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Interview mit Dr. Daniela Seehaus, Oberärztin in der Kinderwunschpraxis der Universitätsklinik Heidelberg
 
Welches sind Ihrer Erfahrung nach die Hauptursachen für Fertilitätsstörungen bei Frauen?
Eine der Hauptursachen sind Schäden an den Eileitern, die in der Regel nach Eileiterentzündungen entstehen. Sie verursachen leider oft bleibende Schäden an den Eileitern und machen damit das Eintreten einer Schwangerschaft schwer bis unmöglich oder erhöhen das Risiko einer Eileiterschwangerschaft. Die zweite Hauptursache sind hormonelle Störungen. Es gibt leichtere Störungen, Eizellreifungsstörungen oder Gelbkörperschwäche, und dann gibt es eine Reihe Frauen, bei denen überhaupt keine Eizellen heranreifen, z.B. aufgrund von zuviel männlichen Hormonen. Diese Frauen haben keinen Eisprung und können nur sehr schwierig oder gar nicht auf normalem Wege schwanger werden. Von den organischen Bedingungen her sind das die Hauptursachen. Nicht vernachlässigen darf man natürlich, dass zunehmend ältere Frauen einen Kinderwunsch haben. Das ist ein sehr relevanter Faktor. Die ersten beiden Ursachen sind Pathologien, die man im Rahmen der Diagnostik feststellen kann, aber die Schwierigkeiten der älteren Frauen sind naturbedingt.

Haben auch Umweltschäden negative Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit von Frauen?
Das ist sehr schwer feststellbar. Die Umwelteinflüsse wirken sicherlich auf unseren Körper. Inwieweit sie konkret Fruchtbarkeit bei Frauen einschränken, ist sehr schwer nachzuweisen. Es gibt dazu bis jetzt noch keine klaren Daten.

Wie häufig ist die Krankheit Endometriose die Ursache für Sterilität?
Endometriose ist auch ein relevanter Sterilitätsfaktor. Etwa ein Viertel der Frauen, die wegen unerfülltem Kinderwunsch in die Sprechstunde kommen, haben auch Endometriose. Je nach Ausprägung ist sie manchmal nur ein begleitender Sterilitätsfaktor. Es gibt Frauen mit leicht ausgeprägter Endometriose, da kann die Krankheit durchaus eine Rolle spielen, es gibt aber auch Frauen mit einer extrem starken Endometriose, die die Möglichkeit, auf normalem Weg schwanger zu werden, auf Null absinken lassen kann.

Gibt es gegen Endometriose erfolgreiche Therapien?
Endometriose ist eine chronische Erkrankung. Solange die Eierstöcke aktiv sind besteht das Risiko, dass eine Frau, die bereits Endometriose hatte, sie wieder bekommt oder dass die Krankheit fortschreitet. Bei manchen Frauen bekommt man das operativ ganz gut in den Griff: Man entfernt alles, macht vielleicht noch eine medikamentöse Nachbehandlung und hat damit Erfolg. Bei anderen Frauen ist die Endometriose chronisch, sie taucht immer wieder auf und wird immer schlimmer. Es gibt bisher keine Möglichkeit, diese Krankheit kausal zu behandeln, also die Ursache zu bekämpfen, denn diese ist noch weitgehend unbekannt.

Bei welchen Fruchtbarkeitsstörungen wurden die größten Fortschritte bei den Heilungsmethoden gemacht und die Chancen auf eine problemlose Schwangerschaft wesentlich erhöht?
Das gilt vor allem für viele Hormonstörungen, z.B. bei Frauen, die aufgrund von zu vielen männlichen Hormonen keinen Eisprung haben, oder bei denen die Eierstöcke nicht genügend Stimulation von der Hirnanhangdrüse bekommen. Diese kann man sehr gut hormonell stimulieren und ihnen einen normalen Zyklus verschaffen, bei dem eine Eizelle heranreift, die springt. So können sie auf normalem Weg schwanger werden. Aber man kann immer nur jeweils einen Zyklus behandeln.

Eines der größten Faktoren der Unfruchtbarkeit ist die steigende Anzahl von Frauen, die aufgrund ihrer Lebenssituation erst nach dem 30. Lebensjahr versuchen, ihren Kinderwunsch zu realisieren. Wie weit ist die medizinische Forschung in ihren Bemühungen, die "biologische Uhr" aufzuhalten?




In diesem Bereich gibt es keinen Fortschritt. Bei Frauen sind die Eizellen schon lange vor der Geburt des Mädchens angelegt. Die Eizellen sind alle im fünften Schwangerschaftsmonat fertig ausgebildet und von da an werden es immer weniger. Schon bei der Geburt sind viel weniger Eizellen vorhanden, und dann gehen die meisten kaputt. Die Ursachen dafür, dass die Eizellen bei älteren Frauen rascher zugrunde gehen und dass von den angelegten Eizellen nur ganz, ganz wenige im Laufe der fruchtbaren Phase springen, sind noch nicht erforscht. Man hat es noch nicht verstanden, da einzugreifen, und eine Lösung ist derzeit noch nicht in Sicht.

Mit steigendem Alter nimmt die Qualität der weiblichen Eizellen ab, bis zur Einstellung des Eisprungs in der Menopause. Gibt es die Möglichkeit, unbefruchtete Eizellen einfrieren zu lassen, um sie zu einem geeigneten Zeitpunkt befruchten zu lassen und auszutragen?
Da gibt es Ansätze und große Bemühungen. Unabhängig davon, ob man seinen Kinderwunsch in eine spätere Lebensphase verlagern will gibt es auch Frauen, die sich zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung einer Chemotherapie unterziehen müssen, bei der die Eierstöcke kaputt gehen und die hinterher mit großer Wahrscheinlichkeit unfruchtbar sein werden. Insbesondere vor diesem Hintergrund wurde schon über Jahre versucht, ob es nicht möglich ist, unreife Eizellen den Eierstöcken zu entnehmen, vielleicht auch schon bei Kindern, sie einzufrieren und dann diese Eizellen irgendwie dazu zu bringen, dass sie wachsen und reifen, wann immer man das möchte.

Man weiß aber noch nicht, welche Mechanismen dazu führen, dass eine unreife Eizelle überhaupt anfängt zu wachsen. Das bedeutet, dass man das "Gaspedal" noch nicht kennt, und man hat bisher noch keine Möglichkeit, unreife Eizellen, die man durchaus einfrieren kann, zu verwenden. Solange sie unreif sind, sind sie nicht befruchtungsfähig. Die Eizellen zum Reifen zu bringen, klappt bisher noch nicht einmal im Tierversuch. Man weiß nicht, welche Mechanismen nötig sind oder welche Faktoren zusammenspielen müssen, damit sie anfangen zu wachsen. Was man schon versucht hat, ist ganze Stückchen vom Eierstock einzufrieren und sie der Frau dann später wieder einzusetzen. Da gibt es experimentelle Einzelfälle, die fernab davon sind, in irgendeiner Weise klinisch relant zu sein. Das ist ein hochinteressantes, aber ziemlich frustrierendes Gebiet, über das sehr viel wissenschaftlich gearbeitet wird, in dem man aber nicht so richtig weiterkommt.

Bei Männern geht das sehr gut: Man kann Samenzellen oder Hodengewebe gut einfrieren und gut verwenden. Mit weiblichem Eierstocksgewebe oder mit weiblichen Eizellen ist das leider nicht gut möglich. Die männlichen Samenzellen sind deutlich unempfindlicher als Eizellen. Reife Eizellen kann man nicht einfrieren, solange sie nicht befruchtet sind, und mit unreifen kann man leider noch nichts anfangen.

Oft müssen Frauen mehrere Behandlungszyklen über sich ergehen lassen, ohne dass es zu einer Schwangerschaft kommt. Viele von ihnen geraten in eine schwere Lebenskrise, wenn ihr Kinderwunsch unrealisierbar scheint. Ist es in reproduktionsmedizinischen Zentren üblich, diese Frauen auch psychologisch zu unterstützen?
Bei uns wird jedem Paar schon beim ersten Besuch eine Beratung von speziell geschulten Psychologen angeboten. Häufig wird es bemängelt, dass die psychologische Beratung zu kurz kommt. Unsere Erfahrung und auch die von Psychologen ist, dass Paare zwar oft eine Beratung verlangen, sie dann aber letztlich nicht annehmen. Nicht einmal fünf Prozent der Paare nehmen dieses Angebot in Anspruch. Nicht nur bei Sterilitätspatienten gibt es eine große Hemmschwelle, eine psychologische Beratung anzunehmen. Die Patienten haben oft die Sorge, dass der Psychologe ihnen vielleicht den Kinderwunsch ausreden oder sie beeinflussen will.




Wir versuchen, die Patienten aufzuklären und zu beruhigen, dass es sicherlich nicht darum geht, ihnen den Kinderwunsch oder ihnen eine IVF-Behandlung (In vitro Fertilisation) auszureden. Die Psychologen sind nicht gegen solche Behandlungen. Hauptziel einer psychologischen Beratung - es muss ja nicht einmal eine Psychotherapie sein - ist es, sich dem Thema einmal anders zu nähern und vor allen Dingen etwas Entlastung zu schaffen.

Welche Aspekte der weiblichen Unfruchtbarkeit werden Ihrer Meinung in der öffentlichen Diskussion vernachlässigt?
Unserer Ansicht nach wird die Bedeutung von Familienplanung nicht ausreichend thematisiert. Familienplanung heißt nicht, dass die Paare verhüten, solange sie es wollen und dann aufhören, wenn das Haus gebaut und das Kinderzimmer fertig ist, und dann kommt das Kind. So ist es leider nicht. Diese Machbarkeit wird oft suggeriert: dass man die Familienplanung mit den heutigen Möglichkeiten in einer Phase legen kann, wo es einem günstig erscheint. Aber dabei spielt die Natur nicht mit. Wenn die Paare erst kommen, wenn die Frau auf die vierzig zugeht oder noch später, dann hat man auch mit reproduktionsmedizinischen Maßnahmen kaum mehr eine Chance. Das ist wirklich ein Problem und wir haben das Gefühl, dass das auch von vielen Ärzten gar nicht so wahrgenommen wird. Sie denken, sie könnten eine Frau mit 43 in eine IFV-Behandlung schicken, und das funktioniert dann. Aber in dem Alter brauchen sie oft gar nicht mehr zu kommen.

Bis zu welchem Alter sollte man sich bei einem Kinderwunsch um eine Schwangerschaft bemühen?
Die biologische Uhr tickt zunehmend, wenn die Frau 35 und älter ist. Zwischen 35 und 40 sinken die Chancen deutlich, zwischen 40 und 45 dramatisch.

Interview: Yvonne von Zeidler Nori



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