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"Revolutionen" des Mittelalters

Die Neuzeit scheint lange vergessen zu haben, was sie dem Mittelalter verdankt. Immer noch steht jene Epoche zwischen Altertum und Neuzeit bei vielen für nichts als finstere Barberei. Eine Richtigstellung.

Klicken Sie hier, um dazu ein Interview mit dem Historiker und Filmemacher Christian Feyerabend, der Producer und Coautor der Reihe "Mittelalter - Wege aus der Finsternis" war, zu hören.
Wenn Sie auf die Navigation unten rechts klicken, können Sie das Interview auch lesen.

Lesen sie ebenso den Artikel des Historikers und Journalisten Carl Dietmar, der auch an dem Drehbuch der vierteiligen Dokumentation mitgearbeitet hat:

Geschichten aus der Zwischenzeit

Wie das Mittelalter bis heute weiterlebt

Wieso eigentlich „Mittelalter“? Der  Name ist wohl eine Verlegenheitslösung. 1688 veröffentlichte ein gewisser Christoph Cellarius, Professor in Halle, eine Weltgeschichte mit dem Namen „Historia tripartita“ - die dreigeteilte Geschichte. Die Zeitspanne zwischen dem Altertum, das für ihn mit dem Tod Kaiser Konstantins des Großen (337) endete, und der Neuzeit, die er 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken ansetzte, nannte er schlicht und einfach „Mittelalter“.
Schnell trübte sich die Sicht auf die Epoche zwischen den Epochen und schon die Aufklärung beklagte die „Finsternis des Mittelalters“. Auch heute noch gilt das Mittelalter für viele als Zeit des Niedergangs, des Stillstands, der Rückständigkeit. Mit Wendungen wie „Zustände wie im Mittelalter“ ereifern wir uns über krude Rechtsvorstellungen, marode Wohn- und Verkehrsverhältnisse, primitive Technik oder Aberglaube. Seit einigen Jahren allerdings arbeiten Historiker an einer Neubewertung. Schlagworte wie das von der „Modernität des Mittelalters“ machen die Runde. Tatsächlich ist das Mittelalter viel lebendiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Von der Gemeinde Europa zur Europäischen Gemeinschaft
Da ist zunächst das Gebilde „Europa“, das im Mai dieses Jahres um zehn Mitgliedstaaten erweitert wird. Europa als Sozial- und Kulturraum stand nie unter einer gemeinsamen Herrschaft. Wie konnte es also dazu kommen, dass wir uns heute als „Europäer“ verstehen? Ein Blick zurück ins Mittelalter zeigt, dass der Keim Europas die gemeinsame Religion ist. Seit dem Spätmittelalter war das Christentum in dem Gebiet verbreitet, das wir heute – mit Ausnahme Griechenlands – als europäische Gemeinschaft verstehen. Von der portugiesischen Atlantikküste bis zum baltischen Ostseestrand, von Irland bis zur Weichsel in Ostpolen, von Island bis nach Sizilien wurde ein und derselbe Kult praktiziert, dasselbe Glaubensbekenntnis gesprochen und dieselbe Liturgiesprache benutz: Latein. Die „katholische“ Religion und die aus ihr geborene westliche „Weltanschauung“ spielten die Hauptrolle bei der Entstehung des modernen Europa.




Das Erbe des Mittelalters
In unserem Denken, in unseren Moral- und Ordnungsvorstellungen und leider auch in unseren Vorurteilen sind wir dem Mittelalter näher als wir vielleicht wahrhaben wollen, wie die vielen Beispiele von Diskriminierung Fremder zeigen. Genannt sei hier nur unser (Nicht-) Umgang mit Sinti und Roma.
Weitaus bunter aber ist die Palette der Erbstücke, mit denen wir uns heute gerne schmücken.  Neben den großen Institutionen des Mittelalters, der katholischen Kirche, den Parlamenten, den Geschworenengerichten und den Universitäten, sind es vor allem die fantastischen Bauwerke, die wir dieser Epoche verdanken: Gotische Kathedralen wie Notre Dame in Paris oder das Straßburger Münster, Profanbauten wie der Hradschin in Prag, das Rathaus in Goslar oder das Holstentor in Lübeck sind Glanzlichter unserer Kultur. Viele Werke der mittelalterlichen Dichtkunst gehören heute zum festen Bestandteil der Weltliteratur. Meisterwerke wie das „Nibelungenlied“, Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ oder die Lieder Walther von der Vogelweides haben entscheidende Impulse für die nachfolgenden Künstlergenerationen gegeben.

Von Schweinen und Menschen
Besonders lebendig ist das Mittelalter heute noch im Brauchtum: Hier sind bis heute viele mittelalterliche Riten erhalten. Beobachten kann man dies zum Beispiel in den von Städtern belächelten, auf dem Land dafür umso beliebteren Schützenvereinen – ursprünglich eine Organisation zur Selbstverteidigung. Die Aufrichtung des Maibaums oder die Wahl der Maikönigin sind ebenfalls Riten, die sich wie die Fliege im Bernstein über die Zeit gerettet haben. Ein besonders fliegenreicher Bernstein ist die Sprache: Täglich benutzen wir ganz selbstverständlich Redensarten, die sich auf den mittelalterlichen Alltag beziehen. So freuen wir uns zum Beispiel, dass wir „Schwein gehabt“
haben, und wissen gar nicht, dass wir uns damit eigentlich auf die Seite der Verlierer schlagen. Denn bei Wettbewerben erhielt der Verlierer oft eine Sau als Trostpreis. Wer etwas „auf dem Kerbholz“ hat, macht sich wohl nicht bewusst, dass er dies der mittelalterlichen Ablösung von Schulden per Ratenzahlung verdankt. Jede Zahlung wurde in einen Stock eingekerbt. Noch heute heißen Gläubiger in England übrigens „stockholder“. Wer die Folgen dann wieder „ausbaden“ muss, erinnert damit  – ohne es zu wissen – an den mittelalterlichen Leidensgenossen, der als Letzter im Badezuber saß und sich mit dem nicht verschmutzten Wasser begnügen musste … Man könnte die Reihe endlos fortsetzen.
Freunde von Ritterspielen, Mittelalter-Festen und Romanen wie „Der Name der Rose“ wussten es schon lange: Das Mittelalter ist nicht nur spannend, sondern auch hoch aktuell.
Quod erat demonstrandum.

ARTE Gastautor Carl Dietmar ist Historiker und Journalist. Er hat am Drehbuch der vierteiligen Dokumentation „Mittelalter – Wege aus der Finsternis“ mitgearbeitet, die ARTE im Rahmen der Themenabende am 11. und 18. Januar ausstrahlt.



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