
Die Guten, die Bösen und das Geschäft
Die Rivalität zwischen den Beatles und den Rolling Stones befeuerte mehr als eine Musiker-Generation
ARTE-Gastautor Wolfgang Doebeling, 52, lebt in Berlin. Der Autor und Musikkritiker schreibt für den "Rolling Stone".
Elvis hatte sich bereits zum Entertainer gewandelt und ruinierte mit jeder mäßigen Platte, mit jedem lausigen Film das eigene Denkmal, als ihn und uns ganz unvorbereitet der Beat traf. Was als "British Invasion" in die Annalen des Pop einging, war weit mehr als Englands Beitrag zur Kulturgeschichte. Zum zweiten Mal nach Elvis wurde Rock'n'Roll zu einem Antriebsaggregat für gesellschaftliche Veränderung, in globalem Maßstab. Als die Beatles Amerika erobert hatten und man auch in Indien und Chile wusste, wer die Rolling Stones waren, begannen sich Risse zu bilden, nicht nur im Musikbetrieb. Geldströme änderten ihre Laufrichtung, Werte wurden in Frage, Normen auf den Kopf gestellt. Und in den neugeschaffenen Freiräumen wurden Ideen-Labors eingerichtet. Die Illusion von der Unbegrenztheit der Möglichkeiten fand überall Futter, nirgendwo jedoch so viel als eben in der Musik. Im Rückblick wird dieser Ausbruch aus dem Käfig der Konventionen als Ideologie geschmäht, als Scheinausbruch aus einer Wirklichkeit, die schnell wieder die Oberhand gewinnen sollte. Doch es gab diese Zeit, als eine neue Stones-Single oder Beatles-LP die Welt aus den Angeln zu heben schien. Kindisch? Meinetwegen, aber verdammt aufregend.
"The Beatles" and "The Stones". Die großen Antipoden, die einen putzig, die anderen schmutzig. Sie brauchten einander und waren sich dessen wohl bewusst. John Lennon sprach von zwei Seiten derselben Medaille, man war befreundet, traf sich regelmäßig zum Meinungsaustausch. Und war peinlich darauf bedacht, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen. In Sachen Veröffentlichungspolitik wurde ein Nichtangriffspakt geschmiedet, der die ganzen 60er Jahre über hielt. Die Beatles warteten mit "Ticket To Ride", bis "The Last Time" seinen Lauf auf Platz 1 der Charts beendet hatte, und ließen "Paint It Black" den Vortritt vor "Paperback Writer". Die Stones störten nicht die Kreise von "All You Need Is Love" mit "We Love You" und hielten "Jumping Jack Flash" in der Warteschleife, bis "Lady Madonna" sich aus den Top-Ten verabschiedet hatte. Eine Art Gentleman's Agreement, meinte Mick Jagger später feixend, das beiden Rivalen geholfen habe, ihren Nimbus zu wahren.
Gut, dass wir das nicht wussten seinerzeit. Es hätte eine Menge kaputt gemacht in diesem Klima totaler Identifikation. Man konnte nicht Stones-Fan sein und zugleich die Beatles mögen. Das heißt, einige konnten das schon. Die angepassten, lauen Typen. Kurzhaariges, ignorantes Pack. Behauptete doch glatt, das sei alles doch nur Geschmackssache. Nicht so wichtig. Dafür traf sie unsere Verachtung härter als die braven Musterschüler, die sich (wenigstens) als Fans der Pilzköpfe zu erkennen gaben. Und damit garantiert nirgendwo aneckten. 1965 statuierte unser Musiklehrer ein Exempel. Wir Schüler durften unsere Lieblingsplatten zum Unterricht mitbringen, wurden entsprechend gelobt und getadelt. Die Schleimer schleppten Verdi-Opern an oder doch immerhin die Beatles, deren "Yesterday" vom verhassten Anstaltstyrannen mit gönnerhaftem Wohlwollen bewertet wurde. Für einen Schlager sei das so übel nicht. Das von mir ins aussichtslose Rennen um seine Gunst geschickte "Satisfaction" brachte ihn an den Rand eines Tobsuchtsanfalls. Mit hochrotem Kopf und vor Erregung bebender Stimme bewies der Pädagoge uns den Unwert dieses "schändlichen Krachs", indem er eine Partitur-Skizze davon an die Tafel malte.
Das sei keine Musik, sondern "Gegröle aus dem amerikanischen Busch". Doebeling setzen, sechs. Und die Klasse applaudierte ihm mehrheitlich, die Verdi-Pfeifen und Beatles-Streber ergriffen Partei gegen mich und höhnten: Da siehst du es, die Stones sind blöde Affen. Nein, mit den albernen Beatles und ihrem wachsweichen Anhang wollte ich nichts zu tun haben. Und fuhr trotzdem nach München, wo die "Fab Four" im Circus Krone auftraten. Vor tausend kreischenden, kleinen Mädchen. Fesch sahen sie aus in ihren adretten Anzügen. Was sie indes spielten, ging im Geschrei der Girlies unter. Egal, war eh Kindergarten, gemessen an den Stones. Essen, Grugahalle: Die Fans ekstatisch, berittene Hundertschaften, Wasserwerfer draußen. Drinnen Delirium tremens. Heute würden die damals aufgebotenen Amps nicht einmal ausreichen, eine Disco zu beschallen, doch uns dröhnte der harte Stones-Beat noch stundenlang in den Ohren. In den Gesichtern der hochgeputschten Fans stand ungläubiges Staunen. Ein Drama in 15 kurzen Akten, nach einer knappen dreiviertel Stunde war alles vorbei. Alles? Nein, danach gab's die obligate Randale. Die Beatles galten als beispielhaft bei Omis und Onkeln. Weil sie zwar ein bisschen vorlaut waren, vor allem John, und wohl auch gern Schabernack trieben, vor allem Ringo, sich dabei aber stets nett und natürlich gaben. Und bei den Kulturverwaltern, weil sie musikalisch doch so gelehrig, ja kunstfertig waren. Kaum ein Feuilleton, das "Sgt. Pepper's" nicht beweihräuchert hätte. Pomp & Circumstance statt Rock'n'Roll, da mochte man mit Anerkennung nicht geizen. Die Stones dagegen polarisierten. Während die blitzsauberen Günstlinge aus Liverpool mit Marshmellow-Melodien ("Michelle, ma belle") um ein breites Publikum buhlten, warfen uns die Stones ihre ungeschliffenen, verdreckten Brocken vor die Füße. Rohdiamanten. Take it or leave it. Und wir nahmen ihnen die sorgsam kultivierte Fünf-gegen-den-Rest-der-Welt-Attitüde nur zu gern ab. Das war Bravado mit Stil und Gefühl. Die Erwachsenenwelt tat uns den Gefallen, die Stones und ihre Fans in Acht und Bann zu tun. Angewidert wandte man sich ab, keine Chance für Kompromisse. Klingt heute wie ein Klischee, ist aber wahr: "The Rolling Stones" stand für Gefahr, für Sex und Revolte. Als Reiter der Apokalypse wurden sie von kopflosen Klerikern gefürchtet, als Totengräber abendländischer Kultur geisterten sie durch manch tümelnden Kommentar. Kein Fanal, das man den Stones nicht aufgesetzt hätte. Andrew Loog Oldham, Kurator und Profiteur der Bürgerschreck GmbH, platzte fast vor Stolz auf die geniale Charade, konnte später aber nicht verhehlen, dass ihm oft Angst und Bange wurde angesichts des Hasses, der ihnen entgegenschlug, angesichts der Hysterie, mittels derer Politiker auf der ganzen Welt ihre Profilneurosen therapierten. Law & Order gegen lange Haare, lauten Blues und längere Zungen als die Polizei erlaubte. "Es war wie Bürgerkrieg", erinnert sich Oldham kopfschüttelnd, "und wir hatten keinen Schimmer, wie wir da hineingeraten waren". Biedermann und die Brandstifter? Nein, denn die Idee war ja reiner Pop. Nicht von der Sorte "I feel fine 'cause she's my little girl", sondern der dunklen, düsteren Seite des Lebens zugewandt: "I look inside myself and see my heart is black". Trotz statt Treuherzigkeit. Eine Herausforderung, klar. Der Fehdehandschuh wurde aufgenommen, Staaten und Städte antworteten mit Verboten und Verbannung. Man rüstete auf gegen diese Rüpel, zeigte Flagge. Die Rolling Stones waren eine Piratengaleere, die Beatles ein Segelschulschiff. Und zogen demgemäß äußerst gegensätzliche Menschen an. Meine Mutter erschrak ob der verwegenen Gestalten, die ab 1964 von den Wänden meines Zimmers herabblickten, lässig und aufsässig. Ungepflegt, sagte meine Mutter. Und sehnte sich zurück ins Jahr 1963, als die freundlichen Moptops für ein paar Monate dafür sorgten, dass von der Tapete nichts mehr zu sehen war.
Captain Beefhearts Vorlieben waren, wen wundert's, anders gepolt. Wiewohl er einst aus amüsierter Distanz urteilte, dass Stones-Fans "entweder extrem blöd oder äußerst gescheit" wären, während die Beatles ihre Fans nur aus dem Bereich dazwischen rekrutierten. Eine Beobachtung, die so falsch nicht ist. Tatsächlich übten die Stones schon Ende der 60er Jahre eine seltsame Faszination auf die Intelligenz aus. Und zogen zugleich die dumpfsten Prolls. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Beatles schon gevierteilt und die Stones waren plötzlich konkurrenzlos, spielten in ihrer eigenen Liga. Und avancierten, ihr Outcast-Image konservierend, zu Darlings der Society. Konzertkritiken begannen mit Aufzählungen der Fans in der ersten Reihe. Andy Warhol und Truman Capote, prominente Politiker und, ganz aus dem Häuschen, deren Frauen, die ebenso spitz und verzückt "Mick!" riefen wie die Backfische auf den billigen Plätzen. Sex! Hatten die Beatles auch nie. Bei der 69er-Tour kippte der Outsider-Appeal der Stones ins andere Extrem. Stones-Verächter wurden nun des Spießertums geziehen, in eben jenen Feuilletons und hehren Institutionen, wo eben noch mit gerümpfter Nase über diese Parvenüs aus London parliert wurde. Jetzt ließ man sich herbei, das "U" zum "E" zu erklären. Neben Bob Dylan, Leonard Cohen, Jimi Hendrix, Johnny Cash, Jim Morrison und Aretha Franklin, den üblichen Verdächtigen also, fanden sich nun auch Pop-ferne Kollegen ein, das Phänomen zu ergründen. Leonard Bernstein klebte mehrere Konzerte lang an Keith Richards' Verstärker, auf der Suche "nach musikalischer und spiritueller Erleuchtung". Ob er sie fand, wissen wir nicht. "Ganz unerhört" fand er jedenfalls den archaischen Lärm, den seine empfindsamen Ohren erdulden mussten. Um eine Stellungnahme gebeten, zeigte sich der sonst so wortgewaltige, musikpädagogisch gebildete Star-Dirigent ratlos. Mr. Richards, so Bernstein, spiele eigentlich nicht rhythmuskonform, sondern eile dem Takt gelegentlich voraus und setze oft der Melodie gegen-läufige Akzente. Kurzum, es klinge ungeheuer vitalisierend, doch wisse er nicht so recht, warum. Richards zu Bemstein: "Welcome to the club."
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