Zurück     Diese Woche    Archiv    Diskussionsforum 
Archimède   15. Juni 1999/ 04. Juli 2000
04.gif (29707 octets) Versteigerung

In der Zeitung "Le Monde" ware einmal ein Artikel zu lesen, in dem der Verkauf der bedeutenden prähistorischen Kunstsammlung von Monsieur X in Blois angekündigt wurde. Die Gesamtheit der Stücke war repräsentativ für alle Perioden der Prähistorie. Die meisten Objekte waren aus Stein, von unseren Vorfahren bearbeitet, um ihnen als Werkzeuge zu dienen. Man könnte es verwunderlich finden, dass diese Gegenstände - Zeugen der Menschheitsgeschichte – auf diese Weise weit verstreut werden. Am Vorabend des Verkaufs werden die Stücke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, damit mögliche Interessenten sie begutachten und die Objekte auswählen können, bei deren Versteigerung sie gerne mitbieten möchten.

Wie wird der Wert eines Stückes ermittelt, der einem Nichtfachmann als ganz gewöhnlicher Stein erscheinen mag ?

Marie-Edith Pousse-Cornet
Wir haben eine Sammlung, die im Rahmen eines Nachlasses zu uns gelangt ist. Ich bin von einem Erben angesprochen worden, der mich mit dem Verkauf der Sammlung beauftragte. Ich habe sofort mit unserem Sachverständigen, Monsieur Bigot, Kontakt aufgenommen, denn ein Auktionator weiß zwar vieles, aber dies hier ist eine Besonderheit.

François Bigot
Ich stelle Expertisen für Sammlungen aus, denn ich bin von Hause aus Prähistoriker und habe gleichzeitig eine Ausbildung zum Auktionator. Öffentliche Versteigerungen dieser Art gibt es zwar von Zeit zu Zeit, aber manchmal finden Stücke aus alten Sammlungen bei einer Erbschaft keinerlei Beachtung und werden irgendwo wahllos zum Kauf angeboten. Solche Stücke werden dann manchmal unter sehr schlechten Bedingungen verkauft und in alle Winde verstreut. Bei dieser Auktion gehen wir wissenschaftlicher an die Sache heran, stellen einen ausgearbeiteten Katalog zusammen mit einer detaillierten Beschreibung jedes Stücks. Von diesen Katalogen sind sehr viele unter die Leute gebracht worden, um Personen, die an solchen Dingen besonders interessiert sind, anzulocken, besonders die Museen - einige Privatmuseen, aber vor allem natürlich die öffentlichen Museen.

Marie-Edith Pousse-Cornet
Die Stücke werden in der Reihenfolge verkauft, wie sie im Katalog auftauchen. Wir werden die chronologische Reihenfolge einhalten, so wie sie von Monsieur Bigot erstellt worden ist.

François Bigot
Darunter sind zwei Stücke aus dem Altpaläolithikum, auch Acheuléen genannt, sie stammen aus Saint-Acheul, einem gleichnamigen Steinbruch bei Amiens. Diese Faustkeile sind manchmal mit einer bräunlich- ockerfarbenen Patina überzogen. Faustkeile wurden für alles mögliche verwendet. Es war das einzige Werkzeug, das die Menschen dieser Epoche der Prähistorie überhaupt kannten.
Wenn der Sammler oder der Erbe sich entschlossen hat, sich von seiner Sammlung zu trennen und sie öffentlich versteigern zu lassen, ist er von der Auktion abhängig, denn dann regelt in der Tat das Gesetz von Angebot und Nachfrage den Preis. Als ich das erste Mal von einem Auktionator gebeten wurde, eine Expertise für eine prähistorische Sammlung anzufertigen, fand ich diese Aufgabe äußerst spannend, weil ich die Dinge nach Typologien ordnen konnte, aber hinsichtlich des Preises für diese Objekte hatte ich so meine Mühe. Da hingen wir völlig in der Luft. Und heute haben wir auch keine genaueren Anhaltspunkte, man kann sich zwar einen besseren Begriff davon machen, aber letztendlich hängt alles davon ab, wie groß das Interesse ist, das diesen Dingen entgegengebracht wird. Ein Faustkeil z. B. kann einige hundert Francs bringen, 500 sogar, bis hin zu mehreren tausend Francs für ein etwas ausgefallenes Stück. Alles ist ziemlich vage und nicht ganz einfach abzuschätzen.

Marie-Edith Pousse-Cornet
Der Angebotspreis bei einer Versteigerung basiert auf der Schätzung eines Experten, aber diese Schätzung ist oft sehr niedrig. Wenn man ein Objekt beispielsweise bei 200 oder 300 Francs ansetzt, kann es leicht passieren, dass die Kaufinteressenten diesen Preis bei der Versteigerung sehr schnell hochtreiben und den Schätzpreis bei weitem überbieten.

François Bigot
Seit 1942 gibt es eine ganze Reihe von Gesetzen in Frankreich, die jede Art von Ausgrabungen verbieten, die nicht von den zuständigen Behörden offiziell genehmigt worden sind. Dazu hat man Frankreich in prähistorische Bezirke eingeteilt, die übrigens auch für historische antike Funde gelten. Nach einem eingehenden Aktenstudium erteilen die Leiter dieser Bezirke den Wissenschaftlern dann die Ausgrabungsgenehmigung. Solche Genehmigungen sind aber heutzutage ziemlich rar geworden, weil man die Stätten gerne erhalten möchte, in denen zu Beginn des Jahrhunderts schon sehr viel gegraben worden ist.

Wir kommen nun zu den Stücken aus der späten Prähistorie. Zu den typischen Werkzeugen aus dem Neolithikum 1 zählt  der große Meißel, der praktisch zum bearbeiten von Holz gewesen sein muss, es ist eine Art Holzmeißel, der auf beiden Seiten zugeschnitten ist. Und auch die Spitzhacke aus patiniertem Feuerstein. Sie diente wohl ebenfalls der Feldarbeit. Solche Stücke wurden früher Kempenländer2 genannt.

François Bigot
Ein großes geschliffenes Krummbeil aus dunkelgrünem Hartgestein. Das ist eines der schönsten Stücke dieser Versteigerung, aber leider war es gebrochen und wurde wieder zusammengeklebt. Unbeschädigt wäre es vielleicht das schönste Stück aus dem Neolithikum, aber leider ist es nachträglich geklebt worden. Wir beginnen trotzdem bei 800 Francs, denn es ist wirklich ein schönes Stück. Im Waffenarsenal des Steinzeitmenschen haben wir z.B. eine ganze Reihe Pfeilspitzen. Jeder dieser einzelnen Posten wird zu einem Preis von etwa 500 Francs unter den Hammer kommen.

Andere Gegenstände stammen aus der Bronzezeit. Ein Dolch mitsamt Heft in einem sehr guten Zustand und recht hübsch, aus Bonze, mit grüner Patina überzogen. Er stammt aus Louristan, wo viele gut erhaltene Bronzeteile entdeckt worden sind. Die meisten Stücke der Sammlung sind verkauft worden. Der Gesamterlös liegt bei 285.000 Francs. Die neuen Besitzer kümmern sich nun um die Kaufformalitäten.

François Bigot
Im großen und ganzen ist die Versteigerung gut gelaufen... Man ist immer zufrieden, wenn Museen unter den Käufern sind. Viele Bronzestücke sind von Museen ersteigert worden... und das ist der eigentliche Sinn einer solchen öffentlichen Versteigerung, da wird die Spreu vom Weizen getrennt. Mit Hilfe des Auktionators und des Sachverständigen gelangen diese Stücke schließlich wieder zurück in die Museen, wo sie die nationalen und regionalen Sammlungen ergänzen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wenn dies geschieht, sind wir zufrieden. Es sind natürlich auch einige Stücke von Privatsammlern oder Privatmuseen erstanden worden. Wie in den USA und auch in Deutschland kommen solche Museen immer mehr in Mode.

Malcolm McCuick
Ich habe eine ganze Reihe Faustkeile ersteigert. Dass diese Dinge von einem Homo erectus oder einem Neandertaler gemacht wurden, finde ich einfach unglaublich! In Amerika findet man natürlich solche Antiquitäten nicht. Diese Stücke bleiben bei mir in Paris. Ich als Amerikaner bin für solche Funde vielleicht ganz besonders empfänglich, ich finde diese Dinge wirklich unglaublich! Ich bin einfach vernarrt in so was! Ja, ich liebe solche Sachen, vielleicht sogar ein bisschen zu sehr!

  © 1999 ARTE G.E.I.E