Donnerstag, 13. Januar 2000
um 23.50 Uhr, 120 Min.


(Spielfilm von Erich von Stroheim, USA 1921
viragierte Fassung mit neuer Musik, Deutsch-französische Erstausstrahlung
Musik (1999): András Hamary, Einspielung: ensemble KONTRASTE, Leitung: Frank Strobel.
Restaurierung des Filmmaterials: Cineteca del Comune di Bologna Fondazione Cineteca Italiana, Milano

Buch und Regie
................................Erich von Stroheim
Kamera
................................Ben F. Reynolds
................................William H. Daniels
Kostüme und Bauten
...............................Erich von Stroheim
...............................Richard Day
Musik
...............................Sigmund Romberg

Produktion
.............................. Carl Laemmle
.............................../Universal

Mit:

 

Erich von Stroheim
............................Graf Wladislas
............................Sergius Karamzin
Maude George
........................... Prinzessin Olga ............................Petschnikoff
Mac Busch
........................... Prinzessin Vera ............................Petschnikoff
Dale Fuller
........................... Maroushka

Rodolph Christians und Robert Edeson ............................Andrew J.Hughes
Miss DuPont
............................Helen Hughes
Cesare Gravina
............................Caesare Ventucci
Malvine Polo
........................... Marietta
Mrs Kent
............. ..............seine Frau
Al Edmundson
............................Pavel Pavlich

 

 

Der Film

Monte Carlo, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. In einer Villa hat sich Graf Sergius Karamzin mit seinen Cousinen Olga und Vera einquartiert. Niemand vermutet hinter den russischen Aristokraten abgefeimte Hochstapler. Während die beiden Damen im Casino Falschgeld in Umlauf bringen, lebt Karamzin von dem Geld, das ihm seine zahlreichen Affären einbringen. Sogar auf die schwachsinnige Tochter des Geldfälschers Ventucci hat er ein Auge geworfen.
Der neue US-Botschafter trifft in Monaco ein; die naive Mrs. Hughes zeigt sich für die Galanterien des Grafen und seine Etikette höchst empfänglich. Als sie im Spielkasino eine größere Summe gewinnt, tischt ihr Karamzin eine Lügengeschichte auf, um an ihr Geld zu kommen. Maruschka, das Zimmermädchen, belauscht das Gespräch. Selbst von Karamzin schwanger und von ihm um ihre Ersparnisse gebracht, steckt sie in ihrer Enttäuschung die Villa in Brand. Karamzin und Mrs. Hughes werden gerettet, Maruschka stürzt sich ins Meer.
Inzwischen ist Mr. Hughes den Machenschaften auf die Spur gekommen. Er schlägt Karamzin nieder und fordert ihn auf, Monte Carlo zu verlassen. Noch in der selben Nacht werden die beiden falschen Prinzessinnen verhaftet, der unverbesserliche Karamzin schleicht sich fort. Als er in das Zimmer von Ventuccis zurückgebliebener Tochter einsteigt, wacht ihr Vater auf und macht mit ihm kurzen Prozeß. Karamzins Leiche verschwindet in der Kloake.

 

Skandal und Zensur

Mit FOOLISH WIVES begründete Erich von Stroheim seinen Ruf als Detailfanatiker, Verschwender und Egomane. Dabei ging es ihm, wie in allen seinen Filmen, vor allem darum, menschliches Verhalten so realistisch und facettenreich wie möglich auf die Leinwand zu bringen; entsprechend aufwendig gestalteten sich die Dreharbeiten.

Von Anfang an war FOOLISH WIVES eine Produktion der Superlative. Der Perfektionist Stroheim ließ die Prachtbauten von Monte Carlo komplett in Hollywood errichten und sparte weder an Statisten, Ausstattung noch Filmmaterial. Nach Abschluß der elfmonatigen Dreharbeiten hatte er insgesamt 60 Stunden Negativmaterial belichtet. Rudolph Christians, Darsteller des Mr. Hughes, war in der Zwischenzeit gestorben. Das Studio entdeckte die Werbewirksamkeit des ausufernden Budgets. Universal-Chef Carl Laemmle ließ Fotos verbreiten, auf denen er Stroheim einen Blankoscheck überreichte; die aktuellen Kosten wurden auf einer Leuchttafel am Broadway verkündet und zur Premiere sogar noch aufgerundet: „The First Million Dollar Picture".

Stroheims Werke wurden nicht nur aufgrund moralischer Bedenken gekürzt. Da er sich nie den herrschenden Erzählkonventionen angepaßt hat, bezweifelten die Studios, daß seine überlangen Filme zu vermarkten waren: FOOLISH WIVES war von Stroheim als Zweiteiler mit einer Gesamtlänge von über sechs Stunden konzipiert, aber hier hat das Studio nicht mehr mitgespielt. Nach einer Testvorführung, bei der auch zahlreiche Zensoren anwesend waren, wurde der Film für die offizielle Premiere auf dreieinhalb Stunden gekürzt. Man habe „nur das Skelett meines toten Kindes" gezeigt, beklagte sich Stroheim. Doch das Studio war noch nicht zufrieden und ließ weitere 90 Minuten herausschneiden. Für eine Wiederveröffentlichung 1928 wurde der Film dann gar auf eineinhalb Stunden gekürzt und die Handlung völlig entstellt. Jahrzehnte lang galt dies als einzig überlieferte Fassung. Der Großteil des entfernten Materials ist unwiederbringlich verloren; darunter eine ganze Parallelhandlung um ein weiteres amerikanisches Ehepaar, ein Duell zwischen Karamzin und Mr. Hughes und eine Szene, in der als krönender Abschluß Karamzins Leiche ins Meer hinausgetrieben und von einer Riesenkrake verschlungen wird.

Erich von Stroheim Obwohl sein Werk lediglich neun Filme umfaßt, von denen kein einziger mehr in der ursprünglich beabsichtigten Form vorliegt, hat Erich von Stroheim als einer der bedeutendsten Regisseure seinen Platz im Kino-Olymp sicher. Stroheim war ein begnadeter Selbstdarsteller und verstand es, seinen eigenen Mythos zu schaffen. Sicher ist, daß er 1885 in Wien als Sohn eines jüdischen Hutmachers geboren wurde. Seine adelige Herkunft ist ebenso erfunden wie die angebliche Offizierslaufbahn in der KuK-Armee. Um 1909 emigrierte er in die USA und schlug sich mit den verschiedenen Tätigkeiten durch. Den Einstieg ins Filmgeschäft fand er als Statist und Regieassistent bei D.W. Griffith, seinen Durchbruch brachten die antideutschen Propagandafilme des Ersten Weltkriegs. Die Rolle des sadistischen preußischen Offiziers, frauenschändend und kindermordend, schien ihm auf den Leib geschrieben zu sein und zeigte seine Lust an der Provokation. Das Publikum machte keine Unterschiede zwischen Rolle und Darsteller. Paradebösewicht Stroheim wurde berühmt und berüchtigt als „The Man You Love to Hate".
Die Gelegenheit, selbst einen Film zu inszenieren, erhielt Stroheim 1918 mit BLIND HUSBANDS. Er schrieb das Drehbuch, spielte die Hauptrolle und führte Regie. Es folgten der heute verschollene THE DEVIL'S PASSKEY (1919) und FOOLISH WIVES (1921). Danach inszenierte er MERRY-GO-ROUND (1922), doch Carl Laemmle warf ihn mitten in den Dreharbeiten hinaus. GREED (1924), der als Stroheims größtes Meisterwerk gilt, wurde noch übler verstümmelt als FOOLISH WIVES, und auch THE MERRY WIDOW (1925), seine vielleicht konventionellste Arbeit, entstand nicht reibungslos. Bei THE WEDDING MARCH (1926) wurde er wieder einmal entlassen und der Film gekürzt, bei QUEEN KELLY (1928) warf ihn gar Hauptdarstellerin (und Produzentin) Gloria Swanson hinaus. Bleibt noch der einzige Tonfilm: WALKING DOWN BROADWAY (1933) wurde ihm aus der Hand genommen, völlig umgeschnitten und unter einem anderen Titel herausgebracht.
Von jetzt an trat Stroheim nur noch als Schauspieler in den Filmen anderer Regisseure auf. 1936 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in Frankreich nieder, wo man ihn als großen Künstler anerkannte. Berühmt wurde seine Darstellung eines preußischen Offiziers in Jean Renoirs DIE GROSSE ILLUSION (1937). Er schrieb Romane und tauchte immer noch gelegentlich in Hollywoodfilmen auf. Bei den Dreharbeiten zu Billy Wilders FIVE GRAVES TO CAIRO (1943), wo er Rommel spielte.

Seine bekannteste Rolle schließlich: als ehemaliger Stummfilmregisseur und Butler von Gloria Swanson in Billy Wilders SUNSET BOULEVARD (1950). Im März 1957 wurde der schwerkranke Erich von Stroheim zum Ritter der Französischen Ehrenlegion ernannt, am 12. Mai des selben Jahres starb er.

Die Version

Für die Fernsehpremiere auf ARTE wurde eine für den europäischen Markt bestimme Exportkopie zu Grunde gelegt, die als viragierte Nitrokopie erhalten war. Sie enthält eine Reihe von Szenen und Einstellungen, die in der ebenfalls erhaltenen amerikanischen Kopie fehlen, und vermittelt in vielen Details (Schauspielerführung, Schnitt, Kamerafahrten) einen Eindruck von Stroheims ursprünglicher Vision. Bei der Restaurierung wurden die italienischen Zwischentitel gegen die überlieferten amerikanischen Titel ausgetauscht und um weitere, für das Verständnis notwendige Titel ergänzt. Nachdem im europäischen Fernsehen bisher nur die s/w-Rekonstruktion vom American Film Institute zu sehen war, stellt ARTE den Film als Fernsehpremiere in einer bisher nicht gekannten Bildqualität und mit den Original -Viragen vor.

Die Musik

Die neue Musik zu der Fernsehpremiere der viragierten FOOLISH WIVES - Kopie stammt von dem ungarischen Komponisten und Pianisten András Hamary. Er wurde 1950 in Budapest geboren, erhielt in Budapest, Hannover und Stuttgart seine Ausbildung als Komponist und Pianist, und debutierte erfolgreich beim Internationalen Debussy-Klavierwettbewerb Paris, den er 1977 mit dem Ersten Preis gewann. Ab 1980 entstanden Kompositionen im Bereich der Klavier-, Kammer- und Orchestermusik, seit 1986 ist András Hamary Professor für Klavier an der Musikhochschule von Würzburg. 1990 stellte er auf der Musikbiennale München seine vielbeachtete Oper SEID STILL vor, deren Uraufführung er in München dirigierte. Mit zahlreichen Konzertreisen, Meisterkursen und Ensemble-Kompositionen im Bereich der Neuen Musik genießt András Hamary internationales Renommee. FOOLISH WIVES ist seine erste Stummfilm-Komposition, geschrieben für 7 Solo-Instrumente (Flöte, Klarinette, Trompete, Posaune, Cello, Klavier und Schlagzeug), die im November 99 unter der Leitung von Frank Strobel mit dem Ensemble KONTRASTE und dem Komponisten selbst am Klavier eingespielt wurde.

 

 

 


Donnerstag, 13. Januar 2000
um 23.50 Uhr, 120 Min.
 

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