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Exklusiv-Interview mit Tim Page

>> Interview Teil 1 hören
(engl. Originalfassung)

So wie wir beide gerade, pflegte Glenn Gould seine Kontakte zu Journalisten und Freunden meist über das Telefon. War das in Ihrem Fall auch so? Ich weiß, dass Sie ihm persönlich begegnet sind, aber wahrscheinlich nicht sehr häufig, oder?


Ich habe ihn tatsächlich persönlich getroffen, aber Glenn versuchte generell, seine Kontakte mit der Außenwelt soweit wie möglich auf das Telefon zu beschränken. Das hatte wohl zum Teil einfach mit seiner zurückgezogenen Art zu tun. Er war davon überzeugt, sich am Telefon sehr viel leichter ein Bild von jemandem machen zu können als durch den direkten Kontakt und meinte, er  könne sich dabei besser auf die Gedanken und Ideen des Betreffenden konzentrieren, da er nicht durch dessen Aussehen oder andere Dinge, die ihm gerade durch den Kopf gingen, abgelenkt würde.

Haben Sie ihn mehrmals getroffen oder nur ein einziges Mal?
Wir sind über das Telefon Freunde geworden und haben sehr viel miteinander telefoniert. Danach habe ich ihn dann nur ein einziges Mal getroffen - ungefähr zwei ganze Tage verbrachte ich mit ihm zusammen.
Es war kurz vor seinem Tod. Ich besuchte ihn, um dieses Rundfunkinterview über die Goldberg-Variationen aufzunehmen und blieb zwei volle Tage bei ihm. Zwei volle Tage SEINER Zeitrechnung. Er stand nämlich erst gegen vier Uhr nachmittags auf und ging erst in der Morgendämmerung wieder schlafen. Ich habe versucht mich so gut es ging seinem Rhythmus anzupassen, aber ich fühlte mich wie in einer völlig anderen Zeitzone. Ich war danach sehr, sehr erschöpft.

Sie haben Glenn Gould aber nie bei einem seiner Konzert erlebt, oder? Sie waren ja erst 10 Jahre alt, als er beschloss, keine Konzerte mehr zu geben.

Ich habe keines seiner Konzerte gesehen, aber er hat für mich Klavier gespielt. Das war etwa einen Monat vor seinem Tod. Es war sehr spät am Abend, und er setzte sich ans Klavier und spielte. Ich saß einfach da, hörte zu und war fasziniert von seinem phänomenalen Spiel: So erstaunlich sensibel und wunderschön artikuliert - einfach perfekte Klavierkunst. Er spielte für mich Passagen aus zwei Richard Strauss-Opern und ein Fragment aus den Goldberg-Variationen. Und dann noch - begleitet von seinem Gesang - fast den gesamten zweiten Satz aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 2. Das war von den insgesamt fünf Klavierkonzerten Beethovens sein Lieblingswerk.

Das war sicherlich ein großer Moment für Sie.

Ja, es war wunderbar. Ich werde das nie vergessen. Es war einer der Momente, an die ich mich mein ganzes Leben lang erinnern werde.

Sie bedauern es also nicht, ihn nie in einem seiner Konzerte gehört zu haben?

Doch, natürlich.




>> Interview Teil 2 hören
(engl. Originalfassung)

Lassen Sie uns über die beiden Dokumentationen sprechen, die ARTE zeigt. Sie werden sie sicherlich kennen: "Glenn Gould Off the Record" and "Glenn Gould On the Record", von den beiden kanadischen Dokumentarfilmern ...


Oh, phantastisch. Ich freue mich, dass Sie gerade diese beiden Dokumentationen zeigen. Sie wurden zu einem sehr frühen Zeitpunkt in seiner Karriere gedreht und vermitteln wirklich seine ganze Virtuosität und Dynamik. Ich glaube, genau so hat die Welt Glenn Gould in Erinnerung: Als diesen ganz jungen Mann, der Bach spielt, wie es kein anderer tut, der plötzlich auf die Szene trat und alle Menschen für die Goldberg-Variationen, für die Musik von Bach begeisterte. Er war ein Pianist wie kein anderer.

>> Interview Teil 3 hören
(engl. Originalfassung)
Sie haben geschrieben, sie hätten sich nie besonders für Glenn Goulds äußerliche Eigentümlichkeiten interessiert. Aber da gab es doch diesen seltsamen Klavierstuhl, auf dem er immer saß. Bei allen Konzerten und allen Studioaufnahmen benutzte er nur diesen Stuhl. Warum war er so wichtig für ihn?

Wahrscheinlich gibt es eine Menge Theorien darüber, warum er ihm so wichtig war. Zum einen hatte er darauf eine sehr tiefe Sitzposition, so dass seine Augen fast auf Tastenhöhe waren - er saß also sehr viel niedriger als es den meisten Pianisten angenehm ist.  Aber ich glaube, dahinter steckte etwas tiefgründigeres, eine Beziehung zu seiner Kindheit, als seine Mutter ihm Unterricht gab, während er auf ihrem Schoß saß und sein Vater ihm diesen Stuhl baute. Für ihn bedeutete der Stuhl einen Bezug zur Vergangenheit. Er erinnerte sich in vielerlei Hinsicht mit Wehmut an seine Kindheit. Er war jemand, der nicht unbedingt das hatte, was man eine glückliche Kindheit nennt, aber immer gerne eine gehabt hätte. Das ist einer der Gründe, warum er in gewisser Weise ein Kind geblieben ist. Wenn man Glenn wirklich näher kam, erlebte man ihn in vielerlei Hinsicht als einen sehr kindlichen Menschen. Er konnte sich total begeistern, und wollte dann nur noch reden, reden, reden und einem seine neuesten Ideen erzählen. Er hatte etwas sehr Kindliches an sich, etwas sehr sanftes. Ich kann nur sagen: Er war sein sehr netter Mensch.

In ihrem jüngsten Buch "Ein Leben in Bildern" zeichnen Sie ein so wundervolles Porträt von Glenn Gould und zeigen uns viele unbekannte Facetten dieses Künstlers. Aber nach wie vor weiß man fast nichts über sein Privatleben. Er war kein Gourmet, er war nicht verheiratet - war er so etwas wie ein Asket?




Man könnte ihn tatsächlich als Asketen bezeichnen. Doch er war auch bis zu einem gewissen Grad fast schon ein Autoerotiker. Wenn man ihn Klavier spielen sieht, hat man das Gefühl, dieser Mann vollzieht auf eine komische Weise einen Liebesakt mit der Musik. Er befindet sich in einem Zustand der Ekstase, der weit über das Entrücktsein hinausgeht, das man bei vielen Musikern beobachten kann. Ich glaube, etwas von dieser Ekstase vermittelt sich. Er war sehr scheu und hatte kaum enge private Beziehungen zu anderen Menschen. Allerdings unterhielt er sehr gute, intensive und gelegentlich auch leidenschaftliche intellektuelle Freundschaften. An einem Familienleben war er, glaube ich, nicht sehr interessiert. Im Laufe der Jahre gab es durchaus einige Beziehungen zu Frauen, er hat diesbezüglich aber wohl schon früh in seinem Leben ein paar Katastrophen erlebt. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er aber so gut wie völlig allein, ohne irgendwelche romantischen Beziehungen oder ähnliches.


>> Interview Teil 4 hören
(engl. Originalfassung)

Was ich ebenfalls sehr interessant finde, ist ihre Aussage, Glenn Gould habe das Computerzeitalter nur knapp verpasst und er wäre wahrscheinlich vom Internet begeistert gewesen. Können Sie uns das genauer erklären?

Das Internet hätte ihn auf jeden Fall fasziniert. Es hätte genau seinen Vorstellungen entsprochen.  Er war jemand, der am liebsten bei jedem Stück selbst bestimmt hätte, in welcher Form es dargeboten wird. Er überließ nichts gerne dem Zufall. Deshalb gab er auch keine Live-Konzerte mehr, sondern machte stattdessen nur noch Plattenaufnahmen. Und er ließ Filmaufnahmen von sich machen. Aber er wäre wohl begeistert gewesen, wenn er all die Produktionsmöglichkeiten hätte nutzen können, die das Internet heute bietet. Wir hätten jeden Tag neue Einspielungen von ihm bekommen, er hätte sie einfach ins Internet gestellt! Das wäre für Glenn die perfekte Lösung gewesen, denn so hätte er Millionen von Menschen erreicht - aber auf seine eigene, ganz persönliche, bis ins kleinste Detail überlegte und für ihn angenehmste Weise.
Deshalb hätte er sich sicherlich sehr dafür interessiert. Er wäre ein Fan des Internets gewesen, einfach absolut besessen von den Möglichkeiten des Computers.




  >> Interview Teil 5 hören
(engl. Originalfassung)

Ist Ihnen abgesehen von dem Abend, als er für sie spielte, noch irgendetwas anderes besonders in Erinnerung geblieben - speziell während der Stunden, die Sie mit ihm verbracht haben?

Nun, mit ihm zu arbeiten, war etwas ganz Besonderes, aber auch sehr interessant. Am Telefon war Glenn immer sehr ausschweifend. Er erzählte von all seinen verschiedenen Ideen, sprang von einem Thema zum nächsten, machte einen Witz nach dem anderen. Aber als ich mit ihm arbeitete, um das Radiointerview aufzunehmen, war er voll konzentriert. Wenn er sich an die Arbeit machte, ließ er sich durch nichts ablenken, bevor er nicht damit fertig war. Wir arbeiteten an den Interviewaufnahmen, und wenn ich ihn während der Arbeit unterbrach, war er mir zwar nicht böse, aber es passte ihm einfach nicht - er wollte unbedingt weiter machen. Er war ein sehr besessener Arbeiter.
Es macht mich sehr glücklich, dass man sich nach all den Jahren, die vergangen sind, so sehr für ihn interessiert. Denn er war nicht nur ein großes Genie - das muss man nicht betonen - sondern auch ein sehr netter Mensch.

Ein schöner Schlussatz...

Ja, und vielen Dank, dass Sie sich mit Glenn Gould so intensiv beschäftigen und so viel für ihn tun. Ich bin wirklich sehr glücklich darüber, denn er war ein toller Mensch.  


Das Interview führte Sabine Lange am 18. September 2002

Tim Page wurde im Oktober 1954 in Kalifornien geboren und lebt heute in Washington DC. Er ist ein viel beachteter Musikkritiker, Autor und Herausgeber etlicher Bücher sowie Produzent zahlreicher Radio- und Fernsehsendungen. Er gilt als der Gould Experte und war einer seiner wenigen persönlichen Freunde. 1984 gab er eine Sammlung von Glenn Goulds Schriften heraus: The Glenn Gould Reader (dt. Glenn Gould: Schriften zur Musik 1 - Von Bach bis Boulez; Schriften zur Musik II - Vom Konzertsaal zum Tonstudio).
Lange Zeit schrieb Tim Page für die New York Times (1982 - 1987) Artikel über Kunst und Kultur, heute arbeitet er für die Kulturredaktion der Washington Post. Für seine Artikel und Essays über Musik ist ihm 1997 der Pulitzer Preis verliehen worden.

(Photo : Der 3-jährige  Tim Page beim Plattenhören) 



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