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Archimède   11. Mai 1999
04.gif (29707 octets)   Porträt: Piotr Slonimski

Piotr Slonimski ist Genetiker. In seinem Labor im Forschungsinstitut in Gif-sur-Yvette wurde zum ersten Mal das vollständige Genom eines lebenden Organismus sequenziert, ein Hefegenom.

Aber bevor wir uns für Hefe interessieren, lassen wir uns von Piotr Slonimski daran erinnern, was ein Genom ist.

P. Slonimski
Das Genom ist der Informationsgehalt der Zelle, und dieser Informationsgehalt ist in materieller Form vorhanden, in Form eines Moleküls oder mehrerer Moleküle. Dieses Molekül heißt DNS: Desoxyribonukleinsäure. Wir haben hier ein Modell des Moleküls. Sie sehen die Anordnung der verschiedenen Atome, die dieses Molekül bilden. Bei diesem Maßstab wäre das Hefegenom mehrere hundert Kilometer lang. Das Genom oder die DNS des Menschen käme auf mehrere hunderttausend Kilometer, würde also mehrere hundertmal die Erde umrunden bei diesem Maßstab.
Aber in Wirklichkeit ist das Molekül winzig klein. Es ist mikroskopisch klein, weil ein solches Molekül jeweils in einer Zelle Platz finden muß. Es ist ein Text. Man kann dieses Molekül wie einen Text behandeln, weil die vier verschiedenen Bausteine des Moleküls, die vier Bausteine, die es bei allen Lebewesen gibt, die sogenannten Basen, manchmal auch mit Buchstaben gekennzeichnet werden, und zwar A für Adenin, T für Thymin, C für Cytosin und G für Guanin. Aus der Abfolge dieser Buchstaben ergeben sich Worte, die mehr oder weniger lang sind, genau wie in unserer Sprache. Das Genom zu entziffern heißt einfach, den Text lesbar zu machen.

P. Slonimski
Warum wurde die Hefe als Modell zur Erforschung lebender Zellen gewählt? Weil es eine einfache Zelle ist, die zugleich alle Eigenschaften besitzt, die auch die anderen lebenden Zellen von Pflanzen oder Tieren haben. In diesem Labor waren wir an der vollständigen Sequenzierung des Hefegenoms beteiligt. Wir haben die Sequenz von zwölf Millionen sechshunderttausend und noch etwas Buchstaben vollständig entziffert.
Etwa zehn Gene wurden aufgeschlüsselt. Bei einem Gen ist seine Sequenz sichtbar und - ein wichtiger Punkt - die menschliche Entsprechung dieses Hefegens. Jedesmal wenn ein Buchstabe schwarz unterlegt ist, heißt das, es handelt sich um den gleichen Buchstaben beim Menschen und bei der Hefe. Entsprechungen dieser Art finden sich zu Tausenden im Hefegenom, weil mehr als 50 Prozent des Hefegenoms den menschlichen Genen entsprechen.

Mensch und Hefe sind Cousins, entfernte Cousins. Wir stammen von einem Organismus ab, der vor einer Milliarde Jahren lebte und sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in zwei Zweige aufgeteilt hat. Aus einem dieser Zweige ging u.a. der Mensch hervor, und aus dem anderen wurden die Pflanzen.

Man kann die Genfunktionen an der Hefe sehr viel leichter untersuchen als am Menschen. Man kann im Labor mit Hefe experimentieren, mit dem Menschen kann man nicht experimentieren. Das Verständnis wird erleichtert, weil der Organismus viel einfacher ist. Hefe ist einfacher strukturiert als der Mensch. Man versteht besser, wie diese Gene funktionieren, was sie tun, wie sie sich verständigen, denn letztlich ist das wichtigste bei der Funktionsweise der Zelle der Dialog der Gene. Das kann harmonische Musik sein oder eine Kakophonie, wenn die Gene den geregelten, integrierten Dialog unterbrechen. Krebs ist Ausdruck einer solchen Kakophonie, bei der sich bestimmte Gene den Regeln entziehen, das heißt dem Dialog mit den anderen Genen. Hefe dient uns also als Modell zum Verständnis der Funktionsweise lebender Zellen, bei Tieren ebenso wie bei Pflanzen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E