
Theodor W. Adorno in Frankreich
Warum ist Adorno in Frankreich viel weniger bekannt als sein Landsmann Heidegger? Erst kürzlich erschien dort eine Publikation mit dem Titel "Heidegger und Frankreich". Ein ähnliches Unterfangen über Adorno ist in Frankreich undenkbar, meint der Philosophieprofessor Miguel Abensour, der sich für die Übersetzung von Adornos Schriften ins Französische sehr eingesetzt hat.
Will man die Präsenz Adornos in Frankreich beschreiben, so scheint sich ein bestimmtes Bild aufzudrängen: Es scheint so etwas wie eine Entwicklung vom Widerstand zur Aufnahme zu geben. Außerdem muss man wissen, von welchem Adorno die Rede ist. Geht es um den Musikwissenschaftler, den Soziologen, den Ästhetik-Theoretiker, den Philosophen, den Literaturkritiker? Vermutlich fällt die Antwort je nach Blickwinkel unterschiedlich aus. Wir betrachten hier Adorno als den, der er vornehmlich ist – ein kritischer Theoretiker. Die kritische Theorie ist jene zwischen Philosophie und Soziologie angesiedelte Form des Denkens, die sich unter der Federführung Max Horkheimers mit einer einheitlichen, an der Emanzipation orientierten Kritik der modernen Gesellschaft befasste. Dieser neuartige Versuch, der innerhalb der Philosophie das darstellt, was die avantgardistischen Strömungen in der Kunst sind, ist unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt geworden. Adornos vielseitiges Genie ist gewissermaßen die Inkarnation dieser kritischen Theorie selbst. Mit seinem Denken stieß Adorno auf Widerstand sowohl bei den Philosophen als auch bei den Soziologen, während es in der Musikwissenschaft Zustimmung finden konnte, insofern es an kritischer Schlagkraft verlor. (T. W. Adorno, Philosophie de la nouvelle musique (Philosophie der neuen Musik), 1962, Editions Gallimard, Essai sur Wagner (Versuch über Wagner), 1966, Editions Gallimard). Es ist schwierig, diesen Widerstand zu analysieren: Mehrere Elemente fließen hier mit ein, so ein dogmatischer, gegenüber abweichendem Gedankengut wenig aufgeschlossener Marxismus, ein liberales Denken (R. Aron), das darum bemüht war, keine Proteste gegen die etablierte Ordnung aufkommen zu lassen. Hinzu kam die Phänomenologie bzw. das Wirken Heideggers, welcher merkwürdigerweise in Frankreich all diejenigen beeinflusste, die zu einer kritischen Position gelangen wollten. Vor kurzem sind zwei Bände zum Thema Heidegger in Frankreich (Heidegger et la France) von D. Janicaud erschienen. In Bezug auf Adorno wäre ein solches Unterfangen unvorstellbar und aufgrund mangelnden Materials nicht durchführbar. Entsprechend aussagekräftig ist Folgendes: Als die französische Ausgabe der Negativen Dialektik (Dialectique négative) 1978 veröffentlicht wurde, widmete eine Abendzeitung dem Werk einige Zeilen, in denen sie einzig und allein mitteilte, dass es sich hierbei um eines der wichtigsten philosophischen Bücher des Jahrhunderts handele. In der selben Ausgabe jedoch wurde auf zwei ganzen Seiten ein typisch französisches Buch über die Ontologie des Geheimnisses besprochen.
Erst nach 1968 begann wirklich die Adorno-Rezeption in Frankreich. Zunächst trug die Entdeckung des Werkes von H. Marcuse, einem weiteren Mitglied der Frankfurter Schule, dazu bei, relativ spät lenkte dann die Kritik der Herrschaft, die auf den Straßen sichtbar geworden war, die Aufmerksamkeit auf die kritische Theorie und ihre emanzipatorische Zielsetzung. Vor entschieden antiautoritärem Hintergrund wurden in der Reihe Critique de la politique beim Verlag Payot dann nacheinander folgende französische Ausgaben der Werke Adornos veröffentlicht: Dialectique négative (Negative Dialektik) (1978), Trois études sur Hegel (Drei Studien zu Hegel) (1979), Minima Moralia (1980), Modèles critiques (Kritische Modelle) (1984), Prismes (Prismen) (1986), Kierkegaard (1995). In diese Phase fiel auch die Veröffentlichung des von Max Horkheimer und T. W. Adorno verfassten Kultbuches der Frankfurter Schule La Dialectique de la raison“ (Dialektik der Aufklärung) im Jahr 1974 beim Verlag Gallimard, das einige der einflussreichsten französischen Philosophen, wie vor allem J. Lacan, inspiriert hat. Seither hat sich die Rezeption Adornos als kritischer Theoretiker auf vielfältige Weise fortgesetzt. Sowohl in der Musik als auch bei ästhetischen, literarischen oder ontologischen Fragestellungen gilt Adorno in Frankreich unter seinen Lesern mittlerweile als „Späher“, der die komplexen Wege der Herrschaft zu erhellen und die Chancen der Freiheit zu erhöhen sucht. Die Leser erkennen heute in Adornos Werk eine radikale Kritik der Moderne, deren Wurzeln außerhalb der Utopie und in dem, was anders ist, was noch nicht begonnen hat, liegen. Sie steht damit im offenen Gegensatz zu Heideggers Kritik, denn sie ist „entschieden modern“ und beinhaltet keinerlei Sehnsucht nach vormodernen Lebensformen. Adorno bewegt sich in einem schwierigen Zwischenraum zwischen der ungebrochenen Behauptung der Philosophie und ihrer bürokratischen Negierung und sucht unablässig nach neuen kritischen Räumen für die Philosophie, in denen sie nur in ihrer nicht befriedeten Beziehung zu ihrem Äußerlichen, dem Nichtidentischen wahrgenommen wird.
Man könnte glauben, dass das „Ende der Utopie“, der Erfolg der Rechtsstaatlichkeit und die Durchsetzung der repräsentativen Demokratie der Rezeption dieser kritisch-utopischen Philosophie ein Ende gesetzt hätten. Ist es aber bei näherer Betrachtung nicht so, dass die Ereignisse des 11. September der Kritik T. W. Adornos eine neue Aktualität verliehen haben? Und nicht nur seiner Kritik, sondern auch seinem Denken, in dessen Zentrum die ständige Katastrophe steht, das aber zugleich nach den Lichtblicken zarter Glücksversprechen und der Möglichkeit der Erlösung sucht.
Miguel Abensour 22. Juli 2003
M. Abensour ist emeritierter Professor für politische Philosophie an der Université de Paris 7-Denis Diderot. Leiter der Reihe Critique de la politiqu (Payot-Rivages). Ehemaliger Präsident des Collège International de Philosophie (1985-1987). Veröffentlichungen: 1)La démocratie contre l’Etat, P.U.F. 1997 2)L’Utopie de Thomas More à Walter Benjamin, Sens & Tonka, 2000 3)Le Procès des Maîtres Rêveurs, Sulliver 2000 4)L’Ecole de Francfort: la théorie critique entre philosophie et sociologie. In Zusammenarbeit mit Géraldine Muhlmann, Tumultes n°17-18, Mai 2002
Demnächst erscheint in Zusammenarbeit mit Anne Kupiec: Saint-Just Oeuvres complètes. Einführung (M. A.) Lire Saint-Just. Editions Gallimard Folio, 2003
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