
Notizen am Rande: Kulturstreit um die Pornographie
Für viele hat Pornografie mit Kulturgeschichte etwa so viel zu tun wie Himmel mit Hölle. Lange wurde zum Beispiel die Suche nach einer wissenschaftlichen Definition des Pornografischen verhindert, eine historische Perspektive war bislang ebenfalls nicht möglich, war Porno doch wissenschaftlich und auch sozial umstritten - und ist es eigentlich bis heute. Pamphlete statt Bücher, Beschimpfungen statt Diskurs. Erst vor wenigen Jahren begannen Wissenschaftler wie der Medientheoretiker Werner Faulstich, sich fachlich mit Pornografie auseinander zu setzen.
Die so genannte sexuelle Revolution hatte vor dem Hintergrund der Ereignisse in Skandinavien Ende der Sechziger Jahre eine Lanze für die Pornografie gebrochen. Dafür spricht auch die anschließende weltweite Liberalisierung. Dennoch gibt es bis heute nicht wenige Gegner, die Pornografie einer Geschichtsschreibung als nicht würdig erachten oder eine Geschichte der Pornografie als mithin gefährlich betrachten. Andere Gegner, genauer gesagt: Gegnerinnen, auf Seiten des Feminismus begreifen hingegen, dass erst seine historische Verortung das Pornografische angreifbar macht. "So lange Pornografie noch keine Geschichte hat, kann ihre negative Bedeutung weiterhin geleugnet werden," zitiert Faulstich die Feministin Joan Hoff.
In diversen Aufsätzen und Anmerkungen wird Pornografie als Sitten- und Sozialgeschichte formuliert, bestehend aus Berichten von Seuchen, Ausschweifungen und Kulten. Hier reihen sich auch die "goldenen Jahre" in Dänemark und Schweden ein, die zugleich Sozial- und Moralgeschichte sind. Andere Ansätze orientieren sich an einer Geschichte der Zensur oder der Rechtssprechung. Ein eigener Diskurs ist auch die Frage, wo die Trennlinien zwischen Pornografie und Kunst verlaufen. Das wiederum wirft die Frage auf: Gibt es eine Kultur der Pornografie? Kann Pornografie, insbesondere pornografischer Film, Kunst sein?
In seinem Band "Der pornographische Film" unternimmt Georg Sesslen den Versuch, sich einer Geschichtsschreibung über das Genre zu nähern. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie er meint, auch weil bis in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts die Pornoproduktion verschleiert wurde und weil auch die mangelnde Archivierung wegen der moralischen Anrüchigkeit ein Problem darstellt. Zudem stammte die Literatur entweder von "Aficionados" oder erbitterten Gegnern - in jedem Fall kann man eine sachlich-neutrale oder gar wissenschaftliche Betrachtung auch hier nahezu ausschließen.
Dennoch lohnt eine nähere Betrachtung des pornografischen Films, denn in ihm lösen sich das Private und das Öffentliche in einer medialen Vermischung am Bildschirm und auf der Leinwand auf. Zudem ist Porno längst eine Art Postunterhaltungs- und Postkultur-Industrie, die Sesslen als "Sinnindustrie" definiert. Diese entwickelt ein Geflecht aus Warenaustausch, Angebot und Nachfrage, versteht sich aber doch als eine "kulturelle" Vermittlerin zwischen der "primitiven" Wirklichkeit der Körper und der zivilisierten Wirklichkeit der Regeln und Waren.
Statt Empörung oder Distanz sei es wichtig, so Sesslen, Pornografie in ihrer Geschichte zu verstehen, als ein bescheidener Beitrag zu einer Geschichte der Körper und der Liebe, die noch geschrieben werden muss, "vielleicht in einer Epoche des Verlustes." Und weiter: "Die Geschichte des pornographischen Filmes ist ein Kapitel aus der Geschichte der Unmöglichkeit der Liebe im Abendland. Sie ist daher weder ohne Trauer noch ohne Sinn für die Groteske zu schreiben."
Fabian Kress
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