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Archimède   04. Mai 1999
01.gif (13812 octets)   Wir verlieren unser Gedächtnis

Die alten Römer hinterließen ihre Geschichte auf schweren Felsblöcken. Botschaften geschaffen für die Ewigkeit.
Heute werden digitale Daten produziert. Am Ende dieses Jahrhunderts wird das aktuelle Wissen unserer Zivilisation fast nur noch in digitaler Form vorhanden sein. Buchstaben, Texte, Bilder reduziert auf Nullen und Einsen.

Wer digitale Daten aufbewahren will, der braucht einen möglichst lange haltbaren Datenträger. Die Regale der Computerhändler sind angefüllt mit Disketten, Magnetspeichern und Wechselplatten aller Art. Doch wie lange läßt sich eine Diskette aufbewahren ohne vorher ihr magnetisches Gedächtnis verloren zu haben? Wie behutsam müssen wir mit den digitalen Daten umgehen? Sind alle unsere Disketten, Kassetten und digitalen Silberscheiben für die Ewigkeit gemacht? Oder müssen wir uns mit dem Gedanken abfinden, daß auch die digitale Welt vergänglich ist?

Der kanadische Archivexperte Christopher Seifried nennt das Kind beim Namen: "Wenn wir nicht bald ein geeignetes Speichermedium finden, wird das Informationszeitalter ohne Gedächtnis sein."

Werden wir in 1000 Jahren noch digitale Daten aus dem Jahre 1999 lesen können? Im bayerischen Hauptstaatsarchiv in München lagern Tausende von historischen Dokumenten und Urkunden. Exakt geordnet und beschriftet, in säurefreien Kartons und Umschlägen archiviert, um sie vor dem Verfall zu schützen. Konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit sorgen dafür, daß die wertvollen Dokumente auch den kommenden Generationen noch erhalten bleiben.

Je tiefer man in die Welt der Archivare eindringt, desto öfter wird man den Begriff Datenpflege zu hören bekommen. Information, Schriftstücke und Daten müssen intensiv gepflegt werden. Wer bei der Archivierung keine Sorgfalt walten läßt, der muß mit dem Verfall seiner Daten rechnen. Ein schmerzlicher Verlust, den niemand hinnehmen möchte.

Doch da die klassischen Archive und Bibliotheken sehr viel Platz benötigen ist man dazu übergegangen Sicherungskopien auf Mikrofilm anzufertigen. Auf diesen postkartengroßen Mikrofilmen, auch Mikrofiche genannt, lassen sich 65 Schreibmaschinenseiten festhalten. Ein großer Vorteil der Mikroverfilmung besteht darin, daß die Herstellung sehr billig ist und ein Mikrofiche auf Polyesterbasis bei korrekter Lagerung rund 1000 Jahre überdauern kann.

Digitale Speichermedien hingegen haben eine Lebenserwartung von 5 bis 10 Jahren. Im Rechenzentrum der Max-Planck-Gesellschaft in München werden die elektronischen Daten äußerst akribisch gepflegt und überwacht. Rund um die Uhr verarbeitet ein CRAY Hochleistungsrechner die enormen einkommenden Datenmengen. Wer aber speichert diese unüberschaubare Datenmenge und wo liegen letztlich die Probleme bei der Archivierung digitaler Daten?

Dr. Hartmut Reuter
Rechenzentrum der Max-Planck-Gesellschaft München

Es gibt verschiedene Schichten von Problemen. Es gibt einmal die Frage, ob Daten, die man auf ein Medium geschrieben hat, auf Magnetbänder oder sowas, nach einer bestimmten Zeit überhaupt noch technisch lesbar sind, also rein vom Gerät her lesbar sind, ob es, wenn man Daten in diesem Format irgendwo abgespeichert hat, nach einer bestimmten Zeit überhaupt noch Geräte gibt, mit denen man die lesen kann. Das ist das eine, sagen wir mal, Hardwareproblem. Das andere ist daß, um diese Daten zu interpretieren, man eigentlich auch immer die Programme braucht, die man seinerzeit benutzt hat. Das wird man merken, allein, wenn man schon ein Textverarbeitungs-programm auf dem PC benutzt hat in einer früheren Version und dann 5 Jahre später versucht die alten Files wieder zu lesen: geht nicht, weil sich die Programme auseinandergelebt haben.

Das sind die Probleme, mit denen jeder zu kämpfen hat, der seine elektronischen Daten so lange wie möglich am Leben erhalten will. Im professionellen Bereich, wie im Max-Planck Rechenzentrum, werden die Magnetbänder unter optimalen Bedingungen gelagert und ständig überprüft. Ein Robotersystem sorgt dafür, daß fehlerhafte Datenträger oder Bänder, die älter als 18 Monate sind, automatisch kopiert und anschließend entsorgt werden. Vertrauen ist gut - Kopieren ist besser.

Was aber macht private Computerbesitzer dessen Geräte schon nach zwei Jahren auf dem Elektronikfriedhof landen? Was geschieht mit den Daten und Files, die auf den alten Rechnern erstellt worden sind? Alte Programme funktionieren oft nicht auf neuen Computern und selbst wenn der Datenträger physisch noch vollkommen intakt ist, so sind neue Rechner häufig nicht mehr in der Lage die alten Datei leserlich zu übersetzen. Was übrig bleibt ist eine binäre Masse aus Nullen und Einsen.

Das Rechenzentrum der Stadt München entsprach vor 20 Jahren den modernsten Standards:hallenfüllende Rechenanlagen;millionenteure High Tech Geräte, die der heutigen Computerbranche allenfalls ein müdes Lächeln entlocken würden. Vergangene Zeiten, in denen Computer noch Wundergeräte waren. Heute liegen die alten Magnetspeicher als Souvenirs in der Abstellkammer. Die alten Daten hingegen haben überlebt und wurden unter enormem Kostenaufwand auf neue Speichermedien übertragen.

Wilhelm Hoegner
Amt für Information und Datenverarbeitung München
Das kostet sehr viel Geld und auch entsprechend organisatorischen Aufwand. Es müssen ja immer die Umsetzprogramme geschrieben werden, es müssen die entsprechenden Umsetzungen auch vorgenommen werden, auch wenn heute dieses nicht mehr in manueller Arbeit passiert, sondern wir Robotersysteme dafür einsetzen. Trotzdem ist es so, daß die Archivierung und die Datensicherheit auch sehr viel Geld kostet, auf der anderen Seite zeigen ja die Archive, die in Papierform ja vorliegen, daß doch häufig für historische Forschungen auch auf diese Daten zurückgegriffen werden muss. Wenn die dann nicht mehr da sind ist der Schaden wahrscheinlich ungleich größer.

Bis in die früher 90er Jahre wurden sämtliche elektronischen Daten auf Magnetbändern gespeichert. Intakte Geräte, die diese Bänder lesen können gibt es allerdings kaum mehr. Auch das Rechenzentrum der Stadt München bedient sich eines Robotersystems, um auf die Datenkassetten zuzugreifen. Fehlerhafte Datenträger werden sofort ausgetauscht und erneuert. Wer weniger Sorgfalt anwendet, den erwartet der NASA Effekt. Die amerikanische Raumfahrtbehörde hat die Daten aus drei Jahrzehnten Raumfahrt, das sind 1,2 Millionen Magnetbänder, bereits verloren. Der Grund: die Bänder waren nicht beschriftet oder wenn dann nur sehr dürftig. Schlechte Lagerbedingungen in feuchten Lagerhäusern haben dem Bandmaterial den Garaus gemacht.

Elektronische Daten sind nicht für die Ewigkeit geschaffen. Selbst wenn ein Magentspeicher, egal welcher Art, noch vollkommen intakt ist und Daten gespeichert enthält, so wird die Chance auch ein passendes Abspielgerät zu finden immer geringer. Wenn in 10 Jahren jemand behauptet, auf einem Stapel alter Lochkarten sei der Lageplan zu einem Goldschatz gespeichert, dann wird der Schatz nie gehoben werden, weil die Entschlüsselung der alten Pappkarten ein unüberwindbares Hindernis darstellen wird. Daten verfallen. Eine Tatsache mit der wir uns abfinden müssen.

Dr. Ekkehard Mochmann
Zentralarchiv für empirische Sozialforschung Köln

Papier, was früher in den Archiven dokumentiert wurde, wurde von Säuren zerfressen und wenn es nicht permanent gepflegt wurde, neue Kopien erstellt wurden, oder aber die Säure reduziert wurde - dann war es eben Opfer der Zeit. Heute ist es mit den elektronischen Medien genauso. Und vielleicht gewinnt es seine Dramatik dadurch, daß heute noch viel mehr an Information zunächst mal elektronisch aufgezeichnet wird. Elektronische Aufzeichnungen sind der Tendenz nach auch flüchtiger, wenn sie nicht so gepflegt werden wie eben eine Bibliothek oder wie spezialisierte elektronische Archive es zu tun pflegen. Wenn diese Pflege zu Teil wird und wenn die Materialien für archivierungswürdig erachtet worden sind, dann zeigt die Praxis und nicht nur die Theorie, daß solche Bestände auch über Jahrzehnte zuverlässig aufbewahrt werden können und auch für neueste Geräte lesbar gemacht werden können, obwohl sie auf Geräten erstellt worden sind, die es heute schon lange nicht mehr gibt.

Alte elektronische Daten zu aktualisieren kostet Zeit und Geld. Mit weitaus geringerem Aufwand können wir auch heute noch alte Schallplatten mühelos abspielen. Ein fast 70-jähriger Datenträger, auf dessen Information wir problemlos zugreifen können. Ein weiteres Medium mit sehr langer Haltbarkeit ist das Schwarzweißphoto. Die ersten Schwarzweißbilder entstanden vor mehr als 150 Jahren und sind auch heute noch in nahezu originaler Qualität erhalten.

 Ob das Informationszeitalter tatsächlich sein Gedächtnis verlieren wird hängt einzig und alleine davon ab wie wir die Relikte der Vergangenheit pflegen. Ein neues Berufsbild könnte man sich jetzt schon vorstellen: der Datenarchäologe.

  © 1999 ARTE G.E.I.E