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Bruno Monsaingeon über das Phänomen "Glenn Gould"

Der Geiger und Filmemacher Bruno Monsaingeon hat über zehn Jahre mit Glenn Gould zusammengearbeitet. Der Film schildert diese ungewöhnliche Begegnung, in deren Ergebnis zahlreiche gemeinsame Filme entstanden sind.





Sie haben Glenn Gould Anfang der 70er-Jahre entdeckt, als er in Frankreich noch fast unbekannt war: Wie kam es dazu?
1965 war ich in Moskau. Damals konnte man dort Platten für zwei Rubel kaufen. Ich hatte eine ganze Menge erstanden, ganz verschiedene Sachen, darunter auch etwas von Bach, das ich wegen des Werks ausgewählt hatte. Der Interpret, den ich übrigens gar nicht kannte, interessierte mich weniger. Als ich die Platte anhörte, flüsterte eine Stimme: "Komm und folge mir!" Das war Gould. Seither hat er mich nicht mehr losgelassen. Einige Jahre später, zu Beginn meiner Arbeit beim Fernsehen, schlug ich ein Projekt über diesen Pianisten vor, den ich immer noch nicht kannte. Ich hatte lediglich in Deutschland einige Plattenaufnahmen von ihm gefunden. Ich spürte, dass sich hinter dem, was ich hörte, jemand verbarg, der weit mehr als nur einfach ein Pianist war: ein Philosoph, jemand ganz außergewöhnliches. Ich wusste nichts über seine Karriere, außer, dass er seit 1964 keine Konzerte mehr gab. Mein erster Brief an ihn im Oktober 1971 war wie eine Flaschenpost, bei der man nicht weiß, ob sie ankommt. Einige Monate später erhielt ich eine Antwort: ein zwanzigseitiger Brief, der von einer absolut einmaligen Denkweise und Sprachbeherrschung zeugte! Meine Gedanken über das Fernsehen interessierten ihn, und er schlug mir ein Treffen vor. Damals wusste ich nicht, dass er selbst eine Kommunikationsphilosophie entwickelt hatte. Nach einem Briefwechsel trafen wir uns dann im Juli 1972 in Toronto. Ich wusste immer noch nichts über ihn. Nur, dass er unnahbar war und als Exzentriker galt. Die Leute verstanden nicht, warum er keine Konzerte mehr geben wollte, obwohl er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes war. Wir haben 18 Stunden ununterbrochen in meinem Hotelzimmer diskutiert und dabei viel gelacht. Damals wurde der Grundstein für unsere spätere gemeinsame Arbeit und unsere Freundschaft gelegt. Aus dieser ganz außergewöhnlichen Beziehung gingen in den zehn Jahren, die er noch leben sollte, sieben gemeinsame Filme hervor. Für mich ist diese Zeit noch immer sehr präsent und wichtig, und sie lebt in mir weiter.

Wie verlief Ihre künstlerische Zusammenarbeit in diesen 10 Jahren?
Unsere Begegnung kam zustande, weil wir beide Musik auf eine andere Art und Weise als in Konzerten machen wollten. Ich war damals noch ein Anfänger, Glenn Gould dagegen hatte über diese Frage schon intensiv nachgedacht. Allerdings gab es noch keinen Film über seine Arbeit. Natürlich hatte er schon an vielen, recht schlecht gemachten Fernsehsendungen teilgenommen. Ich habe ihm vielleicht die Perspektive des Filmemachers nähergebracht, die Sichtweise von jemandem, der gleichzeitig Musiker und Regisseur ist. Deshalb war unsere Beziehung meiner Ansicht nach so intensiv und andauernd. Ich meinerseits war völlig von dem Musiker und dem Denker, die er verkörperte, überzeugt. Ich hatte das starke Gefühl, es mit jemandem zu tun zu haben, der mir etwas ganz Außergewöhnliches beibringen konnte: eine unerbittliche Gründlichkeit, den Willen, auf dem selbstgewählten Gebiet so weit zu gehen wie nur irgend möglich, ohne sich jemals von äußeren Zwängen beirren zu lassen. Und die sind enorm, wenn man für das Fernsehen arbeitet: Man denke nur an die finanziellen und logistischen Probleme. Wir wollten zusammen ein bleibendes Werk schaffen, dem nicht das Vergängliche des Fernsehens anhaftete.




Im Laufe von zwei, drei Jahren haben wir monatelang am Drehbuch und an den Dialogen zu der Reihe über Bach gearbeitet. Wir haben immer wieder korrigiert und umformuliert, bis wir die Gedanken, die wir anhand dieser Filme vermitteln wollten, genau auf den Punkt gebracht hatten. Die Texte sind sehr dicht, und die Präsenz von Glenn Gould ist so stark, dass man sie immer wieder sehen kann, ohne sie wirklich voll ausgeschöpft zu haben. Für Gould war dies eine Möglichkeit, zum Komponisten, dem er sich am meisten verbunden fühlte, Stellung zu nehmen.

Nie zuvor wurde eine so große Zahl von Bilddokumenten über einen Musiker zusammengetragen: Was vermitteln diese Bilder über die musikalischen Aufzeichnungen hinaus?
Für Gould waren die Bilder zweitrangig. Aber er ging an die Interpretation von Musik genauso heran wie an die Dreharbeiten eines Films. Er hatte den Wunsch, sich über die Zwänge von Zeit und Chronologie hinwegzusetzen und die Zeit neu zu gestalten. Er wollte ihr eine größere Dichte verleihen, als der realen, unmittelbaren Zeit innewohnt, die für ihn völlig uninteressant war. Dies ermöglichte ihm der Film, und aus diesem Grund gab er auch keine Konzerte mehr: Live-Veranstaltungen waren Improvisation, und dies gestattete ihm nicht, sein Denken in seiner ganzen Dichte auszudrücken. Aus diesem Grund war das filmische Herangehen interessant für ihn, zumal er sich wie ein professioneller Schauspieler engagierte. Er spielte seine eigene Rolle, alles war inszeniert. Allein mit seiner außergewöhnlichen, ihm unbewussten Gestik erklärte und phrasierte er die Musik und dirigierte sich selbst. Dies entsprach seinem abstrakten klanglichen Ideal der Komposition. Er vermied es, zwischen den einzelnen Aufnahmeblöcken zu spielen, um nicht der Versuchung des Klangerlebnisses zu erliegen und nicht Gefahr zu laufen, sich in unkontrollierten Emotionen gehen zu lassen.
Die Dreharbeiten waren von einer außerordentlich leidenschaftlichen Atmosphäre geprägt, denn Gould glaubte, an einem die Zeiten überdauernden Werk, an einem Testament zu arbeiten.

Glenn Gould ist eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt: Nach einer klassischen Laufbahn als Wunderkind zieht er sich im Alter von 30 Jahren plötzlich aus dem Konzertleben zurück. Wie erklärte er diese Entscheidung?
Nach seinem Rückzug hat er häufig dazu Stellung genommen. Seine Entscheidung war zweifach begründet: Erstens wollte er den banalsten Prozess in der Musik stoppen, das heißt, Wiederholung vermeiden. Werke zu spielen war für ihn nur noch interessant, wenn es an ihrer Substanz noch etwas Neues zu entdecken gab. Seine Einspielungen hatten dogmatischen Charakter, es gab nichts mehr an ihnen zu rütteln. Zweitens wollte er in direkte Kommunikation mit dem Zuhörer treten, ihm eine musikalische Struktur in ihrer reinsten Form zu Gehör bringen und seine unmittelbarsten, aus dem unvermeidlich theatralen Charakter einer Bühnenaufführung entstehenden Gefühle ausschließen. Glenn Gould ist der einzige Musiker, der eine solch definitive Entscheidung getroffen hat. Es war ein geradezu philosophischer Akt.




Damals sagte Glenn Gould von sich selber, er sei ein "Kanadischer Schriftsteller und Kommunikationsfachmann, der in seiner Freizeit Klavier spielt". Sollte das eine humorvolle Provokation sein oder glaubte er wirklich, dass das Klavier kein grundlegender Bestandteil seines Lebens sei?
Das Klavier hatte keinerlei Wichtigkeit für ihn, es war nur ein Instrument, mit dem er seine Gedanken nach außen tragen konnte. Der Charme des Klaviers als Musikinstrument interessierte ihn nicht. Er besaß eine solche intellektuelle Leistungsfähigkeit, dass er auch ohne Klavier arbeiten konnte - genau wie Komponisten, bei denen die Werke im Kopf entstehen. Diese Selbstbeschreibung ist typisch für seinen Humor - er dachte tatsächlich so, und deswegen hat er es auch auf so provozierende Art gesagt. Gould hat sogar daran gedacht, sich der Literatur zuzuwenden. Er liebte die englische Sprache, mit der er wunderbar umzugehen verstand. Er schrieb zahlreiche Texte, von denen zwar viele veröffentlicht wurden, doch gibt es auch noch eine ganze Reihe nicht publizierter Texte von ihm. All diese Texte hätte er eines Tages gerne in ein Buch eingearbeitet. Er hatte den Beschluss gefasst, ab spätestens 1985 gar keine Plattenaufnahmen mehr zu machen, um sich ausschließlich mit Literatur beschäftigen zu können.

Man ist unweigerlich fasziniert von Goulds außergewöhnlicher Erscheinung: Seine scheinbare äußerliche Verwandtschaft mit Beckett, in Schals und Pullover warm verpackt, seine Mütze auf dem Kopf, in gekrümmter Haltung vor dem Klavier - dieses Bild ist zum Mythos geworden. Was war daran inszeniert und was war authentisch?
Gould war sich dieses Eindrucks überhaupt nicht bewusst. Äußerliches interessierte ihn nicht. Seine merkwürdige Haltung hatte reine Schutzfunktion, und sie war bequem. Es war, als befände er sich in einer anderen Dimension, für ihn zählte einzig und allein die Präzision. Ich habe ihn immer nur in grauer oder dunkelblauer Kleidung gesehen, niemals in bunter. Seine äußere Erscheinung war beeindruckend, doch entsprach sie genau seinem Inneren.

Interview: Rafaëlle Jolivet-Katz, 1992 für das ARTE-Magazin



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