![]() Adorno
Bis zu seinem Tod 1969 leitete Adorno das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das 1924 gegründet wurde, um das kritische Potenzial der marxistischen Theorie wiederzubeleben und den Marxismus aus den sozialdemokratischen und stalinistischen Vereinfachungen und Verkrustungen zu befreien. Ziel war die Öffnung des Marxismus für die damals neuen wissenschaftlichen Disziplinen wie Psychologie oder angewandte Sozialforschung. Neben Adorno gehörten unter anderem Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Leo Löwenthal und Erich Fromm zum Institut. Nach 1933 mussten sie in die USA emigrieren. Nach ihrer Rückkehr im Jahre 1949 kamen sie in der intellektuellen Szene der Bundesrepublik schnell zu jenem legendären Ruf, der ihnen und dem Frankfurter Institut bis heute anhaftet. Der Erfolg von Adornos pessimistischer Philosophie ist eine spannende Geschichte, auf deren Spuren sich die Autoren Meinhard Prill und Kurt Schneider in einer zweiteiligen Dokumentation begeben haben. Sie erzählen den Werdegang eines bürgerlichen Intellektuellen und Kunstliebhabers, der sich – durch die Umstände der Zeit in die Emigration gezwungen – zeitlebens die Frage stellte: „Wie konnte sich Auschwitz inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen abspielen?“ Mit dieser Frage machte er im Nachkriegsdeutschland Karriere und kam zu Weltruhm. Prominente Schüler und Zeitzeugen Adornos wie Alexander Kluge, Rüdiger Safranski, Joachim Kaiser, Richard Sennett oder Pierre Boulez erhellen die Zusammenhänge und geben auch erstaunlich offen Auskunft über Adornos Privatleben. 1. August 2003, 23.10 Uhr Wer denkt, ist nicht wütend Eine Dokumentation von Meinhard Prill und Kurt Schneider „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, scheint die allererste an Erziehung“, so Adornos Motto für den Neubeginn im Nachkriegsdeutschland. Mit amerikanischen Geldern als private Einrichtung neben der Frankfurter Universität wiederaufgebaut, wurde das Institut für Sozialforschung rasch zum Studienort und Kristallisationspunkt für junge, wissbegierige Intellektuelle wie Jürgen Habermas, Joachim Kaiser, Alexander Kluge oder Bazon Brock. Im Kalten Krieg wollten ihre Lehrer Horkheimer und Adorno aber lieber verschweigen, dass sie eigentlich Marxisten waren. Die Kritische Theorie ließ sich auch ohne Marx-Zitate lehren. Horkheimer verstand es, sich mit dem neuen konservativen Establishment gut zu stellen. Nachdem er sich aus der Institutsleitung zurückgezogen hatte, übernahm Adorno. Kaum eine öffentliche Debatte in den sechziger Jahren fand ohne ihn statt, in Rundfunk und Fernsehen war er mit seinen Theoriegebilden und seiner permanenten Kritik an der „verwalteten Welt“, an der Bedrohung durch die „ins Ungeheuerliche zusammengeballte Wirtschaft“ ständig präsent. Das Leben war per se unfrei - diese Botschaft fiel auch bei den Studenten auf fruchtbaren Boden. Als sie aber Ende der 60er Jahre zum revolutionären Befreiungsschlag ansetzten, verweigerte Adorno die Gefolgschaft. Gewalt und Aktionismus lehnte er ab. Als Philosoph fühlte er sich nur für die Theorie zuständig, nicht aber für die praktische Umsetzung eines utopischen Gegenentwurfs: „Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie konnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen!“ Adornos Aufstieg endete nahezu tragisch. „Es ist schon einiges dran, dass 68 ihm das Herz gebrochen hat“, resümiert Rüdiger Safranski. Adorno starb 1969. 8. August 2003, 23.00 Uhr Der Bürger als Revolutionär Eine Dokumentation von Meinhard Prill und Kurt Schneider Eigentlich wollte Adorno Musiker werden. Er konnte singen, bevor er sprechen lernte. Doch in Wien, wo er bei Alban Berg Komposition studierte, fand er keinen richtigen Anschluss an die musikalische Avantgarde. Dafür lernte er Max Horkheimer kennen, den jungen Marxisten und späteren Direktor des Instituts für Sozialforschung. Was als freie Mitarbeit Adornos für das Institut begann, mündete in einen lebenslangen Männerbund. Horkheimer holte Adorno 1938 nach, in die USA, und rettete ihm so das Leben – Adornos Vater war Jude. Die deutschen Sozialforscher fanden sich im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb jedoch nicht zurecht. Es blieb ihnen nur der Rückzug ins Private. Während in Europa der Krieg tobte, schrieb Adorno die Werke, die seinen späteren Ruf begründeten: „Minima Moralia“ und zusammen mit Horkheimer die „Dialektik der Aufklärung“. Dass der Faschismus ohne Kapitalismus nicht zu erklären sei, war eine immer wieder geäußerte Einsicht Adornos in der Zeit des Exils. Den modernen Menschen sah er im „Verhängniszusammenhang“, gefangen in einer von ihm selbst technisierten Welt – mit fatalen Folgen: „Jeder Mensch heute fühlt sich zu wenig geliebt, weil jeder zu wenig lieben kann.“ In der „Studie über den autoritären Charakter“ versuchte Adorno, diese Tendenz auch in der amerikanischen Gesellschaft nachzuweisen und so Kritische Theorie und moderne empirische Sozialforschung zu verbinden.
|


von Meinhard Prill und Kurt Schneider

