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Archimède   11. Mai 1999
03.gif (17589 octets)   Strahlungen

Professor Archipi bereitete seine Vorlesung zum Thema Radioaktivität vor. Um sich zu entspannen, sah er durchs Fenster Kindern bei einer Schneeballschlacht zu. Seine Träumerei erwies sich als fruchtbar: Eine Analogie zu den Schneebällen brachte ihn darauf, warum man verschiedene Maßeinheiten der Radioaktivität braucht, um die Wirkung auf die Materie und vor allem auf den menschlichen Körper zu bestimmen.

Jedes Kind wirft die Schneebälle mehr oder weniger schwungvoll, ganz wie die radioaktiven Kerne mehr oder weniger schnell zerfallen, stellt Archipi fest.
Die Aktivitätseinheit ist das Becquerel. 1 Becquerel gleich 1 Zerfall pro Sekunde. Die Radioaktivität kennt außerordentlich empfindliche Maßeinheiten. Man kann einen einzigen Kern identifizieren, während man in der Chemie Milliarden von Molekülen braucht, um das Vorhandensein und die Natur eines Körpers zu bestimmen. Die natürliche Radioaktivität wird durch Radon verursacht, ein Gas, das aus dem Zerfall des Radiums im Boden entsteht.

Die Atmosphäre enthält zwischen 1 und 10 Becquerel pro Kubikmeter, bretonische Häuser enthalten fast 1000 aufgrund des darunterliegenden Granits, der mit radioaktiven Elementen versetzt ist, und schlecht belüftete Höhlen zwischen 1000 und 10.000 Becquerel.

Die Strahlungen, die von radioaktiven Körpern ausgehen, sind wie die Schneebälle unterschiedlichen Typs. Es gibt Röntgen- und Gammastrahlen: "leuchtende Schneebälle" ohne Masse und sehr schnell; Elektronen: kleine und sehr leichte Schneebälle; Neutronen und Heliumkerne: tausendmal schwerere Schneebälle. So wie die Schneebälle nicht alle ihr Ziel treffen, werden auch die Strahlungen ungleich von der Materie absorbiert: Heliumkerne werden schon von einem einfachen Blatt Papier oder einer sehr dünnen Hautschicht aufgehalten, Gamma- und Röntgenstrahlen durchqueren teilweise den Körper. Die Energie der Strahlungen wird ganz oder zum Teil von den Molekülen absorbiert: Dieses Energiedepot nach Volumeneinheit wird in Gray gemessen, was der Energie eines Joule pro Kilogramm Materie entspricht.

Muskelbepackte Burschen, sagen wir halb Tarzan, halb Yeti, werfen mit dicken Schneebällen, die Spuren und blaue Flecken hinterlassen, anders als die harmlosen Geschosse junger Mädchen. Genauso haben auch die absorbierten Strahlungen mehr oder weniger Einfluß auf den menschlichen Körper: Wir wissen, daß sie segensreich sind, wenn sie kranke Zellen zerstören, und schädlich, wenn sie zu Mutationen führen.

Das biologische Dosisäquivalent, Sievert, trägt der Schädlichkeit der Strahlen Rechnung. So multipliziert man die Neutronendosen, die in Gray ausgedrückt sind, mit 10, um das biologische Äquivalent in Sievert zu erhalten; bei den weniger schädlichen Röntgenstrahlen entspricht 1 Sievert 1 Gray. Aus den Daten von Hiroshima und Nagasaki ergibt sich, daß die Dosis von 1 Sievert, die ein einziges Mal aufgenommen wurde, das Krebsrisiko um 1,48 erhöht. Die natürliche Radioaktivität entspricht 0,002 Sievert, eine Szintigraphie 0,009 Sievert.

Die mit schwachen Dosen verbundenen Risiken sind Gegenstand von Kontroversen: Inwieweit ist der Organismus in der Lage, schädliche, durch Radioaktivität verursachte, krebserregende Genmutationen zu reparieren? Die Nebenwirkungen sind zwar schwach und verzögert, aber dennoch vorhanden. Muß man das Vorsorgeprinzip anwenden?

Manche raten: Im Zweifelsfall lieber verzichten. Andere wägen eher die Vor- und Nachteile gegeneinander ab und setzen im Zweifelsfall auf verantwortungsbewußtes Handeln.

  © 1999 ARTE G.E.I.E