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Antonia Birnbaum

Was bedeutet Adorno für Sie persönlich?

Auf diese Frage möchte ich mit einer kleinen Anekdote antworten. Der Künstler Uwe Max Jensen hat am Eingang einer Ausstellung im Genfer Museum für zeitgenössische Kunst ein Schälchen mit unterschiedlich großen Kieselsteinen bereitgestellt. Wer mag, kann sich hier einen Stein aussuchen, ihn in seinen Schuh legen und ihn während des Rundgangs durch die Ausstellung mit sich herumtragen. Dies verlangsamt den Besuch und zwingt dazu, die eigene Geduld am Prüfstein eines kleinen Kiesels zu messen. Der Kieselstein nimmt dem Ausstellungsbesuch das Evidente, er stellt eine Negativvermittlung dar, die einen erneuten Zugang zu den Werken ermöglicht. Das Umrunden eines Gegenstandes, das Betrachten eines Kunstwerkes, das Sitzen oder Stehen und die Zeit, die dabei verstreicht – all das bekommt durch das unbequeme Gehen mit dem Kieselstein im Schuh eine wahrnehmbare Bedeutung.
T. W. Adorno ist so ein Kieselstein, den ich mir vor einigen Jahren in den Schuh gelegt habe, denn grade das Unbequeme in seinem Werk, aber auch das Vergnügen, das es mir bereitet, sind der konkrete Kern seines Oeuvres. Bereits 1931 wagt T. W. Adorno in seinem Aufsatz Die Aktualität der Aufklärung folgende Feststellung: Angesichts jenes brutalen Abschnitts des 20. Jahrhunderts, den ein Weltkrieg ausgelöst hatte, kann die Philosophie nicht mehr in ihrer bisherigen Form weiterbestehen. Die zentralen allgemeinen Fragen bleiben nicht unberührt von den kriegsbedingten tiefgreifenden Veränderungen. Es ist zudem schlicht unmöglich, sich auf eine Rationalität zu berufen, die in dieser Brutalität verstrickt war.




T. W. Adorno widersetzt sich einer bestimmten, in der Philosophie vorherrschenden Strömung: Dem Prestige der Ontologie und der Hierarchisierung mit ihrer systematischen Präferenz für die Abstraktheit allgemeiner Fragestellungen stellt er die konkrete Befragung eines spezifischen Objekts entgegen. Der gewollten Homogenität der Vernunft, die Wahrheit und Intention identifiziert, stellt er die Inadäquatheit eines Denkens entgegen, das im Widerstreit mit den kleinsten Dingen innewohnenden Widersprüchen steht. Hieraus entsteht die Unaufgelöstheit einer von jeder „List der Vernunft“ und jeglicher Teleologie isolierten negativen Dialektik.
Wie kann das Denken die Gegenwart entschlüsseln? Wie kann das Denken funktionieren, ohne dass die Dinge dadurch eine Verständlichkeit erhalten, die ihre wahrnehmbare Komplexität verringert und sich somit von den in ihr verborgenen Möglichkeiten entfernt? T. W. Adorno nähert sich dem Wahrnehmbaren, indem er es dialektisch zu begreifen sucht, anstatt es im Begriff aufzuheben. Diese umgekehrte Herangehensweise, nach dem sich das Konzept eher im Konkreten erweisen muss, als dass es dieses bestimmt, ist eines der zentralen Elemente meines Denkansatzes. T. W. Adorno ist der Philosoph, der mir klar gemacht hat, was dies alles beinhaltet.
Dass es z. B. nicht ausreicht, sich auf die Philosophie als einzige Disziplin zu beschränken, sondern dass man sich ständig von ihr entfernen und sich ihr dann wieder zuwenden muss. Dass das Risiko, sich dem Gegenwärtigen zu stellen, in einem sich Losreißen von bereits etablierten Denkformen und von philosophischen Konventionen besteht. Diese müssen aber immer wieder, je nach dem Gedachten, erprobt werden. Adornos Auflösung der klassischen Palette zentraler Fragen hat schließlich mein Interesse für Probleme der Form verstärkt, und so fasse ich den Denkprozess als eine Durchquerung des Heterogenen auf.




Wo sehen Sie heute noch Wirkungen Adornos auf die aktuelle politische Diskussion?

Zunächst fragt T. W. Adorno immer: wo, wann und wie? Zweitens scheut sich
dieser Philosoph vor dem Begriff der politischen Debatte. Die kritische Reichweite seiner Arbeit betrifft vornehmlich die ungedachten Formen dieser Debatte und nicht so sehr ihren angenommenen „Inhalt“. Schließlich ist in den Augen eines Philosophen, für den sich die kämpferische Dimension des Denkens in jener einmaligen Gemeinschaftsarbeit konkretisiert hat, aus der heraus die Frankfurter Schule entstand, der Begriff des Einflusses selbst verdächtig.

So ist klar, dass T. W. Adorno in den sachverständigen Debatierkreisen, an den runden Tischen, in der „staatsbürgerlichen Verantwortung“, wie man es heute bequemerweise nennt, keine Rolle spielt. Denn sein Denken ist für die Ordnung des runden Tisches gänzlich unempfänglich, welche exakt der auf Konsens ausgerichteten Ordnung der Macht und des Kampfes um Positionen entspricht.
T. W. Adorno geht einen anderen Weg. Er ist für diejenigen interessant, in deren Augen die Politik noch immer alle etwas angeht, für die auch die Utopie noch immer kein leeres Wort ist. In dieser Hinsicht gibt es einen Bruch zwischen T. W. Adorno und Habermas. Für Ersteren ist und bleibt der Ausgangspunkt der Politik das Unzulässige: Gemäß der T. W. Adorno und Walter Benjamin gemeinsamen negativen Formulierung der Utopie ist der gewohnte Fortgang der Dinge katastrophal. Habermas dagegen sieht sowohl den Ausgangspunkt als auch das Ziel der Politik in der Reflexion über die Art und Weise, wie man in der Kontinuität der Aufklärung zu einem sogenannten rationalen Konsens finden kann.
In diesem Sinn beeinflusst T. W. Adorno nicht unsere aktuellen Debatten, sondern er gibt denjenigen ein Mittel an die Hand, die nach Einflussnahme in der Welt streben. So ist auch die große Begeisterung für seine Analysen im Jahr 1968 in Deutschland zu erklären. Doch die extreme Vermittlung seines Denkens zwingt eher dazu, sich ihrer zu bemächtigen, als sie zu übernehmen. Sie steht nicht unmittelbar in Form einer Argumentationshilfe oder eines Rezeptes zur Verfügung, sie erscheint sogar gelegentlich mehr als eine Subtraktion denn als eine vermittelnde Instanz. Der streng situierte und datierte Charakter seiner Reflexion über die Dominanz machen seine ganze Stärke aus. Man kann sie unmöglich begrenzen oder ihr Referenzcharakter zuweisen. Will man seine Vorgehensweise übernehmen, muss man sich wirklich dazu entscheiden, so vorzugehen, wie er es getan hat. D. h. hier und jetzt das Risiko eines Denkens einzugehen, das keine „Begleitmusik“ der Welt in ihrem Normalzustand ist. Darüber hinaus erzeugt die Intransigenz T. W. Adornos einen unharmonischen, geradezu schrillen Missklang.




In Zeiten wie diesen, in denen der Konsens, die Nichtanerkennung von Uneinigkeit, das Motto „Alle gemeinsam“ vorherrschen, ist eine Stimme mit solch einem Klang unerlässlich und von großer Bedeutung.

Gibt es etwas, was Sie Adorno vorwerfen? Warum?

Diese Frage interessiert mich nicht. Ich möchte weder Vorwürfe machen, noch möchte ich, dass man mir welche macht. Fassen Sie dies bitte nicht als Gleichgültigkeit gegenüber Ihrer Befragung oder Ihrer Sendung auf. Es ist eine Gleichgültigkeit gegenüber dem ausufernden Stellenwert des Affekts, der das wahrnehmende Denken ablöst.


Antonia Birnbaum hat Wirtschaftswissenschaft, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Frankreich und Deutschland studiert. Ihr Buch Nietzsche, les Aventures de l’héroïsme erschien im Jahr 2000 in der Collection critique de la politique bei Payot. Le vertige d’une pensée, Descartes corps et âme erscheint im Oktober bei Horlieu, Lyon.
Gemeinsam mit Michel Métayer übersetzte sie Artikel von T. W. Adorno, verfasste einen in der Zeitschrift Tumultes erschienenen Artikel über S. Kracauer („K... sociologue“), einen in der Zeitschrift Lignes erschienenen Artikel über W. Benjamin („Faire avec peu. Les moyens pauvres de la technique“) sowie einen Artikel über T. W. Adorno („Crisis, what crisis?“), der 2003 in einem von art 3 (Valence) und der Ecole des Beaux Arts in Lyon herausgegebenen Sammelband erschien. Diese Artikel werden demnächst in einem Band veröffentlicht.

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