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Miguel Abensour


1. Was bedeutet Adorno für Sie persönlich?

Ich würde gerne ein Buch mit dem Titel „Adorno, der Erzieher oder Die Wahl des Kleinen“ schreiben.

2. Wo sehen Sie heute noch Wirkungen Adornos auf die politische Diskussion?

Hat Adorno überhaupt jemals die politische Diskussion beeinflusst? War er überhaupt dafür geeignet? Man kann das bezweifeln. Die „politische Diskussion“ ist nicht Adornos Sache, sondern die Sache derer, die sich um der friedlichen Kommunikation willen um eine Konsensfindung bemühen. Adorno ist eher der Verfasser von Kommentaren und kritischen Stellungnahmen zu bestimmten ideologischen Sachverhalten. Ein Beispiel dafür ist seine Kritik der Horoskopspalten in der „Los Angeles Times“ im Artikel The Stars down to Earth.  Wie der „alte Maulwurf“, den schon Shakespeare und Marx schätzten, gräbt Adorno unterirdische Tunnel im Boden der modernen Gesellschaft. Er gräbt also unterhalb der „politischen Diskussion“, immer nach Anzeichen für die Katastrophe bzw. die Wiederholung der Katastrophe ausspähend. Genauso versucht er aber, die Fluchtlinien zu identifizieren, auf denen man aus dem, was ist, herauskommen und Zugang zum Anderen erlangen kann. „Erkenntnis“, so schreibt er, „hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint.“ (Minima Moralia)

3. Gibt es etwas, was Sie Adorno vorwerfen? Warum?

Walter Benjamin warf Adorno den Brief vom 2. August 1935 vor. Er beklagte sich bei Gretel Adorno: „Ich wollte das niemals sagen!“, versicherte er in seiner Antwort. Der Fragesteller sollte einmal über jene Fabel mit dem Zwerg nachdenken: Auch wenn der Zwerg auf die Schulter eines Riesen steigt, so bleibt er doch ein Zwerg.




M. Abensour - Porträt

M. Abensour ist emeritierter Professor für politische Philosophie an der Université de Paris 7-Denis Diderot.
Leiter der Reihe Critique de la politiqu  (Payot-Rivages). Ehemaliger Präsident des Collège International de Philosophie (1985-1987).
Veröffentlichungen:
1)La démocratie contre l’Etat, P.U.F. 1997
2)L’Utopie de Thomas More à Walter Benjamin, Sens & Tonka, 2000
3)Le Procès des Maîtres Rêveurs, Sulliver 2000
4)L’Ecole de Francfort: la théorie critique entre philosophie et sociologie. In Zusammenarbeit mit Géraldine Muhlmann, Tumultes n°17-18, Mai 2002

Demnächst erscheint in Zusammenarbeit mit Anne Kupiec: Saint-Just Oeuvres complètes. Einführung (M. A.) Lire Saint-Just. Editions Gallimard Folio, 2003



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