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"Wer denkt, ist nicht wütend" hat er einmal gesagt, und dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Viele seiner philosophischen Kernsätze werden immer noch gern zitiert. Ein scharfsichtiger Denker, ein Protagonist der "Frankfurter Schule", aber die Person und der Mensch Theodor Wiesengrund Adorno blieben immer im Hintergrund.

Filmautor Kurt Schneider spricht in einem Interview mit Thomas Neuhauser über den explizit  biografischen Ansatz des Films, über das öffentliche und private Adorno-Bild und über die filmische Annäherung an einen der einflussreichsten Philosophen des letzten Jahrhunderts. Klicken Sie hier, um das Interview zu hören!

"Das Ganze ist das Unwahre"

Ein  exklusives Interview mit dem Adornoschüler, Philosophen und Schriftsteller Rüdiger Safranski über die Philosophie Adornos und seine Sicht der Studentenbewegung.


Herr Safranski, wie definierte Adorno Dialektik?

Irgendwann wollen wir einen Punkt machen, die Dinge zu etwas Festem machen, verdinglichen. Dialektik ist die unablässige Auflösung gegen jede Form von Festwerden, ein Programm gegen das Gerinnen, ein ständiges Rühren. Intransingenz gegen Verdinglichung: in dieser Formulierung finden sich auch Grundmotive von Adornos Denkens: Dialektik ist Anti-Verdinglichung. An diesem Punkt merkt man, dass Adorno das grandiose Programm des deutschen Idealismus auf seine Weise fortgesetzt hat. Denn vergessen wir nicht diese idealistische Trompete Schelling. Er beginnt seinen Essay über das Ich am Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Satz: das Ich ist etwas, das sich nicht zum Ding machen lässt, das ist der Nukleus des Idealismus: die Freiheit und Lebendigkeit zu retten gegen Versteinerung und Verdinglichung. Adorno setzt dieses Schelling’sche Programm der Antiverdinglichung fort.

Die bürgerliche Gesellschaft hat das Individuum gefördert, ihm Auftrieb gegeben, es aber zugleich auch entkernt, atomisiert zu einem Etwas, das man beliebig im Wirtschaftsprozess hin und herschieben kann, das nur zählt als ein Anbieter von Ware und Arbeitskraft und als Käufer von Ware. Einerseits bringt also die bürgerliche Gesellschaft Individualismus hervor,  macht aber daraus zugleich einen Fetisch. Und da ist der Umschlag von einer Chance in ein Verhängnis. Adorno versucht am Individuum das zu retten, was seine lebendige Besonderheit ist. Es ist die Fortsetzung eines idealistischen Programms, das aber - ganz anders - mit allen Wassern der Psychologie, der Soziologie und der Ökonomie gewaschen ist.

Es gibt in den Theoriegebilden Adornos auch die Stimme einer tiefen Verzweiflung. Die Verzweiflung darüber, dass möglicherweise das Leben in der Entfremdung, in der Verdinglichung, so sehr zur zweiten Natur werden könnte, dass man das Bewusstsein verliert, dass da ein Skandal passiert, dass einem da etwas fehlt. Manchmal kommt es mir schon so vor, als stünde Adorno eigentlich noch in einer gnostischen Tradition: das in der Welt sein bedeutet, in der falschen Veranstaltung zu sein. Dieser berühmte Satz Adornos „Das Ganze ist das Unwahre“ ist eigentlich ein zutiefst gnostischer Satz. Tausend Jahre früher hätte man gesagt: falsche Schöpfung.




Gibt es da nicht Gemeinsamkeiten zwischen Adorno und Heidegger?

An diesem Punkt – das Ganze ist das Unwahre –, an diesem Punkt der tiefen Verzweiflung über den gegenwärtigen Weltlauf, an diesem Punkt gibt es eine überraschende Nähe zu Heidegger, der von der notorischen Seinsvergessenheit spricht; der davon spricht, das wir im Gestell sind. Und Heidegger hat immer davor gewarnt zu glauben, dass man aus dem Gestell herauskommt. Auch Heidegger hat ähnlich wie Adorno eine interessante Antwort gegeben. Adorno sagt: „Leute, der Theorievollzug selber ist ein Stück Widerständigkeit, die Theorie selber ist schon diese Praxis  und was sagt Heidegger in seinem berühmten Humanismusbrief 1945/46? „Wir leben in einem falschen Verständnis von Theorie und Praxis, wir wollen das Denken immer so als instrumentelles Denken: Nein, das Denken selbst ist die Rettung des Humanen, das Denken selbst schon ist die Praxis. Er gibt an diesem Punkt genau dieselbe Antwort wie Adorno. Man denkt gegen etwas an und im Akt des Denkens wird die Würde des Denkens bewahrt.. Adorno und Heidegger wollen beide die würdevolle Selbstbezüglichkeit des Denkens, keine  Funktionalisierung des Denkens, keine Gebrauchsanweisung etc..

Was ist aber im Verlauf der Schöpfung Adorno zufolge schief gelaufen?

Adorno und Horkheimer haben in der Dialektik der Aufklärung versucht, einen Gründungsmythos für das Falsche, für den Verhängniszusammenhang zu erzählen. Sie berufen sich auf die berühmte Geschichte aus der Odyssee, als Odysseus bei den Sirenen vorbeifährt. Wenn man ihrem unendlich schönen Gesang folgte, ging man unter. Der listige Odysseus aber lässt sich von seiner Mannschaft an den Mastbaum fesseln. Die Ohren bleiben frei und die Ruderleute dürfen ihn auf keinen Fall, auch wenn er danach begehrt, entfesseln. Er will hören, aber gegen die Verlockung gefesselt sein, während für die Ruderer der Sirenengesang sowieso verboten ist. Diese Selbstfesselung des Subjektes gegen die Sinnlichkeit, dieser Zusammenhang von Naturbeherrschung als Fortschrittsprojekt und zugleich Selbstvergewaltigung, dieses Zurechtbiegen eines Subjekts, das dann funktionsfähig in diesem gesellschaftlichen Prozess ist, das ist für Adorno eine Urszene. Man kann fragen: Wie beginnt das Falsche ? – Es beginnt in der Dialektik von Naturbeherrschung und Vergewaltigung der eigenen Natur.

Welchen Einfluss hatte die Zeit in Amerika auf Adornos und Horkheimers Denken?

Ursprünglich noch in den 20/30er Jahren haben Adorno und Horkheimer die eher klassische Spur verfolgt: Kapitalismus im Zustand seiner Konzentration und Krise ist politischer Faschismus. Dieser innige Zusammenhang ist fast schon eine Monokausalität. Dann, in der amerikanischen Zeit, gibt es zwei wichtige Erfahrungen für Adorno: zum einen Kulturindustrie – das ist auch ein Gesicht des Kapitals in Bezug auf die verwertete Kultur -  und zum anderen die New-Deal-Politik. Offenbar hat die amerikanische. Kultur ein demokratisches Potential, das einen Umschlag der Krise in den Faschismus verhindert hat. Diese Erfahrung hat den Blick verändert, bei Horkheimer noch mehr als bei Adorno. Als sie zurückkommen sehen sie stärker die deutsche Besonderheit und analysieren den Faschismus auch mehr im Zusammenhang mit der Psychologie, der Psychoanalyse autoritärer Charaktere usw. So ist seit der US-Zeit ihre Faschismusanalyse viel weiträumiger konzipiert.




Bei Adorno wird noch ein weiterer Aspekt, der vom jungen Benjamin herkommt, deutlich: Walter Benjamin hatte in den frühen 20er Jahren : „ Der  Kapitalismus als Religion“ geschrieben. Darin hatte er die Frage aufgeworfen: „Analysieren wir unsere Gesellschaftsform zureichend, wenn wir sie nur in psychologischen und ökonomischen Kategorien beschreiben?“. Aus meiner Sicht verfolgt Adorno nach dem Krieg dieses alte Benjamin-Programm: dass Kapitalismus als Religion der Moderne aufzufassen ist, als eine sich globalisierende Religion der säkularisierten Moderne mit vielen politischen Ausdrucksformen - Faschismus ist nur eine Ausdrucksform, die als großer Betriebsunfall der Geschichte angesehen werden muss

Wie stand Adorno zur 68er Bewegung?

Bei der Generation, die wie Adorno aus dem Exil zurückgekommen ist und es dann mit erregten Massen zu tun hat – egal ob das Thema der Erregung ein linkes oder rechtes ist - gibt es gegen diese Massenphänomene eine tiefe Traumatisierung. Für Adorno war Masse im Zustand der Erregung eine traumatische Wiedererinnerung an den Nationalsozialismus.

Hinzu kam für ihn dann das große Problem, dass er bemerkte, selber für die Studentenbewegung sehr viele Stichworte geliefert zu haben, was ihm auch geschmeichelt hatte. Da zündet etwas, aber es zündet dann so, dass er Angst bekam vor den Gespenstern, die er gerufen hatte. Und dann bemerkte er ein fundamentales Missverständnis. Wenn man über dieses Missverständnis nachdenkt, kommt man auch ins Herz seiner Theorie. Er hatte das messianische Potential des Marxismus beiseite geschoben und war zu einem Verständnis von Theorie gekommen, an dem die Beweglichkeit des Denkens, an dem das sich nicht Anpassen an irgendwelche Mainstreams, an dem das Denken selbst - wie die Kunst - ein Ort der Freiheit war. Nicht dass man mit der Theorie jemanden befreit oder dass man mit der Theorie eine Strategie entwickelt. Nein, es war ein Glück, Theorie zu betreiben, es war ein Zustand intensiver Lebendigkeit. Was wir Studenten damals nicht begreifen wollten, was Adorno aber unablässig sagte: Leute, es kommt nicht darauf an, Theorie und Praxis in einem instrumentellen Verhältnis zu verbinden, wir müssen die Theorieproduktion selbst als eine Möglichkeit begreifen, aus dem Verhängniszusammenhang zu entrinnen. Wenn das Ganze auch das Unwahre ist, so müssen wir es doch wenigstens in der Theorie zu begreifen versuchen.

Das Interview führte Meinhard Prill, einer der Autoren der Dokumentationen "Adorno - Wer denkt, ist nicht wütend" und "Adorno - Der Bürger als Revolutionär" , im November 2002

Informationen zu Rüdiger Safranski finden Sie, wenn Sie hier klicken.


Weitere Links zur Philosophie Adornos:

http://www.tu-harburg.de/rzt/rzt/it/kritik/
Ausführlicher Artikel über die Frankfurter Schule und die kritische Theorie

http://acnet.pratt.edu/%7Earch543p/help/Adorno.html
John Lechte, Routledge, 1994.
Artikel über Adorno, sein Leben und seine Philosophie im Kontrast zu anderen Theoretikern (in englischer Sprache).

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/poetik/adorno.htm
über Adornos Leben, seine Werke und seine Rolle als Literaturwissenschaftler




http://www.ifs.uni-frankfurt.de/index.html
Das Institut für Sozialforschung verwaltet den Nachlass Adornos

http://www.praxisphilosophie.de/adorno.htm#TM4
Umfangreicher Linksammlung, Bibliographie und Kritik von Adornos Schriften

(c) Foto Suhrkamp Verlag



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