
Olivier Revault d'Allonnes
1. Was bedeutet Adorno für Sie persönlich?
Mit seiner offenen und klugen Auslegung des Marxismus hat Adorno die theoretischen Irrwege der stalinistischen Ideologien offengelegt. Dies führt ihn vor allem zur Formulierung einer Ästhetik, die die Revolutionen der Künstleravantgarde des 20. Jahrhunderts, besonders in der Musik, legitimiert. Für Adorno ist die Musiksoziologie kein Instrument zur Positionsbestimmung der Musik innerhalb der Gesellschaft, sondern für die Herausarbeitung des Gesellschaftlichen in der Musik – nicht nur in Bezug auf den Notentext, sondern auch hinsichtlich der verschiedenen Spieltechniken, der Instrumente, der Künstler, der Programme usw. Adorno schrieb vornehmlich über Beethoven, Wagner, Mahler, Schönberg und Strawinsky. Er komponierte auch selbst, unter anderem ein Streichquartett.
2. Wo sehen Sie heute noch Wirkungen Adornos auf die aktuelle kulturpolitische Diskussion?
Adorno, Horkheimer, Marcuse, Benjamin und andere Philosophen der Epoche hatten die politische, wirtschaftliche, kulturelle und ideologische Barbarei, die heute die Welt regiert, bereits vorausgesehen. Daher finden ihre Theorien zur Zeit auch nicht sehr große Beachtung. Sie werden erst dann wieder an Aktualität gewinnen, wenn sich die Positionen gegen den sogenannten „Spätkapitalismus“ (Adorno), die schlechteste aller Gesellschaftsstrukturen, in der Gesellschaft verschärfen.
3. Gibt es etwas, was Sie Adorno vorwerfen? Warum?
Ich bedauere, dass es Adorno als gewissermaßen traditionellem Akademiker nicht immer gelungen ist, die poetische, ja geradezu romantische Intuition Walter Benjamins zu verstehen.
Olivier Revault d'Allonnes
Olivier Revault d'Allonnes, geboren 1923. Hochschullehrer für Philosophie. Ausgezeichnet mit der Rosette de la Résistance. Dozent, dann Professor (1972-1989) an der Université de Paris I Panthéon-Sorbonne. Wichtige Veröffentlichungen: La création artistique et les promesses de la liberté (Klincksiek), Plaisir à Beethoven (Christian Bourgois), Musiques. Variations sur la pensée juive (ebd.), Aimer Schoenberg (ebd.), Xenakis: les Polytopes (Balland) sowie zahlreiche Artikel, u. a. in der von ihm knapp dreißig Jahre geleiteten Zeitschrift Revue d’Esthétique.
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