasser reichen kann (Sehnsucht der Veronika Voss).

Kampf gegen das Vergessen

Fassbinders Werk ist von der unmittelbaren Betroffenheit durch Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, die große Erschütterung des 20. Jahrhunderts, geprägt. Die Spuren, die diese Ereignisse, vor allem der Zusammenbruch, bei ihm hinterließen, waren so nachhaltig, dass er die deutsche Gesellschaft in den Mittelpunkt seines gesamten Schaffens stellte. Damit wollte er gegen das Vergessen ankämpfen, gegen die offiziell verordnete Amnesie, mit der diese schändliche Vergangenheit totgeschwiegen wurde. Seine Filme zeigen, dass Mächtige und Schwache gleichermassen gedemütigt werden, wenn keine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfindet. Fassbinder ergreift Partei für die Unterdrückten und entwickelt einen echten ästhetischen Ansatz, den er in den Dienst der Verteidigung der Schwachen und Benachteiligten stellt (Warum läuft Herr R. Amok, Angst essen Seele auf), ohne dass darunter die Schönheit seiner Filme leidet. Dieses eigenartige Paradoxon führt mitunter dazu, dass nicht mehr Menschen im Mittelpunkt stehen, sondern Schatten, die aufgrund der unendlichen Sehnsucht, die sie in sich tragen, geradezu glamourhaft wirken (Lili Marleen)

Liebe im Bauch

Das Dritte Reich wollte alle Abweichungen von der Norm und jeglichen Zweifel aus der Vorstellungswelt des deutschen Volkes verbannen. Unermüdlich versucht Fassbinder, erneut Raum dafür zu schaffen.
Sein Blick auf Homosexualität, freie Liebe und Grenzverhalten vervollständigt sein Gesamtwerk. Genau wie Sternberg geht es Fassbinder nicht darum, Geschichten direkt zu erzählen. Er bearbeitet sie vielmehr künstlerisch (Licht und Schatten, Dekor, Kameraeinstellung - Mittel, die er in seinem Vermächtnis-Film Querelle - ein Pakt mit dem Teufel voll ausschöpft). Diese Distanz schaffende Regieführung lässt Raum für Gefühle und Nachdenken. Oft entsteht der Eindruck, Fassbinder enge seine Figuren (durch Dekor oder Einstellung) ein, doch ihr wahres Gefängnis ist die Zughörigkeit zu einer sozialen Schicht, die sie isoliert. Sie stehen abseits des eigentlichen Lebens, wie hinter einer Glasscheibe, die sie nicht zerschlagen können.
Liebe ähnelt bei Fassbinder einer Utopie, einem verlorenen Land, nach dem man sich sehnt: Seine "historischen" Filme (Lili Marleen, Die Ehe der Maria Braun) leben mehr von dieser Sehnsucht als von der Absicht, die Geschichte oder ein Land objektiv zu beschreiben und zu analysieren. Deutlich erkennbar ist nur die Beheimatung der Figuren und damit Fassbinders eigene. Er hatte "Liebe im Bauch", seine Großzügigkeit und seinen Kampf gegen jegliche Form von Konformismus bezahlte er mit dem Leben. War Rainer Werner Fassbinder nach Van Gogh und Artaud der dritte bedeutende Künstler, dessen Selbstmord durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt war?

Christophe Pellet

 


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