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Archimède   27. April 1999
05.gif (15279 octets)   Porträt:Stanislaw Lem

Das Leben in der Zukunft und die Grenzen, die das menschliche Bewußtsein dann überschreiten kann sind die zentralen Themen des Lebenswerks von Stanislaw Lem. „Solaris", seinen bekanntesten Roman, schrieb der polnische Schriftsteller 1961. Darin beschreibt er Leben und Arbeit einer Gruppe von Wissenschaftlern in einer Raumstation auf einem mysteriösen Planeten.

Stanislaw Lem
Wenn Sie zum Beispiel träumen, dann wissen Sie nicht, woher der Traum kommt. Und im Wachzustand habe ich einen Traum gehabt und der heißt Solaris. Aber warum das so war, habe ich überhaupt keine Ahnung, wirklich. Der Roman ist aus meinem Kopf entsprungen, ich weiß nicht, wieso und warum...
Was ich schreibe, habe ich hauptsächlich deshalb geschrieben, weil ich die Möglichkeit hatte. Ich habe das geschrieben, wie wenn jemand hungrig ist oder durstig.

Lem sucht nach dem höheren Bewußtsein. In seinem Roman „Solaris" läßt er diese Suche mit einer deprimierenden Einsicht enden: der Planet „Solaris" ist der Sitz eines „gebrechen-behafteten" Gottes. Darunter versteht Lem einen Schöpfer allen Seins, der sich mit Entsetzen von den Phänomenen abwandte, die er selbst formte und in Gang setzte.

1921 im polnischen Lwow in einer jüdischen Arztfamilie geboren, lebt Stanislaw Lem ab 1941 unter deutscher Okkupation. Er arbeitet als Autoschlosser für die Deutschen und erledigt Botengänge für die polnische Widerstandsbewegung. 1945 wird das Staatsgebiet Polens nach Westen verschoben. Lem geht nach Krakau und beginnt zu schreiben. Aber die intellektuelle Kraft und der unabhängige Geist des jungen Schriftstellers werden im stalinistischen Polen nicht geduldet. Er erhält Schreibverbot und wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Er beugt sich dem ideologischen Druck, weil ihm das Schreiben lebensnotwendig ist und beschreibt am Anfang der 50er Jahre den Klassenkampf auf allen Planeten des Universums.
Sein Einlenken wird mit der Wiederaufnahme in den Verband und offziellen Auszeichnungen belohnt. Für sich selbst hat Lem aber eine ganz andere Entdeckung gemacht: Im Genre des Zukunftsromans bleibt er unbehelligt von staatlichen Restriktionen. So beginnt eine atemberaubende Schaffens-periode. Romane entstehen, die die Zukunftsvorstellungen von Generationen prägen und Lem auf der ganzen Welt berühmt machen: „Die Sterntagebücher", die „Robotermärchen", der „futurologische Kongreß" und viele andere. Lems Werk umfaßt bis heute 40 Bücher.

Lem gründet die polnische Astronautische Gesellschaft und wird Mitglied in der Gesellschaft für Kybernetik. Hier eignet er sich das Wissen an, das er in seinen Romanen in futuristische Technik-welten umsetzt. Er nimmt damit auch reale Entwicklungen vorweg, wenn er beschreibt, wie Astronautencrews in Raum-stationen arbeiten. Isoliert von allen Kontakten zur menschlichen Zivilisation, leiden die Raumfahrer an Halluzinationen und Depressionen. Aber auch außerirdische Phantasiewesen entspringen der Phantasie Lems: Der Quarzer, der tagsüber nur als blankgeputzte Linse zu sehen war und nachts als Spiegelung der Sterne, oder etwa der Kosmogoniker, der Sterne leuchtend machte, um das Dunkel zu besiegen.

Erg Selbsterreg, der den Bleichling überwindet und viele andere bevölkern seine anspielungsreichen Erzählungen. In Osteuropa werden sie als Parodie auf den Sozialismus und im Westen als Lebensparabeln gelesen.

Nicht nur als Schriftsteller ist Lem ein Weltenschöpfer. Er arbeitet an der Grenze zur Wissenschaft und eröffnet neue Horizonte für zukünftige Technologien. Für seine Beschreibungen von künstlichem Leben und intelligenten Computern, simulierten und gentechnisch veränderten Lebewesen, wird er schließlich als poet laureat of artificial life geehrt. Dabei schließt er auch eine durch technische Eingriffe verbesserte menschliche Spezies nicht aus. In Lems Roman Lokaltermin sind alle Menschen durch ein Güte-Atom infiziert, gehen aber an der Unerträglichkeit des Mitleids zugrunde.

Lem
Wenn man etwas erschaffen will, dann muß man auch das erschaffen, was man nicht erschaffen möchte. Das heißt, es gibt manchmal sehr unangenehme Folgen sehr positiver und edler Wünsche, was bedeutet, um es kurz zu fassen: ich habe in mehreren Erzählungen versucht, eine Welt darzustellen, die dermaßen abgeändert war, daß alle Menschen glücklich waren und das ist unmöglich.

Der Mediziner Lem entwickelte die Cerebromatik, mit der durch vorgeburtliche Programmierung oder durch Einpflanzen sogenannter „Einschiebsel" das Erbgut verändert werden sollte. So könnte, schrieb Lem, zum Beispiel die Kenntnis des Korans oder die Fähigkeit des Trampolinspringens zur angeborenen Fähigkeit gemacht werden. Die Sinne seien dann frei für den Erwerb neuer Fähigkeiten. Der Futurologe Lem dachte an Astrotechniker, die in Zukunft Sterne erschaffen könnten, auf denen menschliches Leben nicht nur möglich, sondern auch angenehm wäre.

Im Grunde genommen ist nach Lem jede Technologie eine künstliche Verlängerung der natürlichen, allem Lebendigen angeborenen Tendenz, die Umwelt zu beherrschen. Aber: „Wer bewegt wen? Bewegt die Technologie uns oder wir sie?" Könnte nicht aus einem Astrotechniker sehr leicht ein Sternenmörder werden - ein Verbrecher von kosmischen Ausmaßen?

Wäre der Fortschritt durch Technisierung also bloße Illusion? 1964 meinte Lem noch zu wissen, wie die Menschheit den negativen Folgen der Technisierung entgehen kann. In seinem Buch „Summa technologiae" schrieb er: ''Auf der Suche nach Modellen muß man über die Zivilisation, die Gesellschaft und die Kultur hinausgehen. Die Denkmodelle sind in der natürlichen Evolution zu suchen - denn so halten wir uns zugleich von Größenwahn und Misanthropie fern."

Lem
Na, jetzt bin ich weit skeptischer, ich will nicht sagen, schwarzseherischer, als in der Zeit, in der ich diese Worte geschrieben habe. Zum ersten war ich damals jung und zum zweiten hat es die Verwirklichung meiner Träumereien nicht gegeben und jetzt gibt es sie. Und sie sehen nicht sehr schön aus. Sie glänzen nicht. Das ist nicht pures Gold...

Es gibt Scheidewasser, das Gold von seiner Umgebung trennt, aber es gibt kein Scheidewasser, das gute Entdeckungen von anderen scheiden könnte. So etwas gibt es weder in der Literatur noch im realen LebenEine neue Dimension des Erlebens hatte Lem bereits vor einigen Jahrzehnten erdacht. Er nannte sie „Phantomatisierung". 1963 schrieb er:„Wenn ein Mensch mit allen seinen Sinnen an einen Computer angeschlossen werden könnte, so könnte er voll und ganz in eine fiktive Welt eintauchen und zum Beispiel eine Reise zum Mittelpunkt der Erde oder eine Romanze mit Kleopatra erleben."

Doch, so wendet er heute ein, das Phantom einer Person bleibt immer bloße Simulation. Es ist nicht imstande, vernünftig zu handeln. Kein Programmierer der Welt ist in der Lage, künstliche Intelligenz in Gang zu setzen, damit sie sich selbst weiter entfaltet. Auch könnten die schmackhaftesten phantomatisierten Speisen niemanden sättigen.

In einer virtuellen Realität wären alle Begrenzungen des irdischen Seins aufgehoben. Es wäre eine Welt erschaffen, die neue Erfahrungen des Bewußtseins ermöglicht. Wie aber würde das menschliche Gehirn darauf reagieren? Würde es vielleicht schließlich zu Duellen zwischen der virtuellen und der authentischen Realität kommen? Und wie würde eine solche Welt dann aussehen?

Lem ist davon überzeugt, daß die Spezies Mensch von ihren wachsenden technischen Möglichkeiten immer mehr in die Rolle eines Gottes gedrängt werden wird. Um eine Katastrophe zu vermeiden, muß sie sich eine immer größere ethische Selbstbeschränkung auferlegen.

Lem
Ich glaubte, schon gewußt zu haben, wie es wird, und dann bin ich immer skeptischer geworden. Und ich habe gedacht: vielleicht sollte man nicht so sehr versuchen, den lieben Gott zu spielen und den Menschen abzuändern. Denn sagen wir, allein der Gedanke einer Fortschrittlichkeit in diesem Sinne, daß wir immer mehr Bewußtsein haben, daß wir ein immer perfekteres Gedächtnis haben, daß wir nämlich angeschlossen sind an Expertensysteme, lexikonhaltige. Nein, das macht mich nicht glücklich! Es ist besser, im Garten zu sitzen und einen Apfel zu essen. Einen realen Apfel, nicht einen phantomatisierten.

  © 1999 ARTE G.E.I.E