
Das Verstummen Adornos
 Der Cellist Frank Wolff, ehemaliger Schüler Adornos und einer der Besetzer des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt 1969, hat zum 100. Geburtstag Adornos eine Collage komponiert aus der Musik, die Adorno liebte und die ihn erschreckte! Zu hören ist hier eine Audiodatei mit einem 5minütigen Ausschnitt aus Wolffs Konzert.
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"Diese Musik für Cello solo bildet die Schlusspassage der gleichnamigen Veranstaltung "Das Verstummen Adornos" vom 11.04.03. im Frankfurter Kunstkeller am Höchster Schlossplatz (Wiederholung am 4.10.03 in Freiburg/Breisgau und unter dem Titel „Musik – die Muttersprache Adornos“ am 20.11.03 im Literaturhaus Frankfurt). Darin untersuche ich die Frage, warum Adorno aufhörte, Musik zu schreiben, und sich stattdessen mehr und mehr für die Theorie entschied. In meiner Musik tauchen Motive, die Adorno besonders liebte (oder die ihn abschreckten), auf spezielle Weise auf: Sie schwimmen quasi in einem Klang aus tief atmenden Flageoletts und Halb-Flageoletts, die sich nach einer anfänglichen Idylle und einem Schock fast zeitlos ausbreiten. Am Ende stockt die Musik, wird sehr, sehr leise – und verstummt. Kurzes Nachspiel von Bach: der Schluss aus dem Cello-Prélude in Es-Dur." Frank Wolff, Juli 2003
Mit dem Rücken zum Publikum
Fragen an den Adornoschüler, Philosophen und Schriftsteller Rüdiger Safranski zum Kunstverständnis von Adorno:
Was war für Adorno Kunst ? Adorno bevorzugte eine Kunst, die gewissermaßen mit dem Rücken zum Publikum steht. Wie in der katholischen Kirche die Wandlung: die Priester wenden sich ab. Sie müssen das tun, nicht um das Publikum zu beleidigen, sondern um das zu schützen, was im Innersten der Kunst geschieht. Diese Geste - bloß keine Gefälligkeit - die Strenge der Kunst, das sich ihr hingeben, dieser Logik zu folgen und keine gefälligen Kompromisse zu machen. Dann wird ein natürlich erlesenes Publikum auf andere Weise in die Kunst reinkommen. Bloss kein Marktschreiertum. Da haben wir wieder den fast sakralen Raum. Nur: Adorno hat zugleich auch immer davor gewarnt, einen Fetisch daraus zu machen. Die Betulichkeit, derer die den Geist schützen wollen vor der Gesellschaft, war ihm auch suspekt. Adorno wollte, dass das sogenannte Publikum, die Bereitschaft entwickelt, sich anzustrengen, sich hineinführen zu lassen, dann wird man belohnt. Aber es soll nicht das Kunstwerk auf das Publikum zugehen. Der spröde Charme der Kunst sollte das Publikum verlocken, die Anstrengung auf sich zunehmen hinein zu kommen und wird dann mit einem anderen Zustand belohnt.
Ist das nicht ein großbürgerliches Denken? Dieses Publikumsmodell ist weder klein- noch grossbürgerlich, es ist eher aristokratisch. Beim großbürgerlichen Kunstverständnis am Ende des 19. Jahrhunderts gibt es auch den Willen zur Esoterik und zum Erlesenen, und auch die Haltung, das eine große Vereinnahmung der Kunst durch die Massen eher Beschmutzung ist. Für Adorno aber wäre dieser großbürgerliche Umgang selber noch eine Art der Fetischisierung gewesen. Der Großbürger stattet sich auch noch mit grossen Gefühlen aus, für die dann die Kunst zuständig ist. Das war ihm suspekt. Nein, es war eher ein Modell der höfischen Kultur, der stimmigen Vornehmheit, in die Kunst eingebettet war, teils im sakralen, teils im höfischen Raum, jenseits aller Verlockungen, dass man einem Publikum gefallen müsste. Kunst war vielmehr mäzenatisch geschützt, damit die Kunst zu ihrem eigenen Stolz finden kann, so ungefähr hat sich Adorno das zurecht gelegt.
Das exklusive Interview für ARTE führte Meinhard Prill, einer der Autoren der Dokumentationen "Adorno - Wer denkt, ist nicht wütend" und "Adorno - Der Bürger als Revolutionär", im November 2002
Informationen zu Rüdiger Safranski finden Sie, wenn Sie hier klicken.
Einen Radioessay von Jakob Ullmann über Adornos Musiktheorie und deren heutige Bedeutung können Sie unter http://www.swr.de/swr2/hoergeschichte/sendungen/991101_altern/ nachlesen
(c) Foto Suhrkamp Verlag
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