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Zusammenfassung des Inhalts von "Spermien in Gefahr" von Ariel Camacho
Dokumentarfilm im Themenabend "Unfruchtbarkeit - das Übel des 21. Jahrhunderts?" am 19.02.2002 um 20.45 h


Sobald es um Fruchtbarkeit oder Schwierigkeiten bei der Zeugung ging, glaubte man bis Ende des vergangenen Jahrhunderts, dass die Probleme eher bei der Frau lagen. Sowohl bei den Ärzten als auch bei den Männern gab es ein gewisses Zögern, die Beteiligung des Mannes zu berücksichtigen. Die Andrologie, die Lehre von der Funktionsweise der männlichen Geschlechtsorgane und ihren Erkrankungen, spielte in der Medizin lange Zeit kaum eine Rolle. Mittlerweile weiß man, dass in ca. 40 Prozent der Fälle die Männer für Unfruchtbarkeit verantwortlich sind. Meist liegt die Ursache in einer mangelhaften Spermienproduktion.

1992 sorgte ein Artikel im British Medical Journal für Betroffenheit: ein dänisches Team unter Leitung von Professor Niels Skakkebaek enthüllte, dass die Männer seit 50 Jahren immer weniger Spermien produzieren. Angeregt durch die Ergebnisse der Skakkebaek-Studien, werteten die Forscher des Pariser CECOS, des Zentrums zur Erforschung der Konservierung von Eizellen und Sperma, ihre umfangreichen Datenbestände aus. Über einen Zeitraum von 20 Jahren hatte das CECOS nach einer einheitlichen Methodik Informationen über eine homogene Männergruppe gesammelt und Daten von Tausenden von Spendern und ihren Spermaeigenschaften archiviert.

1995 veröffentlichte die amerikanische Medizinzeitschrift "The New England Journal of Medicine" die Schlussfolgerungen der vom CECOS-Team in Paris durchgeführten Studie. Die Analyse der Akten von 1351 Männern aus der Pariser Region zeigt, daß die Konzentration der Spermien zwischen 1973 und 1992 um 2% jährlich zurückgegangen ist, während die Anomalien bei den Proben beträchtlich zugenommen haben. Am stärksten betroffen sind die jungen Generationen.

Die Forscher des CECOS und ihre Kollegen in anderen Ländern vermuten, dass die  massive Industrialisierung der Nachkriegszeit mit ihren Auswirkungen auf die Umwelt und auf unsere Lebensweise die Hauptursache für diese Anomalien ist. Umweltverschmutzung, Chemieprodukte, Medikamente und neue Ernährungsweisen haben unser biologisches Gleichgewicht erschüttert. Aber auch die Zunahme von Streß oder die Körperhaltung bei der Arbeit können die Spermienqualität beeinflussen. Die CECOS-Forscher haben festgestellt, dass z.B. Männer, die eine vorwiegend sitzende Tätigkeit ausüben oder während ihrer Arbeit großer Hitze ausgesetzt sind, doppelt soviel Zeit zur Zeugung eines Kindes brauchen als Männer anderer Berufsgruppen. Durch spezifische Studien an größeren Kollektiven sollen nun die konkreten Ursachen und Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Spermaproduktion ermittelt werden. Andrologen, Biologen, Endokrinologen, Chemiker, Kinderärzte und Epidemiologen arbeiten zusammen, um den Mechanismen der "Spermakiller" auf die Spur zu kommen.

Die Forschung konzentriert sich v.a. auf die sogenannten "endokrinen Störfaktoren". Nach einer Definition des Biologen Benard Jegou (GERM, Universität Rennes) ist dies "jede Substanz die dem Oranismus fremd und und fähig ist, auf die eine oder andere Weise die Hormonwirkung nachzuahmen und sich negativ auf die Gesundheit auszuwirken." Die GERM-Forscher haben bei Versuchen mit trächtigen Ratten und Mäusen nachgewiesen, dass schon bei geringen Konzentrationen Stoffe wie Diethylstilbestrol oder Östradiol in der Lage sind, die Anzahl der Stammzellen der Spematogenese zu verringern.

Die Forscher des CECOS haben ein chemisches Produkt besonders im Visier: Glykoläther. Wie auch andere chemische Produkte kann dieses Lösungsmittel die Spermatogenese, den Entstehungsprozess des Spermiums, beeinträchtigen. Glykohläther wirken sich z.B. schon bei den ersten Stadien aus und unterbrechen den Reifungsprozess der Spermien.




Eine starke Exposition gegenüber Methyl- und Äthylglykoläthern kann zu Veränderungen der Hodenfunktion bis hin zur Unfruchtbarkeit innerhalb von wenigen Monaten führen. Lösungsmittel wie Glykoläther werden inhaliert oder dringen durch die Haut in den Körper ein. Sie finden sich in vielen Produkten: in Fetten, Körpercremes, Reinigunsmitteln für den Haushalt, Shampoos, Farben ... in Frankreich sind sie insgesamt in mehr als 6000 Produkten für den berufliche oder häuslichen Gebrauch enthalten. Dort wurden 1999 vier von dreißig Glykoläthern in gebräuchlichen Konsumwaren verboten, aber im beruflichen Bereich sind sie weiterhin erlaubt. Die Forscher von CECOS arbeiten zur Zeit an einer umfangreichen Studie zu den Auswirkungen dieser Chemikalie. Eine weitere CECOS-Studie beschäftigt sich mit der schädlichen Wirkung von Pestiziden auf die Fruchtbarkeit der Männer und der Entwicklung von Vorbeugungsmaßnahmen gegen die nachgewiesenen katastrophalen Folgen des Einsatzes von Mitteln wie DBCP.

Die Hypothese des dänischen Forschers Niels Skakkebaek, dass die Samenqualität umweltbedingt sein muss, scheint sich zu bestätigen: in einer aktuellen vergleichenden Studie in vier europäischen Ländern konnte er u.a. nachweisen, dass beispielsweise die Finnen eine weitaus bessere Samenqualität aufweisen als die dänischen Männer, ohne dass es große genetische Unterschiede zwischen der Bevölkerung der beiden Länder gibt.

In Deutschland engagieren sich v.a. das Umweltbundesamt in Berlin und Prof. Wolfgang Schulze von der Unversität Hamburg für epidemiologische Studien zu diesem Thema.

Am 14. Juli 2001 veröffentlichte die Europäische Wirtschaftskommission auf ihrer Internetseite einen Bericht unter dem Titel: "Gemeinschaftliche Strategie gegenüber endokrinen Störfaktoren"(=perturbateurs endocriniens) und listet 553 Substanzen auf, die innerhalb der nächsten vier Jahre zu prüfen sind. Unter den Prioritäten findet sich: innerhalb von zwei Jahren Prüfung von 12 Industrieprodukten, die derzeit in Europa keinerlei Regelung oder Einschränkung erliegen. Des weiteren werden 20 Millionen Euro für Studien über die Auswirkungen dieser Moleküle auf Gesundheit und Umwelt und schließlich umfassende Information der Öffentlichkeit.



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