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22. Juni 1999 | |
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Alte Sagen neu übersetzt
Die Nationalsozialisten stellten die altisländische Literatur, die Eddas und Sagas, in den Dienst der Ideologie. Germanische Helden, wie Siegfried, wurden glorifiziert. Eine berühmte Szene ist der Kampf Siegfrieds oder Sigurds mit dem Drachen. Sie ist im Nibelungenlied und in der isländischen Völsungen-Saga überliefert. Er schnaubte den ganzen Weg Gift vor sich her, aber Sigurd erschrak nicht und fürchtete sich nicht vor dem Getöse. Und als der Wurm über die Grube kroch, da stößt ihm Sigurd das Schwert unter die linke Schulter, so daß es bis zum Griff eindrang." Nachdem Richard Wagner diesen Stoffen große Popularität verlieh, war seine Hauptquelle, die altisländische Literatur, später in Mißkredit geraten. Doch inzwischen ist das Interesse wieder geweckt. Wissenschaftler nehmen die Originaltexte jetzt genau unter die Lupe. Dr. Árni BjörnssonNationalmuseum Reykjavik Wegen des Namens der Ring des Nibelungen meint man unwillkürlich, daß Richard Wagner den Inhalt für sein Werk hauptsächlich aus dem deutschen Nibelungenlied genommen habe. Man wußte aber immer, daß er auch viele Motive aus den altisländischen Quellen genommen hatte, den Eddas und Sagas. Er sagt es ja manchmal selbst. Meine Forschung ergibt, daß nur ungefähr 5 Prozent der Motive im Ring des Nibelungen ausschließlich aus dem Nibelungenlied stammen am Ende der Götterdämmerung. 15 Prozent sind anderen Quellen gemeinsam. Und der Rest, etwa achtzig Prozent stammen aus den isländischen Eddas und Sagas. Es waren freiheitsliebende Wikinger, so der Mythos, die mit ihren Familien um 870 nach Christus in Norwegen aufbrachen. Ihre technisch fortschrittlichen Schiffe brachten sie bei günstigem Wind bereits in sieben Tagen in das 1300 Kilometer entfernte Island. Es war nahezu menschenleer. Der erste Siedler, der hier seine neue Heimat fand, wählte diesen natürlichen Hafen im Westen. Heute heißt der Ort Reykjavik und ist die Hauptstadt der Insel im Atlantik. Fruchtbare Weiden und Birken prägten einst die Landschaft bevor sich das Klima verschlechterte. Waren es die langen dunklen Winter und der Zauber unberührter Natur, die die Menschen hier inspirierten, eine ganz eigenständige Literatur zu schaffen, die Eddas und Sagas? Auch unter dem Einfluß Mitteleuropas entstanden, vor allem im 13. Jahrhundert, zahlreiche Werke, die sich inhaltlich aufeinander beziehen. Der Bogen spannt sich von Königssagas zu Heldengeschichten und Familienchroniken. Da sich die isländische Sprache im Laufe der Jahrhunderte nur wenig änderte, waren sie immer lesbar und blieben populär. Am beliebtesten ist die Njáls-Saga, ein literarisches Meisterwerk über die beiden Freunde Njál und Gunnar, die tatsächlich um 1000 im Süden der Insel lebten. Im Kampf um den kargen Besitz geraten sie in menschliche und rechtliche Konflikte. Der als Held bewunderte Gunnar wird durch Verbannung bestraft. Doch seine Liebe zur Heimat ist schließlich stärker, wie die in Island berühmte vielzitierte Textpassage illustriert: Sie reiten bis an den Fluß Markarfljót. Da strauchelte Gunnars Pferd, und er sprang aus dem Sattel. Dabei blickte er den Abhang hinauf und zu seinem Hof Hlid(th)arendi. Da sprach er: Schön ist der Hang. Noch nie ist er mir so schön erschienen, die gelben Felder und gemähten Wiesen und ich reite nach Hause und reise nicht." Unscheinbare Spuren eines abgebrannten Hauses aus der Zeit um 1000. Starb hier der weise Njál einen grausamen Erstickungstod, als seine Feinde feige seinen Hof anzündeten? Für Patrioten ist dies ein Wallfahrtsort. Prof. Sverrir TómassonHandschriften-Institut Reykjavik Viele Isländer glauben, daß der Hof von Njál hier war, wo er verbrannt wurde. Aber das ist nur ihre Einbildung. Doch es gab Ausgrabungen, die haben gezeigt, daß hier ein Hof verbrannt wurde. Aber ob das der Hof des weisen Njál ist, ist eine andere Sache. Ob diese Lokalisierung Realität oder Spekulation ist, wissen wir nicht. Die isländischen Sagas erzählen jedenfalls vom alltäglichen Leben der Wikinger, von ihren Höfen aus Grasziegeln. Plastisch werden ihre Glaubens- und Machtkämpfe, ihre geistigen Vorstellungen und ihre Sitten geschildert. Große Feste wurden gefeiert und phantastische Geschichten von übernatürlichen Wesen, von Zaubereien machten am offenen Feuer die Runde. Und die Abenteuer der Vorfahren wurden verklärt. Nur wenige Originale erinnern noch an die ruhmreiche Vergangenheit. Jüngere Meisterwerke legen jedoch Zeugnis ab vom Stilempfinden der Isländer und von ihrem Traditionsbewußtsein. Wenn die Sonne am höchsten stand, im Juni, versammelten sich viele mächtige Großbauern am Allthing unweit von Reykjavik. Ein magischer Ort, heute noch Nationalheiligtum. Ab 930 erließ das erste Parlament der Welt hier Gesetze und sprach Recht . Wer zu seinem Recht kommen wollte, der mußte es allerdings oft mit Gewalt oder List erkämpfen. Und genau am Allthing geschah es im Jahre 1000: der Gesetzessprecher verkündete den Übertritt zum Christentum. Wohlgemerkt - ein unblutiger Glaubenswechsel. Die germanischen Mythen und andere Traditionen blieben lebendig. Einer der wenigen bekannten Autoren besaß in Reykholt einen großen Hof, dessen Warmbad noch erhalten ist: der berühmte Politiker Snorri Sturluson. Als Nachfahre von Egil, dem Helden der Egilssaga, konnte er im 13. Jahrhundert auf einen ruhmvollen Stammbaum zurückblicken. Prof. Jónas KristjánssonEhem. Leiter des Handschriften-Instituts Reykjavik Snorri Sturluson war der größte Verfasser Islands im Mittelalter und wir können noch sagen, daß er einer der größten Verfasser Europas war. Er hat drei berühmte Werke geschrieben: die Edda, die Heimskringla und die Egilsaga. Die Edda ist im Grund ein Lehrbuch für junge Dichter. Aber um ein guter Dichter zu sein, mußte man auch die Mythologie kennen und so wurde Snorra-Edda eine der Hauptquellen von der heidnischen Religion im Norden und der alten germanischen Religion. Ein Berg mit magischer Ausstrahlung heißt Helgafell. Ein heidnischer Kultplatz? Jedenfalls einer der Schauplätze der Saga von den Leuten von Eyr im Westen Islands. Die Chronik der herrschenden Familien porträtiert einen gewitzten Friedensstifter in Zeiten blutiger Fehden. Mehr als andere Sagas beruht die Chronik von den Leuten von Eyr auf mündlichen Überlieferungen. Um 1240 wurde sie niedergeschrieben. Ganz in der Nähe der Halbinsel Snaefelsnes lebte Eirik der Rote, vielleicht einer der berühmtesten Wikinger. Wegen Totschlags geächtet floh Eirik 982 und ging in Grönland vor Anker, wo er schließlich seßhaft wurde. Sein Sohn Leif Eiriksson unternahm im Jahre 1000 eine Expedition nach Amerika. Die Besiedlung der amerikanischen Küste scheiterte jedoch am Widerstand der einheimischen Indianer. Die Wikinger waren erfahrene Seefahrer, sie orientierten sich an Segelanweisungen. Sind die Sagas mit ihren realistischen Erzählungen mehr Dichtung als Wahrheit? Prof. Sverrir TómassonDer Stand der Forschung über die isländischen Sagas ist so, daß man sie als Romane beurteilt. Das ist Literatur, keine Geschichte wie es früher war. Vielleicht kann man sagen, daß es einen historischen Kern gibt. Also die Leute, die beschrieben werden, sind Personen, die tatsächlich in der Landnahmezeit und Wikingerzeit gelebt haben, aber sonst wissen wir gar nichts. Jetzt werden die Sagas für ein breites Publikum wieder entdeckt: Unbefangen, ohne Vorurteile, wird die altisländische Literatur in einer neuen Edition von ideologisch geprägter Germanentümelei befreit. Prof. Kurt SchierHerausgeber der SAGA-Reihe Der Grund, weshalb diese Übersetzungen altisländischer Sagas so beliebt waren, war vor allem, daß man sie für Erbe germanischer Literatur, Erbe germanischen Denkens hielt. Deswegen wurde während des Dritten Reiches diese Literatur durchaus popularisiert, teilweise mit manchmal etwas grotesken Auswüchsen. Aber dieses Bild ist falsch. Denn bei der altisländischen Literatur, insbesondere bei der Sagaliteratur, handelt es sich mit Sicherheit nicht um germanisches Erbe, sondern um eine große isländische Leistung des Mittelalters. Allerdings ist es so, daß nicht nur einheimische Überlieferungen eine Rolle spielen, sondern vielmehr die Verbindung von ausländischen Einflüssen mit einheimischen Traditionen. Auch bei der Übersetzung, bei der sprachlichen Gestaltung, versucht man nun völlig im Einklang mit der neueren Forschung - neue Wege zu gehen. Es kommt nicht mehr darauf an, eine Sprache heroisch darzustellen oder den Eindruck zu erwecken, es handle sich um mündliche Überlieferung. Wir wollen möglichst genau am Text bleiben, um die Variabilität des Textes wiederzugeben. Viele Quellen der Sagas und Eddas sind den Forschern lange verborgen geblieben: Mit dem Christentum gelangten nicht nur die Schrift, sondern auch antike, angelsächsische, französische und deutsche Stoffe auf die Atlantikinsel. Darunter sind Tristan", Erek", Ivein", Hamlet" und die Nibelungen". Ihre Ursprünge reichen zurück bis ins 5. Jahrhundert. Diesen europäischen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist auch ein Anliegen des Herausgebers und des Verlags. |
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