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Marc Jimenez

1. Was bedeutet Adorno für Sie persönlich ?

Adorno ist für mich unbestreitbar – selbst wenn ich ihn nicht mehr ausdrücklich in meinen Schriften zitiere - die wichtigste intellektuelle und philosophische Referenz, wenn es darum geht, die heutige Welt in ihrer Komplexität zu denken. Was die Reflexion über Kunst betrifft, hat er als einer der wenigen Philosophen seiner Generation eine wirkliche Theorie über die künstlerische Moderne und die künstlerischen Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt. In der Musik hat er die neuen Kompositionen sogar bereits zur Zeit ihrer Entstehung tiefgründig analysiert und wesentliche Schlüssel zum Verständnis der künstlerischen, sozialen und politischen Bedeutung dieser Werke geliefert. Seine Arbeiten über die Wiener Schule – Schönberg, Berg, Webern – haben zum Bekanntwerden der atonalen und Zwölftonmusik beigetragen. Seine Untersuchungen haben mit Sicherheit mehrere Generationen zeitgenössischer Komponisten beeinflusst, darunter Pierre Boulez. In der Literatur hat er sehr früh auf die als schwierig geltenden Werke – u.a. von James Joyce und Samuel Beckett - aufmerksam gemacht.




2. Wo sehen Sie heute noch Wirkungen Adornos auf die aktuelle kulturpolitische Diskussion?

Man muss in der Tat feststellen, dass Adornos sozialkritische Arbeiten über die postindustrielle Gesellschaft heute im Unterschied zu den 60er Jahren kaum mehr Einfluss auf die politische Debatte ausüben. Das mag man bedauern. Adorno hat sich als kritischer Leser von Marx bereits in den 30er Jahren von den politischen Umsetzungen des orthodoxen Marxismus distanziert und den sowjetischen Totalitarismus als Irrweg denunziert. Später sah er die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft voraus und kritisierte scharf die planerischen und merkantilen Gesetzen folgende Rationalisierung sowie die Allmacht des wirtschaftlichen und politischen Systems des Westens. Die von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer Ende der 40er Jahre nach dem Nazi-Trauma im amerikanischen Exil formulierte Kritik an der Kulturindustrie ist Bestandteil einer Reihe sehr gründlicher Forschungen über die Konditionierungen, denen die Individuen durch die politischen und ideologischen Systeme ausgesetzt sind. Für Adorno und Horkheimer stellte die industrielle Herstellung von Kulturgütern eine höchst gefährliche Maschinerie zur Unterwerfung und Verblendung der Massen dar, die zu willigen Opfern und gehorsamen Konsumenten der neuen Medien werden. Adornos Thesen stellen eine nach wie vor angebrachte Warnung vor den Gefahren der wissenschaftlich-technischen Ideologie dar, die im Bunde mit der politischen und Finanzmacht steht. Die gegenwärtige Globalisierung, der weltweite Triumph des Kapitalismus mit allem was er an ökonomischer, technokratischer und imperialistischer Machtausübung impliziert, machen den „Verblendungszusammenhang“ aus, in dem Adorno die größte Gefahr sah. Die umfassende „Internetisierung“ begünstigt zum einen das Hervortreten von Unterschieden, aber zugleich legt das Netz in Gestalt der kommunikativen Uniformität seinen Schleier über sie. Kurz: das System, das die Emanzipation der Individuen ermöglichen soll, verwandelt diese zugleich in Sklaven des liberalen Neokapitalismus, der dem Gesetz des „ökonomischen Schreckens“ unterliegt. All das ist in kaum anderen Begriffen bereits in den Schriften der Frankfurter Schule und insbesondere in Adornos Schriften enthalten.




3. Gibt es etwas, was Sie Adorno vorwerfen ? Warum ?

Anlässlich des Todes von Adorno im August 1969 machte Der Spiegel dem Philosophen seinen Rückzug in den Elfenbeinturm, seine Resignation und seine leicht elitäre, bürgerlich-arrogante Haltung zum Vorwurf. Auch ich persönlich bedaure diese Form der Kapitulation des Philosophen, der bis zum Beginn der 60er Jahre durchaus konkret am Alltag teilgenommen hatte. Ich bedaure, dass er nicht den Weg Herbert Marcuses eingeschlagen hat. Er hätte die Kraft seines kritischen, dialektischen Denkens in den Dienst großer Sachen stellen und sich „engagieren“ können: z. B. gegen den Krieg in Vietnam, gegen rassistische und sexistische Unterdrückung, gegen den Neokolonialismus in den Ländern der Dritten Welt. Zum Glück bleiben seine theoretischen Schriften: es ist Aufgabe der kommenden Generationen, daraus „praktische“ Folgen zu ziehen.



Marc Jimenez - Biografie:

Marc Jimenez ist Professor für Ästhetik an der philosophischen Fakultät Paris 1 (Panthéon-Sorbonne) und Direktor des Forschungsinstituts „Esthétique théorique et appliquée“.
Der hervorragende Kenner des Adornoschen Werks hat auch durch die Übersetzung zahlreicher Werke des Philosophen zu dessen Bekanntheit in Frankreich entscheidend beigetragen.
Unter anderem hat er die Ästhetische Theorie (Paris 1995 –UB fand 1966) übersetzt und zusammen mit Eliane Kaufholz Kritische Modelle, Stichworte, Eingriffe – Paris 1984.
Marc Jimenez hat auch selbst über Adorno geschrieben, darunter die erste französische Monografie Adorno: art, idéologie et théorie de l’art (1973, als Taschenbuch der Reihe 10/18).
Sein letzter Artikel „Theodor W. Adorno: une esthétique de la modernité“, erschien 1997 in Qu’est-ce que l’esthétique ? (Folio-Taschenbuch).



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