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Die bürgerliche Gesellschaft hat das Individuum gefördert, ihm Auftrieb gegeben, es aber zugleich auch entkernt, atomisiert zu einem Etwas, das man beliebig im Wirtschaftsprozess hin und herschieben kann, das nur zählt als ein Anbieter von Ware und Arbeitskraft und als Käufer von Ware. Einerseits bringt also die bürgerliche Gesellschaft Individualismus hervor, macht aber daraus zugleich einen Fetisch. Und da ist der Umschlag von einer Chance in ein Verhängnis. Adorno versucht am Individuum das zu retten, was seine lebendige Besonderheit ist. Es ist die Fortsetzung eines idealistischen Programms, das aber - ganz anders - mit allen Wassern der Psychologie, der Soziologie und der Ökonomie gewaschen ist. Es gibt in den Theoriegebilden Adornos auch die Stimme einer tiefen Verzweiflung. Die Verzweiflung darüber, dass möglicherweise das Leben in der Entfremdung, in der Verdinglichung, so sehr zur zweiten Natur werden könnte, dass man das Bewusstsein verliert, dass da ein Skandal passiert, dass einem da etwas fehlt. Manchmal kommt es mir schon so vor, als stünde Adorno eigentlich noch in einer gnostischen Tradition: das in der Welt sein bedeutet, in der falschen Veranstaltung zu sein. Dieser berühmte Satz Adornos „Das Ganze ist das Unwahre“ ist eigentlich ein zutiefst gnostischer Satz. Tausend Jahre früher hätte man gesagt: falsche Schöpfung. Gibt es da nicht Gemeinsamkeiten zwischen Adorno und Heidegger? An diesem Punkt – das Ganze ist das Unwahre –, an diesem Punkt der tiefen Verzweiflung über den gegenwärtigen Weltlauf, an diesem Punkt gibt es eine überraschende Nähe zu Heidegger, der von der notorischen Seinsvergessenheit spricht; der davon spricht, das wir im Gestell sind. Und Heidegger hat immer davor gewarnt zu glauben, dass man aus dem Gestell herauskommt. Auch Heidegger hat ähnlich wie Adorno eine interessante Antwort gegeben. Adorno sagt: „Leute, der Theorievollzug selber ist ein Stück Widerständigkeit, die Theorie selber ist schon diese Praxis und was sagt Heidegger in seinem berühmten Humanismusbrief 1945/46? „Wir leben in einem falschen Verständnis von Theorie und Praxis, wir wollen das Denken immer so als instrumentelles Denken: Nein, das Denken selbst ist die Rettung des Humanen, das Denken selbst schon ist die Praxis. Er gibt an diesem Punkt genau dieselbe Antwort wie Adorno. Man denkt gegen etwas an und im Akt des Denkens wird die Würde des Denkens bewahrt.. Adorno und Heidegger wollen beide die würdevolle Selbstbezüglichkeit des Denkens, keine Funktionalisierung des Denkens, keine Gebrauchsanweisung etc..Was ist aber im Verlauf der Schöpfung Adorno zufolge schief gelaufen? Adorno und Horkheimer haben in der Dialektik der Aufklärung versucht, einen Gründungsmythos für das Falsche, für den Verhängniszusammenhang zu erzählen. Sie berufen sich auf die berühmte Geschichte aus der Odyssee, als Odysseus bei den Sirenen vorbeifährt. Wenn man ihrem unendlich schönen Gesang folgte, ging man unter. Der listige Odysseus aber lässt sich von seiner Mannschaft an den Mastbaum fesseln. Die Ohren bleiben frei und die Ruderleute dürfen ihn auf keinen Fall, auch wenn er danach begehrt, entfesseln. Er will hören, aber gegen die Verlockung gefesselt sein, während für die Ruderer der Sirenengesang sowieso verboten ist. Diese Selbstfesselung des Subjektes gegen die Sinnlichkeit, dieser Zusammenhang von Naturbeherrschung als Fortschrittsprojekt und zugleich Selbstvergewaltigung, dieses Zurechtbiegen eines Subjekts, das dann funktionsfähig in diesem gesellschaftlichen Prozess ist, das ist für Adorno eine Urszene. Man kann fragen: Wie beginnt das Falsche ? – Es beginnt in der Dialektik von Naturbeherrschung und Vergewaltigung der eigenen Natur. Welchen Einfluss hatte die Zeit in Amerika auf Adornos und Horkheimers Denken? Bei Adorno wird noch ein weiterer Aspekt, der vom jungen Benjamin herkommt, deutlich: Walter Benjamin hatte in den frühen 20er Jahren : „ Der Kapitalismus als Religion“ geschrieben. Darin hatte er die Frage aufgeworfen: „Analysieren wir unsere Gesellschaftsform zureichend, wenn wir sie nur in psychologischen und ökonomischen Kategorien beschreiben?“. Aus meiner Sicht verfolgt Adorno nach dem Krieg dieses alte Benjamin-Programm: dass Kapitalismus als Religion der Moderne aufzufassen ist, als eine sich globalisierende Religion der säkularisierten Moderne mit vielen politischen Ausdrucksformen - Faschismus ist nur eine Ausdrucksform, die als großer Betriebsunfall der Geschichte angesehen werden muss Hinzu kam für ihn dann das große Problem, dass er bemerkte, selber für die Studentenbewegung sehr viele Stichworte geliefert zu haben, was ihm auch geschmeichelt hatte. Da zündet etwas, aber es zündet dann so, dass er Angst bekam vor den Gespenstern, die er gerufen hatte. Und dann bemerkte er ein fundamentales Missverständnis. Wenn man über dieses Missverständnis nachdenkt, kommt man auch ins Herz seiner Theorie. Er hatte das messianische Potential des Marxismus beiseite geschoben und war zu einem Verständnis von Theorie gekommen, an dem die Beweglichkeit des Denkens, an dem das sich nicht Anpassen an irgendwelche Mainstreams, an dem das Denken selbst - wie die Kunst - ein Ort der Freiheit war. Nicht dass man mit der Theorie jemanden befreit oder dass man mit der Theorie eine Strategie entwickelt. Nein, es war ein Glück, Theorie zu betreiben, es war ein Zustand intensiver Lebendigkeit. Was wir Studenten damals nicht begreifen wollten, was Adorno aber unablässig sagte: Leute, es kommt nicht darauf an, Theorie und Praxis in einem instrumentellen Verhältnis zu verbinden, wir müssen die Theorieproduktion selbst als eine Möglichkeit begreifen, aus dem Verhängniszusammenhang zu entrinnen. Wenn das Ganze auch das Unwahre ist, so müssen wir es doch wenigstens in der Theorie zu begreifen versuchen. Das Interview führte Meinhard Prill, einer der Autoren der Dokumentationen "Adorno - Wer denkt, ist nicht wütend" und "Adorno - Der Bürger als Revolutionär" , im November 2002 http://acnet.pratt.edu/%7Earch543p/help/Adorno.html http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/poetik/adorno.htm http://www.ifs.uni-frankfurt.de/index.html http://www.praxisphilosophie.de/adorno.htm#TM4 |


"Wer denkt, ist nicht wütend" hat er einmal gesagt, und dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Viele seiner philosophischen Kernsätze werden immer noch gern zitiert. Ein scharfsichtiger Denker, ein Protagonist der "Frankfurter Schule", aber die Person und der Mensch Theodor Wiesengrund Adorno blieben immer im Hintergrund.

