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Archimède   8. Juni 1999
03.jpg (8399 octets) Mottenjagd

 

 

In der vergangenen Woche haben wir bestimmte Objekte aus der Sammlung des Musée de l'Homme gesehen, die von Motten beschädigt waren.

Die Motten können Wolle oder Stoffe, auf denen sie Eier legen wollen,schon von weitem riechen, ein Kaninchenfell zum Beispiel aus ungefähr zwei Metern. Die Unterlage, die sie für ihr Gelege wählen, dient den geschlüpften Raupen als Nahrung, sie vernichten sie. Deshalb versuchen die Wissenschaftler, die ausgewachsenen Motten durch Duft in die Falle zu locken, entweder indem sie herausfinden, was sie anzieht, oder indem sie Gerüche erkunden, die abstoßend wirken.
An der Universität von Tours haben Jean-Claude Biémont und sein Team eine Reihe von Experimenten zu dieser Frage angestellt. Zwei davon werden sie uns vorführen.

Biémont
Mit diesem Experiment wollen wir prüfen, ob das Insekt bestimmte Duftsubstanzen in einem Luftstrom wahrnimmt. Wir registrieren die elektrische Aktivität der Fühler, die wir mit einem Duftstrom stimulieren. Die Fühler der Insekten enthalten zahlreiche spezifische Strukturen in sehr unterschiedlichen Formen, von denen manche, die sogenannten Riechzellen, viele Poren aufweisen, durch die die Gerüche eindringen.Diese Gerüche werden dann von Proteinen aufgenommen und zu den Nervenendigungen der Riechzelle transportiert. Die Duftbotschaft wird so in eine elektrische Botschaft verwandelt, die wir aufzeichnen können.
Dann wird ein Insekt mit Kohlendioxid betäubt. Ich fixiere es mit Klebeband und führe eine Elektrode in seinen Thorax ein, eine indifferente Elektrode. Dann schneiden wir die Spitze des Fühlers ab und bringen darauf die Elektrode an, die die Aufzeichnungen vornimmt.

Von rechts schiebt sich die Elektrode vor und heftet sich auf den Fühler der Motte. Mit dieser Vorrichtung kann man aufzeichnen, wie intensiv jeder einzelne Duft von dem Insekt wahrgenommen wird. Der hier getestete Stoff ist Zitronenkraut. Die Kurve auf dem Bildschirm zeigt an, wie intensiv das Insekt den Duft wahrnimmt. Der Geruch des Zitronenkrauts ist bei der Motte angekommen.

Mit diesem Experiment finden die Forscher also Gerüche heraus, auf die die Motten reagieren. Jetzt geht es darum zu spezifizieren, welche anziehend und welche abstoßend sind. Zum Beispiel kann man mit Pheromonen - Molekülen, die von den ausgewachsenen Weibchen ausgesandt werden, um die Männchen anzuziehen - Insekten auf Leimkartons locken, die nach dem Prinzip der Fliegenfänger funktionieren. Der Nachteil bei diesem Lockmittel ist, das man damit keine Weibchen einfangen kann. Deshalb wird die Wirkung eines anderen Mittels auf ausgewachsene Weibchen ausprobiert: Kaninchenfell, das von Motten kontaminiert war.

Leroy
Wir haben einen röhrenförmigen Geruchsmesser. Er besteht aus einer Glasröhre und einem elektrischen System, versehen mit einem Potentiometer, mit dem wir nach Wunsch Zeit und Dauer verändern können. Damit können wir flüchtige Substanzen aussenden, erkennen, wie sich die Insekten gegenüber diesen Substanzen verhalten, und entscheiden, ob die getesteten Substanzen anziehend oder abstoßend sind. Zu diesem Zweck plazieren wir das Insekt vor der Röhre und können, falls es sich angezogen fühlt, verfolgen, daß es die gesamte Röhre durchquert bis zum anderen Ende, bis zu der Locksubstanz; wenn es sich dagegen abgestoßen fühlt, bleibt es am Rand der Röhre sitzen. Es bleibt sitzen und versucht sogar zu entkommen. Wir werden also zu Beginn Weibchen testen, und zwar mit einer Substanz, die sie attraktiv finden. Sie besteht aus kontaminiertem Fell, das heißt, aus Fellen, die von Insekten befallen waren, auf denen Insekten, Motten aufgezogen worden sind. Ich löse die Duftströme aus. Ich setze das Insekt vorsichtig vor die Röhre. Jetzt senden wir ihm eine anziehende Substanz in mehreren Strömen entgegen. Das Insekt bewegt sich ans andere Ende der Röhre, bis zu der Duftsubstanz. Es ist ein Weibchen, das sich von dem kontaminierten Fell angezogen fühlt.

Diese Art von Experimenten interessiert vor allem Dominique de Reyer, die versucht, die Ergebnisse den Realitäten an Ort und Stelle anzupassen. Zu diesem Zweck stellt sie im Musée de l'Homme Fallen auf, in denen als Lockmittel unter anderem kontaminiertes Kaninchenfell Verwendung findet.

de Reyer
Auf diese Weise können wir unter realen Bedingungen Substanzen testen, die wir zuvor im Labor in einer Verhaltensstudie ausgewählt und erforscht haben. Ich werde jetzt im Labor untersuchen, welches Geschlecht die von uns gefangenen Motten haben, denn als interessanter Aspekt bei Kaninchenfell hat sich ergeben, daß es bei der Verhaltensstudie für Männchen genauso anziehend war wie für Weibchen.

Dominique de Reyer interpretiert die Ergebnisse im Laboratorium zur Erforschung historischer Monumente.

de Reyer
Ich werde also jedes Insekt unter dem Mikroskop betrachten, um sein Geschlecht festzustellen. Die Identifizierung mit dem bloßen Auge ist nicht möglich, deshalb muß man sich das Ende des Hinterleibs vergrößert ansehen. Normalerweise sind die Genitalorgane verborgen, so daß die Unterscheidung zwischen Männchen und Weibchen nicht gelingt, aber  unter dem Streß zeigen sich die Genitalorgane.

Man erkennt die Geschlechtsorgane nicht sehr gut, aber man sieht eine kleine gelbliche Masse, die Eiern entspricht, die es unter der Streßsituation gelegt hat. So unterscheidet man Weibchen von Männchen.

Die Ergebnisse in der realen Situation unterscheiden sich also vom Experiment im Labor. Tatsächlich wurden im Musée de l'Homme nur sehr wenige Weibchen von kontaminiertem Fell angezogen.

de Reyer
Diese Fangjagd unter realen Bedingungen zeigt uns auch ein wenig die Grenzen der Experimente auf, die man im Labor machen kann, wo die Insekten sich nicht in ihrer natürlichen Umgebung befinden. Man kann vielleicht davon ausgehen, daß deshalb keine Weibchen in den Fallen sind, weil die Weibchen vorzugsweise auf dem Objekt oder dem Kostüm verbleiben, auf dem sie Eier legen und sich fortpflanzen wollen.

Außerdem weiß man noch nicht, was die ausgewachsenen Männchen oder Weibchen an einem zuvor von Motten kontaminierten Kaninchenfell anlockt:die Pheromone, die Ausscheidungen oder etwas anderes?

Die Forscher können also derzeit die Intensität der Geruchswahrnehmung einer Motte messen; sie kennen die Substanzen, die ausgewachsene Männchen unter allen Umständen anlocken; sie kennen die attraktive Substanz für Weibchen im besonderen Rahmen der Laboratorien. Bleibt noch, das Ergebnis den realen Bedingungen anzupassen und vielleicht, eine ideale Substanz zu finden, die die Motte dazu anregt, ihre Eier woanders zu legen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E