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GLENN GOULD - ein Mythos

von Prof. Dr. Joachim Kaiser
Auszug aus "Große Pianisten in unserer Zeit", Piper Verlag


(...) Als Glenn Gould 1982 in Toronto einem Schlaganfall erlag, erst fünfzig. Jahre alt, da waren Bestürzung, Schrecken und Trauer in der Kunstwelt unvergleichlich heftiger, als wenn sonst ein großer Pianist wie der alte Backhaus, der 95jährige Rubinstein, der 86jährige Horowitz - hochbetagt das Zeitliche segnet. Denn Glenn Gould war es gelungen, zum Inbegriff des "modernen Interpreten", ja für manche sogar zum Pianisten des 20. Jahrhunderts- schlechthin zu werden, so wie Franz Liszt, der ja auch recht jung und auf der Höhe des Erfolges mit dem öffentlichen Konzertieren aufgehört hatte, einst der repräsentative Klaviervirtuose des 19. Jahrhunderts gewesen war.

Vieles fügte sich zusammen, um aus dem Kanadier Glenn Gould einen Mythos werden zu lassen. Er hatte sich erfolgreich gegen das Ritual des bürgerlichen Konzertbetriebs aufgelehnt und war doch kein sanft belächelter Sektierer geworden, sondern ein einsam produzierendes, omnipräsentes Originalgenie. Ein eigensinniger, in Interviews witzig wirbelnd rasch redender, schrecklich puritanisch in allem Öffentlich-Bühnenhaft-Theatralischen immer nur das Zirzensische, Sensationsgeile witternder und fürchtender Eremit des technischen Zeitalters.

Nie bestieg er ein Flugzeug, weil er die Überlebenschance für allzu gering erachtete. Überzeugt behauptete er, die Form des öffentlichen Konzertierens sei tot. Räumte später freilich ein, dass der Todeskampf sich erstaunlich lange hinziehe, weil nach wie vor überall gutbesuchte Konzerte, Klavierabende, Solo-Recitals stattfanden. Für ihn war die Sache gleichwohl entschieden. Er erwählte zur künstlerischen Selbst-Verwirklichung die neuen elektroakustischen Möglichkeiten. Nämlich Schallplattenaufnahme, Fernsehkonzert und Fernsehinterview sowie den Musikfilm. Das waren die Medien seiner Message. Gewisse Kontrapunkte aus Bachs Kunst der Fuge oder gar der Kosmos der Goldberg-Variationen sind im Fernsehen noch niemals, und zwar mit beträchtlichem Einschalterfolg weit über die USA hinaus, so faszinierend, so ohne jede verzuckernde populistische Verbrämung, Versehrung gesendet worden wie von ihm und mit ihm!

Erst 32 Jahre alt, vielbegehrter Superstar der Klavierszene, verwöhnt von Höchstgagen und ausverkauften Konzertsälen, hatte sich Glenn Gould in die Einsamkeit Torontos und der Tonstudios zurückgezogen. Kompromisse machte er nicht. Seine Menschen- und Öffentlichkeitsscheu ging so weit, dass es ihm späterhin angenehmer war, selbst mit guten Freunden (erst recht mit Interviewern und Kollegen) zu telephonieren - als mit ihnen direkt zu reden. (...)

(...)Nun stehen Kultfiguren über allen Kontroversen. Zumindest für ihre begeisterten Fans. Solche Fans sind übrigens keineswegs die schlechtesten Musikfreunde. Im Gegenteil: die haben sich immerhin noch die Fähigkeit zur enthusiastischen Hingabe bewahrt, sind von den Großtaten ihrer Idole (und das gilt für die Gould-Gemeinde genauso wie für die einstigen Anbeter der Callas oder für die Bewunderer Karajans) so erfüllt, dass sie im Hinblick auf alles "Positive", womit diese Kultfiguren das Leben der Enthusiasten bereichern, ein paar Ausrutscher, Schwächen, blinde Stellen selig in Kauf nehmen.(...)




(...)Mit den offenkundigen Nachteilen des Älterwerdens verbinden sich auch gewisse Vorteile. Ich, Jahrgang 1928, habe eben nicht nur Furtwängler, Cortot oder Gieseking noch persönlich im Konzert gehört, sondern 1957 auch den damals 25-jährigen Glenn Gould. Er spielte Beethovens c-Moll Konzert. (Von seinem späteren Podiumsboykott, von seinen Meinungen, Exaltiertheiten, Vorlieben und Abneigungen wusste man damals noch nichts.) Was man indessen wusste: dass dieser junge Mann eine Weltsensation, vielleicht auch ein "Blender" sei, der vor einem Jahr Bachs Goldberg-Variationen virtuos auf Platten und in Salzburg Bachs d-Moll Konzert sensationell erfolgreich dargeboten hatte. (...)

Aus vielen Gründen ist mir das damalige "Live"-Konzert unvergesslich geblieben. Der nervöse, die Hände falsch wie Horowitz haltende, seltsam tief geduckt vor der Tastatur sitzende junge Mann.
Die Schale warmen Wassers neben ihm, in welche er während aller Orchester-Tutti seine Finger tauchte. Verrückt dachten manche.
Aber diejenigen, die hören konnten, empfingen einen tiefen Eindruck. Den Kopfsatz spielte Glenn Gould elegisch, zart, rasch. Souverän, doch nicht allzu "engagiert". Aber dann kam die schwere, große Originalkadenz. Hier erlebte man eine Durchsichtigkeit, Eleganz und Rasanz des Passagenspiels, die den Atem stocken ließ. Während des heiklen Presto-Schlusses dieser Kadenz (ab Takt 466 ff.) fügte Gould, alles Vorgeschriebene gestochen brillant bietend, in der Linken noch das Hauptthema des Satzes ein! Wo nahm er nur die Freiheit, die Unabhängigkeit der Hände dafür her - bei dem Tempo... (...)

(...)Er war ein faszinierender, frei und genial selbständig, ja eigenwillig der Musik zugewandter Künstler. Dazu Journalist, Fernsehfilmer, Hörspielschreiber. Wer je dem mitreißenden Glanz seines Wesens erlag, -wird ihn kaum vergessen (und dem Mittelmaß gegenüber schrecklich unduldsam sein). (...)

 

(gekürzt von Thomas Salb)

 

Joachim Kaiser
Der Theater-, Literatur- und Musikkritiker Joachim Kaiser (geb. 1928, Milken in Ostpreußen) ist Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und seit 1977 ordentlicher Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Von seinen zahlreichen Publikationen seien hier insbesondere die musikalischen genannt: Große Pianisten unserer Zeit (1965 erw. Neuauflage 2001); Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten (1975); Erlebte Musik (1977); Mein Name ist Sarastro (1984); Leonard Bernsteins Ruhm (1988); Leben mit Wagner (1990).



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