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Interview mit Prof. Dr. Anke Rohde, Psychaterin und Psychotherapeutin, Leiterin der Abteilung Gynäkologische Psychosomatik der Universitätsklinik Bonn über die psychologische Betreuung von ungewollt kinderlosen Paaren

Gibt es in Reproduktionszentren eine ausreichende psychologische Betreuung der Paare mit Fertilitätsstörungen?
Meines Erachtens gibt es das in der Praxis leider nicht in ausreichendem Maße. Es wird zwar oft damit geworben und es besteht ja auch eine Verpflichtung zur psychosomatischen Beratung vor der Behandlung, aber ich glaube, die Realität sieht da noch ein bisschen anders aus. Die psychologische Betreuung der Paare wird häufig vernachlässigt, und ich denke, das hat in erster Linie mit den Kosten zu tun. Ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin oder einer Psychologin dauert mindestens eine halbe oder dreiviertel Stunde und ein Gespräch reicht in einem solchen Fall nicht aus. Es ist sehr schade, dass dies nicht zur Routinebehandlung dazugehört, weil man sich damit von Anfang an auch viele positive Chancen nimmt.

Oft sind auch mehrere Behandlungszyklen ohne Erfolg und Paare mit Kinderwunsch müssen sich mit dem Gedanken abfinden, diesen nicht realisieren zu können. Wie groß ist die Gefahr, dass Frauen und Männer dadurch in eine Lebenskrise geraten?
Grundsätzlich kann man sagen, dass oft schon die Diagnose einer Sterilität die erste Lebenskrise verursacht. Das ist für die betroffenen Paare häufig der Punkt, wo sie erst einmal etwas aus der Bahn geworfen werden, weil sie bis dahin nicht damit gerechnet haben. Dann kommt ein Entscheidungsprozess darüber, ob sie eine Behandlung in Anspruch nehmen. Wenn sie sich dafür entscheiden, gehen sie zunächst mit relativ viel Hoffnung in diese  Behandlung und denken: "OK, wir wissen, das wird nicht unbedingt klappen und sind jetzt auch nicht zu erwartungsvoll, wir lassen das mal auf uns zukommen."

Das geht für die ersten ein, zwei Behandlungszyklen ganz gut. Wenn es dann nicht geklappt hat und der dritte, vierte oder sogar noch mehr Zyklen kommen, dann beginnt bei vielen Paaren und insbesondere bei Frauen eine Abwärtsspirale, in der sie zunehmend in eine reaktive Depression geraten. Das ist gut nachvollziehbar, wenn man immer wieder in diesen Zyklus von Hoffnung, Zuversicht und auch viel Belastung hineingerät, die mit der Behandlung verbunden ist, und dann plötzlich diese Hoffnungen zerstört sieht. Am Anfang rappelt man sich noch ganz gut wieder auf, aber irgendwann kostet das natürlich enorm viel Kraft, und das ist dann manchmal der Punkt, an dem die Paare zu uns kommen. Sie nehmen leider vorher oft nicht die Möglichkeiten wahr, kommen erst dann, wenn es ihnen zunehmend schlechter geht und insbesondere die Frauen in eine depressive Spirale hineingeraten sind.

Gibt es unterschiedliche Reaktionen bei Männern und Frauen und spielt es eine große Rolle, welcher der Partner unfruchtbar ist? 
Männer und Frauen reagieren in der Praxis tatsächlich anders, zumindest nach unseren Erfahrungen. Die Frauen haben häufig das Bedürfnis, sehr viel darüber zu reden,  nicht nur mit dem Ehepartner, sondern auch mit anderen Betroffenen. Die Männer, so ist mein Eindruck, fressen das eher in sich hinein und wollen auch nicht ständig darüber sprechen. Unabhängig davon geht es ihnen auch nicht besonders gut dabei, vor allem wenn sie selber der "Verursacher" sind und dann sehen, was ihre Frau mitmachen muss. Die körperliche Belastung der Behandlung ist für die Frau eindeutig größer.

Es spielt sicher eine Rolle, wer der "Verursacher" ist, obwohl die meisten Paare gerade am Anfang versuchen, sich keine gegenseitigen Schuldzuweisungen zu machen. Unterschwellig entstehen schon  Frustrationen, nur kann das schlecht offen thematisiert werden, weil man dem anderen damit ja wieder einen Vorwurf machen würde.




Der entscheidende Faktor sind die Belastungen der Behandlung und eine manchmal im Laufe der Behandlung entstehende zunehmende Fokussierung auf den Kinderwunsch, durch den alles andere, was sonst noch wichtig ist im Leben, immer nebensächlicher wird.

Wie kann der gesunde Partner denjenigen psychisch auffangen, der erfolglos gegen seine Infertilität behandelt wurde und der sich eventuell schuldig fühlt? Welche Art von Umgang mit der Situation empfehlen Sie ihm?
Ich würde die Paare gar nicht in gesunde und kranke Partner oder "Verursacher" trennen, da häufig auf  beiden Seiten Faktoren eine Rolle spielen. Das ist oft nicht ausschlaggebend, sondern eher die Tatsache, dass die Paare durch die Belastung der Behandlung zunehmend unter Stress geraten, allein schon durch die Vorgaben, was die Sexualität betrifft und den immer wieder auftretenden Misserfolg. Dadurch wird die Partnerschaft enorm belastet und der Umgang zwischen den Partnern oft schwierig. Manchmal verlieren sie dabei ihr Paarsein als solches und das, was sie sonst verbindet, aus den Augen. Was ein Paar in einer solchen Situation für sich tun kann, sind aus meiner Sicht zwei Dinge: von Anfang an aufpassen, dass man nicht in eine Scheuklappensituation gerät, in der man nur noch den Kinderwunsch sieht, sondern auch unabhängig davon etwas für die Partnerschaft tun. Ganz wichtig ist es, von Anfang an immer im Auge zu behalten, dass das Leben auch ohne Kinder gut sein kann. Oft ist es so, dass die Paare vorher ein sehr schönes Leben geführt haben ohne Kinder und sich manchmal auch lange Gedanken gemacht haben, ob sie das überhaupt aufgeben wollen. Plötzlich gilt das alles nichts mehr und das ist natürlich eine tragische Entwicklung..

Gibt es besondere Therapien für unerfüllten Kinderwunsch?
Es gibt einige Aspekte, die bei der Behandlung kinderloser Ehepaare von Bedeutung sind. Wichtig ist, dass man von Anfang an aufpasst, dass es nicht zu einer völligen Fokussierung auf den Kinderwunsch kommt. Ebenso wichtig ist es, dass man versucht, die körperlichen und psychischen Begleiterscheinungen der Behandlung möglichst früh abzufangen und nicht erst, wenn die Stimmung schon sehr tief gesunken ist und die Frau wirklich depressiv ist. Man sollte versuchen, mit psychischer Begleitung den Druck aus der Behandlung zu nehmen, der möglicherweise den Erfolg verhindert. Wenn aus dem Kinderwunsch eine absolute Stresssituation wird, wenn man weiß, dass es der letzte Versuch ist und wenn dieser nicht klappt, dann kann man sich vorstellen, dass sich das negativ auswirkt.

Man kann nicht nachweisen, dass psychischer Druck die Erfolgsrate verschlechtert, aber aus meiner Erfahrung als Psychiaterin und Psychotherapeutin würde ich vermuten, dass dies schon einen negativen Einfluss haben kann. Je weniger belastet und je entspannter ein Paar in die Behandlung geht, um so besser sind die Erfolgschancen. Nicht umsonst wäre es sonst so, dass Frauen oft  schwanger werden, wenn sie die Behandlung abgeschlossen haben. Dieser Punkt ist für Kinderwunschpaare aus unserer Sicht wichtig: Dass sie irgendwann einen Schlussstrich ziehen und sich von der Kinderwunschbehandlung verabschieden, damit es nicht eine unendliche Geschichte wird, die über viele, viele Jahre das Leben dominiert und wo am Ende die Partnerschaft nicht mehr zu ihrem alten Niveau zurückfinden kann, oder es eventuell gar zu einer Trennung kommt. Manchmal muss man die Paare aktiv ermuntern, auch diesem nicht bekommenen Kind nachzutrauern. Das ist eine Art Trauerprozess, den die Betroffenen durchmachen müssen und sie sagen oft, dass sie nicht um ein Kind trauern können, dass sie nicht haben. Das kann man sehr wohl und diese Trauer muss man auch zulassen, damit man sich irgendwann auch wieder anderen Dingen zuwenden kann.

Dazu ist es wirklich wichtig zu sagen, dass dies nun der Schluss der Behandlung war und alles andere keinen Sinn mehr macht.




Manchmal sagen Paare, dass sie erst einmal ein halbes Jahr warten möchten und wenn der Kinderwunsch für sie immer noch eine Perspektive ist, möchten sie vielleicht noch einmal anfangen. So können sie das Abschiednehmen von dem Kind und diesen Trauerprozess nicht wirklich in Angriff nehmen. Dieser ist aber wichtig für die Bewältigung der endgültigen Kinderlosigkeit.

Welche Alternativen bleiben den kinderlosen Paaren nach erfolgloser Behandlung? Ist eine Adoption eine Möglichkeit für sie oder bestehen die Paare darauf, ein eigenes Kind zu haben?
Das wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Für manche Paare ist es wichtig, ein eigenes Kind zu haben, manche haben auch Angst davor, was ihnen mit einem Adoptionskind eventuell alles passieren könnte. Selbst wenn sie sich zu einer Adoption entschließen, ist das ein ganz schwieriger Prozess und die wenigsten Paare bekommen ein Adoptionskind. Die Adoption ist nicht einfach ein Ausweg, den man ohne weiteres wählen kann. Die Adoptionsstellen haben enorme Einschränkungen, wer überhaupt ein Kind adoptieren kann und auf viele der kinderlosen Paare treffen Ausschlusskriterien zu.
Eine Alternative ist die Betreuung eines Pflegekindes, was noch problematischer für das Paar ist, da Pflegekinder meist aus schwierigen Verhältnissen kommen. Für manche Paare ist dies keine Alternative zum eigenen Kind. Die wichtigste Alternative, mit der man sich von Anfang an beschäftigen muss, ist meiner Meinung nach die Frage, wie das Leben ohne Kinder aussehen kann.

Welche Defizite gibt es in der Betreuung von Kinderwunschpaaren?
Mir ist wichtig, dass man den Kinderwunschpaaren verdeutlichen kann, dass sie auf jeden Fall das Angebot einer psychosomatischen oder psychologischen Betreuung und Begleitung annehmen sollten, und dass das nicht bedeutet, ihre Kinderlosigkeit sei psychisch verursacht. Diese Sorge haben manche Paare. Es geht nur darum, dass man die Begleiterscheinungen der Behandlung und ihre Bewältigung möglichst gering halten und das Paar unterstützen möchte. Wo immer eine solche Betreuung nicht vorhanden ist, sollten Paare diese aktiv einfordern. Wenn eine psychologische Betreuung irgendwann einmal routinemäßig zur Behandlung dazu gehört, dann werden die Paare nicht mehr soviel Scheu haben, diese in Anspruch zu nehmen. Paare sollten ihren Anspruch darauf auch äußern. Es ist ja sogar gesetzlich festgelegt, dass z.B. eine psychosomatische Aufklärung erfolgen muss. Wenn die Patienten sagen, dass diese Betreuung dazugehören muss, weil die Belastungen der Behandlung zu groß sind- es gibt genügend negative Beispiele von Frauen, die sehr unter der Behandlung gelitten haben - wenn dieses Bedürfnis öffentlich geäußert wird, dann wird sich dort vielleicht noch etwas bewegen.



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