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Michael Werner

1. Was bedeutet Adorno für Sie persönlich ?

Adorno ist für mich eine lange Geschichte. Entdeckt habe ich ihn zu meiner Schulzeit, als Verfasser der „Noten zur Literatur“, deren gedanklicher Zugriff auf literarische Texte einen totalen Gegensatz zur damals gängigen „Kunst der Interpretation“ darstellte. Fasziniert war ich auch von der ungemein dichten, in lange, sich über mehrere Seiten erstreckende Absätze gedrängten Sprache. Während des Studiums gehörte dann die Auseinandersetzung mit der „Dialektik der Aufklärung“ zum unumgänglichen Pensum der Achtundsechziger-Generation.
Wieder begegnet bin ich Adorno eine Reihe von Jahren später im Rahmen meiner Beschäftigung mit Walter Benjamin. Nunmehr gewann er schärfere Konturen als historische Figur im Spannungsfeld von Emigration und akademischem Establishment. In den letzten Jahren schließlich haben mich meine musikhistorischen Interessen wieder auf Adornos Spuren stoßen lassen. Im nachhinein erscheint mir seine sozialphilosophische Musikkritik als seine wohl bedeutendste Leistung. Bei der erneuten Lektüre seiner „Philosophie der Neuen Musik“ ist mir aufgegangen, mit welch profunder Sachkenntnis er musikalische Strukturen analysiert und mit welch bewundernswerter Genauigkeit er die Ergebnisse dieser Analysen in seine theoretische Argumentation einbaut. Das schmucke Haus, das er in den vierziger Jahren in Brentwood, 316 Kenter Avenue, bewohnte, auf halbem Weg zwischen Schönberg und Thomas Mann, habe ich mir genau angesehen, als ich vor drei Jahren einen Winter in Los Angeles zubrachte. Dabei habe ich mir auszumalen versucht, was er wohl empfunden haben mag bei den Nachrichten vom Massenmord in Europa.

2. Wo sehen Sie heute noch Wirkungen Adornos auf die aktuelle
kulturpolitische Diskussion?

Adorno ist heute in vieler Hinsicht zum Klassiker geworden, dessen Werke vollständig ediert und historisch-kritisch kommentiert werden. Bedeutet dies, dass seiner Philosophie der kritische Stachel gezogen wurde? Wohl kaum. Aktuell erscheint mir nach wie vor die Prägnanz seiner Methode, die empirische und formale Analysen  mit Theorie und einem hohen Maß von Reflexivität verbindet. Inhaltlich sind es innerhalb seines Werks vor allem die Arbeiten zur Kulturwarenindustrie, die angesichts der neuen Kulturentwicklung besondere Beachtung verdienen. Die von der Adorno-Philologie vorgenommene Historisierung schließt seine Thesen keineswegs in die Rumpelkammer veraltetet Ideologiekritik ein. Im Gegenteil: Erst die genaue Kenntnis des historischen Kontexts, dem sie verpflichtet sind, kann sie für die Analyse unserer Gegenwart fruchtbar machen.

3. Gibt es etwas, was Sie Adorno vorwerfen ? Warum ?

Vorzuwerfen habe ich ihm nichts, denn ich kann und will mich nicht zum moralischen Richter aufwerfen. Was ich hingegen zu verstehen versucht und immer noch nicht recht verstanden habe, sind die Gründe, die ihn dazu bewogen haben, im November 1938 Benjamins drei für die Institutszeitung verfasste Baudelaire-Kapitel de facto abzulehnen. Musste nicht er besser als jeder andere wissen, welchen Stoß er damit Benjamins Arbeitskraft und Lebenswillen versetzte? Wie sind die von ihm – im Namen der Orthodoxie von Benjamins Passagen-Projekt – vorgebrachten theoretischen und methodischen Argumente einzustufen? Wie griffen hier Arbeit, soziale Position und Lebensgeschichte ineinander?




Michael Werner ist seit 1981 Directeur de Recherche am Centre national de la recherche scientifique in Paris und seit 1991 Professor an der École des hautes études en sciences sociales, wo er das Interdisziplinäre Zentrum für Deutschlandstudien leitet.
Forschungsschwerpunkte: Deutsch-französische Kulturgeschichte; Disziplingeschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften; Geschichte des Konzerts und des Konzertpublikums in Europa (19. und 20. Jahrhundert); Deutsche Emigranten in Paris; Methodische Probleme des Vergleichs und der Kulturtransferforschung.
Neuere Buchveröffentlichungen:
- Le concert et ses publics. Mutations de la vie musicale 1780-1914 (France, Allemagne, Angleterre), Paris 2002 (mit Hans-Erich Bödeker und Patrice Veit)
- Heinrich Heine. Biographie, Paris, 2001 (mit Jan-Christoph Hauschild)
- Johann Georg Wille (1715-1808), Briefwechsel, Tübingen 1999 (mit E. Décultot und M. Espagne).
- Plurales Deutschland – Allemagne plurielle, Göttingen 1999 (mit Peter Schöttler und Patrice Veit).
- Der cultural turn in den Humanwissenschaften. Area Studies im Auf- oder Abwind des Kulturalismus, Bad Homburg 1999 (mit Michael Lackner).
Adresse: E.H.E.S.S., Centre de recherches interdisciplinaires sur l’Allemagne, 54 boulevard Raspail, F 75006 Paris.

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