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Sieben Prozent der Männer werden im Laufe ihres Lebens einmal mit Fruchtbarkeitsproblemen konfrontiert. Und auch für immer mehr Frauen wird der Kinderwunsch in Zukunft immer schwieriger zu realisieren sein. Zum Thema ein Interview mit Prof. Dr. med. Wolfgang Schulze, Direktor der Andrologischen Abteilung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Herr Prof. Dr. Schulze, es wird davon ausgegangen, dass bei Unfruchtbarkeit bei bis zu 50 Prozent der Fälle die männliche Fruchtbarkeit gestört ist. Ist diese Tatsache im Bewusstsein der Menschen?
Zunehmend. Eine Regel besagt, dass es bei Paaren mit Fruchtbarkeitsproblemen bei bis zu 40 Prozent nur am Mann und bei weiteren 40 Prozent nur an der Frau liegt. In 20 Prozent der Fälle kann man davon ausgehen, dass es an beiden Partnern liegt.
 
Wie reagieren Männer auf die Diagnose "Unfruchtbarkeit"?
Unterschiedlich. Die Männer wissen oft nicht zwischen Potenz zur Beischlaffähigkeit und Potenz zur Zeugungsfähigkeit zu unterscheiden. Doch etwa sieben Prozent aller Männer werden  irgendwann im Laufe ihres Lebens mit dem Problem der Unfruchtbarkeit konfrontiert.

Von welchem Zeitpunkt an kann Unfruchtbarkeit bei einem Paar vermutet werden?
Man spricht erst von Unfruchtbarkeit eines Paares, wenn mehr als ein Jahr verstrichen ist, ohne dass es zu einer Schwangerschaft gekommen ist.

Ist Infertilität eine Krankheit?
Ja. Infertilität ist sogar von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit definiert. So wird eine Untersuchung der Männer von den Krankenkassen in Deutschland bezahlt.
 
Welches sind die Ursachen für Unfruchtbarkeit?
Bei bis zu 70 Prozent aller Männer, bei denen wir eine Fruchtbarkeitseinschränkung feststellen, ist die Ursache unbekannt.

Und wieso?
Man weiß es nicht. Die Männer sind sonst gesund, haben aber eine Fruchtbarkeitsminderung. Studien untersuchen nun, ob im Mutterleib schon etwas passiert ist.

Worauf konzentriert sich die Forschung nun genau?
Auf den Einfluss von hormonähnlichen Substanzen während der Schwangerschaft. Solche Substanzen in der Umwelt stehen in Verdacht, auf die Entwicklung der männlichen Keimdrüse im Mutterleib Einfluss zu nehmen. 

Können Risikofaktoren vermieden, bzw. vorgebeugt werden?
Möglichen Risikofaktoren, die ja noch gar nicht bekannt sind, kann man sich kaum entziehen. Vermutlich sind Substanzen mit hormonähnlicher Wirkung mitverantwortlich. Diese Stoffe sind überall vorhanden: im Spülmittel, in Nahrungsmitteln, im Wasser …
 
Wissenschaftler behaupten ja, dass Windeln bei Babies zu einer Erwärmung der Hodensäcke führen und so auch die Unfruchtbarkeit begünstigen können …
Dieser Wärmefaktor ist ein reizvoller Erklärungsversuch, aber keinesfalls bewiesen. Man vermutet, dass es ethnische Unterschiede gibt. Volksgruppen, wie zum Beispiel die Finnen, haben offensichtlich eine bessere Samenqualität als die Dänen. Man weiß nicht genau woran das liegt. Amerikaner an der Ostküste sollen auch eine bessere Samenqualität als jene an der Westküste haben.

Kann man auch bei Berufsgruppen kategorisieren?
Es gibt eine Studie aus Deutschland, die feststellt, dass unter den Landwirten, Anstreichern und auch Gärtnern die Rate von unfruchtbaren Männern höher ist als in anderen Berufen. Journalisten liegen in der Mittelklasse.

Gibt es auch psychologische Gründe für Unfruchtbarkeit?
Sicherlich. Generell wirkt sich die Psyche eher bei der Frau aus als beim Mann. Die Samenbildung des Mannes läuft ähnlich ab wie Blutzellenbildung.

Infertilität kann auch psychologischen Stress in der Partnerschaft erzeugen. Wie sehen Sie da die Rolle der Frau?
Unterschiedlich. Für die Menschen ist die Fortpflanzung etwas Existenzielles.




Das kann zu erheblichem Stress bis hin zur Trennung führen.

Wenn aber Harmonie vorherrscht, kann es dann zu einer plötzlichen Fruchtbarkeit kommen?
Es ist günstig, wenn psychischer Stress aus bleibt. Es gilt die Faustregel in der Fortpflanzungsmedizin, dass ein Partner die Einschränkung des anderen "kompensieren" kann. Die Psyche spielt trotzdem eine Rolle - wir sehen das immer wieder, wenn ein Paar mit allen zur Verfügung stehenden Methoden behandelt wurde und es nicht klappt. Irgendwann wird dann die Behandlung abgesetzt und dann kommt es plötzlich zu einer Schwangerschaft.
 
Die ARTE-Dokumentation "Spermien in Gefahr" spricht von einem jährlichen Rückgang der Samenproduktion von circa zwei Prozent …
Diese Zahl hat hypothetischen Charakter. Seit Beginn der 80er Jahre ist die Samenproduktion - zumindest bei den von uns untersuchten Männern - auf niedrigerem Niveau wieder konstant.
 
Wird der Kinderwunsch für immer mehr Menschen unerfüllt bleiben?
Ja - es wird mehr Paare geben mit Schwierigkeiten, sich fortzupflanzen. Der allgemein höhere Ausbildungsstand führt dazu, dass man den Kinderwunsch in der Lebensplanung nach hinten verlegt. Dann aber sind die biologischen Gegebenheiten nicht mehr ideal.
 
Welche medizinischen Lösungen wird es in Zukunft geben?

Man kann in den meisten Fällen die organischen und psychischen Fruchtbarkeitsstörungen der Frau gut behandeln. Für den Mann gibt es - jedenfalls zur Zeit - in der Regel keine effektive, ursächliche Therapie und so umgeht man durch die modernen Techniken der künstlichen Befruchtung das eigentliche Problem: die Fruchtbarkeitsstörungen des Mannes.

Das Interview führte Simonne Doepgen, ARTE TV Magazin



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