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Archimède   1. Juni 1999
07.jpg (15051 octets) Von Motten und Museen

 


Die Kleidermotte oder Tineola biseliella.
Bei einer Gesamtlebenszeit von 90 Tagen verbringt die Motte 55 Tage als Raupe. Neben den Pelzmotten haben es auch die Kleidermotten auf unsere Sachen abgesehen. Was Museen unternehmen, um sich vor ihnen zu schützen.

Im Laboratorium zur Erforschung historischer Monumente in Champs-sur-Marne macht Dominique de Reyer Jagd auf Schädlinge, die alte Gegenstände angreifen, vor allem auf Motten.

de Reyer
Kleidermotten gehören zu den keratinfressenden Insekten, das heißt, sie sind in der Lage, das Keratin zu verdauen, also das Aufbauprotein, das sich in Leder, in Haaren, in Wolle, in Fellen, Pelzen und Federn findet. Diese Insekten sind in freier Natur nützlich, da sie Biomasse zersetzen. Sie finden sich in Vogelnestern, wo sie das Putzen übernehmen, indem sie Federn und andere Hinterlassenschaften der Vögel vertilgen. Sobald sie jedoch in die Häuser eindringen, sind sie schädlich, vor allem wenn sie sich in Schränken und Mänteln einnisten.
Wir alle haben die Erfahrung gemacht bei der Rückkehr aus dem Urlaub. Man räumt seinen Schrank auf und entdeckt einen beschädigten Mantel, oder man hat Erinnerungsstücke an die Großmutter, in denen sich die Motten eingenistet haben. Und wenn man genauer hinsieht, erkennt man die Spuren von Insekten auf dem Mantel.
Vom privaten Kleidungsstück zu historischen und traditionellen Kostümen ist es für die Motten nur ein Schritt, und sie scheuen sich nicht, ihn zu tun. Für diese Insekten sind Sammlungen wie die im Musée de l'Homme in Paris ein Glücksfall. Hunderttausende von Objekten aus Federn, Fellen, Pelzen und Stoffen bieten sich ihren Mundwerkzeugen an.

Orliac
Ein Mantel aus Wollfilz z.B. mit Metallfäden bestickt. Die Motten lieben Wollfilz und fallen mit Vorliebe über ihn her. Um das zu verhindern, benutzen wir Mottenkugeln. Der darin enthaltene Kampfer stößt die Motten ab. Wir legen die Kugeln in Säckchen, bringen sie im Schrank an, und wenn eine Motte eindringt, schreckt der Geruch sie ab. Wir setzen also auf die abschreckende Wirkung des Kampfers.

Befallen Motten ein Objekt, heißt das, die Raupen fressen die Fellbasis an, und es kommt zu vollkommen kahlen Zonen. In solchen Fällen muß man natürlich sehr schnell handeln.

de Reyer
Die Methoden, die wir bisher zur Behandlung der von Insekten befallenen Gegenstände benutzt haben, waren dem Nahrungsmittelbereich entlehnt; dazu gehörte vor allem die Ausräucherung mit chemischen Stoffen wie Methylbromid. Diese Methoden sind sehr wirksam, aber leider auch giftig für die Umwelt, das Personal und die Gegenstände selbst, weil manche Materialien, insbesondere Leder, spezifisch mit Bromid reagieren können.

Die Motte ist ein Schmetterling. Deshalb durchläuft sie die üblichen Stadien eines Schmetterlingslebens, vom Ei bis zum ausgewachsenen Flügeltier mit einer Zwischenphase als Puppe. Das ausgewachsene Tier frißt nicht und lebt zehn Tage, zehn Tage, die einzig der Fortpflanzung gewidmet sind. Denn nur wenn die Motte noch im Raupenstadium ist, vergreift sie sich an unseren Mänteln.
Manche Raupen bauen Seidentunnel, in denen sie sich fortbewegen. Diese Gänge sind netzförmige Gespinste, mit denen die Tiere die gesamte Oberfläche der von ihnen befallenen Gegenstände überziehen, daher auch ihre Bezeichnung als "Tapetenmotten". Kleine Kugeln in den Gängen sind ihre Ausscheidungen. Die Raupen benutzen sie ebenfalls als Baumaterial.

Das Ziel der Forscher besteht darin, das Insekt in all seinen Lebensphasen zu bekämpfen: ob Ei, Raupe oder Schmetterling.

de Reyer
Die Insekten haben die biologische Besonderheit, ihre Körpertemperatur nicht regeln zu können und sowohl auf eine Temperaturerhöhung als auch auf eine Temperaturerniedrigung empfindlich zu reagieren. Die Methoden, die wir derzeit befürworten, gehen eher in Richtung Gefrieren, also Erniedrigung der Temperatur. Wir haben einen eigenen Arbeitsbereich über die Wirkung der Temperatursenkung bei den Motten eingerichtet; als Grundlage dienen uns die Experimente Georges Chauvins und Lee Vaniers zur Ermittlung des kritischen Kältepunktes, der in jedem Entwicklungsstadium der Motte zum Tode führt.

Um den kritischen Temperaturpunkt und die notwendige Expositionszeit gegenüber Kälte zu ermitteln, bis die Tiere sicher abgetötet sind, setzen die Wissenschaftler die Raupen realitätsnahen Bedingungen aus.

de Reyer
Wir stellen uns vor, die Larven hätten sich in einen Teppich eingenistet. Also plazieren wir die Probe auf einer Filzrolle, und befestigen einen Temperaturmesser daneben.Die Filzrolle täuscht also einen Teppich vor. In Wirklichkeit würde es länger dauern, bis die Kälte in die Rolle eindringt und die Insekten erreicht.

de Reyer
Deshalb legen wir den Filz in den Gefrierschrank, der bereits auf minus 30 Grad steht. Nach 48 Stunden wird der falsche Teppich entrollt. Wir untersuchen also den Zustand der Larven und unterziehen sie dem Einstichtest, um zu sehen, ob sie noch Reaktionen zeigen. Ich lege sie unter das Mikroskop und beobachte ihre Reaktion auf den Stich.

Bei diesem Experiment wurden unterschiedlich lange Gefrierzeiten und verschiedene Temperaturen ausprobiert. Wie lauten die Schlußfolgerungen?

de Reyer
Um bei einer Gefrierbehandlung zuverlässig alle Entwicklungsstadien des betreffenden Objekts abzutöten, geht man von einer Temperatur zwischen minus 25 und minus 30 Grad aus. Die Ergebnisse dieser Experimente werden täglich in die Praxis umgesetzt. Unsere Studien haben gezeigt, daß das Einfrieren eine wirksame Methode ist, die zum hundertprozentigen Abtöten aller Entwicklungsstadien des Insekts führt. Aber ehe man sie zur Behandlung von Sammlerstücken anwendet, muß man sich zunächst vergewissern, daß diese Methode gefahrlos ist und die Objekte nicht beschädigt.

Bei Objekten, die Schaden nehmen könnten durch das Einfrieren, verfährt man nach einer anderen Strategie. Sie wird vom Musée national des arts d'Afrique et d'Océanie praktiziert. Dabei arbeitet man mit Sauerstoffentzug. Mit dieser Methode kann man zusammengesetzte Stücke wie Masken aus Vanuatu behandeln. Sie bestehen aus Federn, Bambus, Palmenmark und Pflanzenmehl, das mit Brotbaumsaft und Gouachefarbe gebunden wurde. Man weiß nicht, wie der Saft und die Gouachefarbe auf das Einfrieren reagieren würden. Die Farbschicht könnte sich ablösen. Für die Behandlung durch Sauerstoffentzug wird die Maske hermetisch mit einer Hülle umschlossen. Diese Beutel absorbieren Sauerstoff. Zusammen mit der Maske in die Umhüllung gegeben, führen sie zum Ersticken der Insekten in allen Entwicklungsstadien, und das ohne Gefahr für das Kunstwerk.

In einigen Tagen werden mehr als 99 Prozent des Sauerstoffs in der Hülle absorbiert sein. Nach einigen Wochen der Isolation in der Hülle ist die Maske gerettet.
Außer der Desinfektion hat das Musée National des arts d'Afrique et d'Océanie eine sehr strenge Vorsorgestrategie entwickelt. Zum Beispiel mit der Einrichtung einer Quarantänestation in seinem Untergeschoß.

Prévot
Um jede Infektionsgefahr zu vermeiden, gehen wir mit den Beständen sehr sorgfältig um. Das fängt schon bei der Lagerung der Objekte an. Jedes Objekt hat seinen Platz, hat ausreichend Raum für sich. Die Objekte werden so aufgestellt, daß sie sich nicht gegenseitig beengen, und außerdem suchen wir jeden Montag morgen die Bestände auf, um das Klima zu kontrollieren und bei der Gelegenheit zu prüfen, ob es irgendein Problem gibt, ob die Objekte genügend Raum haben, ob Insekten in der Nähe sind, ob man irgend etwas bemerkt, irgendeine Anomalie. In diesem Fall werden die notwendigen Maßnahmen ergriffen; das Objekt wird isoliert, sobald man irgendein Insekt oder eine Infektion entdeckt.
Z. B. Objekte aus Vanuatu, die zum größten Teil äußerst zerbrechlich sind und bei denen zudem als Material auch Federn verwendet wurden. Gerade Federn sind besonders anfällig gegen Insekten und Motten. Deshalb haben wir alle Objekte auf Schaumstoff plaziert, damit man Schädlinge sofort erkennt, und manche legen wir sogar in Boxen, um sie zu isolieren und vor Klimaeinflüssen zu schützen. Aber auch die Boxen sind mit weißem Schaumstoff ausgekleidet, so daß man gleich sieht, ob Insekten in der Nähe sind oder nicht.

Wissenschaftler und Restauratoren sind also Tag für Tag darauf bedacht, Insekten als Schädlinge unseres Kulturerbes aufzuspüren und unschädlich zu machen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E