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Archimède   22. Juni 1999
05.gif (28225 octets) Porträt: Der Solararchitekt Professor Rolf Disch

 

 

Prof. Rolf Disch
Mein Solar-Haus ist ein Forschungs- und Versuchshaus, ein Experimentierhaus, in der Absicht, Erkenntnisse, die wir  gewinnen, umzusetzen in normale Häuser. Zunächst einmal wollte ich viele Dinge ausprobieren: testen, wie weit man heute gehen kann, um im umweltgerechten Bauen nach vorne zu kommen. Das hat viele Aspekte - das hat den Aspekt Material, das hat Konstruktion, Form, Wasserhaushalt, Materialhaushalt, Energiehaushalt, Flächenhaushalt usw. Dann das zweite war, daß ich schon auch ein Zeichen setzen wollte, daß wir ein Haus haben, über das man redet .

Und geredet wird über das Freiburger Solar-Haus, das - zwanzig Meter hoch - auf einem Holzsockel von gerade mal neun Quadratmetern steht. Das spektakulärste an diesem Haus: es dreht sich - entweder zur Sonne hin oder von der Sonne weg, je nach Bedarf. Darum heißt es auch  nach der Pflanze, die ihre Blüten stets zur Sonne dreht, "Heliotrop". Das Drehen des Heliotrops funktioniert nach dem alten Zahnradprinzip, welches wiederum mit modernster Computertechnik gesteuert wird.

Bereitwillig führt Rolf Disch durch sein Haus. Die Natur zu nutzen ohne sie zu verbrauchen, ist sein Ziel beim Bauen. Seine Balkonbrüstung ist deshalb ein kleines Kraftwerk. Die Sonne heizt die Kupferlamellen in den Rohren auf und gibt die Wärme an einen Speicher ab. Damit wird sowohl das Warmwasser erzeugt als auch die Heizung betrieben. Die Heizung ist - ungewöhnlicherweise - an die Decke montiert und gibt die Wärme von oben ab. So wie die Sonne schließlich auch von oben strahlt.

Daß umwelt- und energieschonende Bauweise keineswegs bedeuten muß, auf den gewohnten Komfort und Ästhetik zu verzichten, ist ein Anliegen von Rolf Disch. In seinem Haus hat er gleich mehrere ökologische Systeme integriert. Durch eine Abwurfklappe in der Küche fällt der Bioabfall in einen Behälter, wo auch die Fäkalien gesammelt werden. Daraus gewinnt Disch eigenen Kompost. Für die Waschmaschine benutzt er Regenwasser. Und weil Regenwasser weich ist, verbraucht er weniger Waschpulver. Für Disch ist vieles eine Frage der Gewohnheit.

Rolf Disch
Also man braucht hier keine Wasserspülung; man braucht auch keine Klobürste. Die Geometrie ist so, daß es in freiem Fall fällt - also das Fallrohr ist 300mm dick, und man macht hinterher einfach die Klappe wieder zu, und es riecht hier nicht, weil ein Unterdruck im System ist, und die Gerüche verschwinden da, wo sie entstehen - also Wasserspülung braucht's nicht. Wir haben mal überlegt, ob wir nicht eine Taste drauf machen, eine Taste, wo meinetwegen das Wasserrauschen zu hören ist, weil es eben erst einmal eine Angewöhnung ist, daß man einfach aufstehen kann und weggehen kann, ohne großes Geschäft.

Auf dem Dach des Heliotrops ist nicht nur der Garten. Hier befindet sich das von weitem erkennbare Sonnensegel: eine fünfundfünfzig Quadratmeter große, bewegliche Photovoltaikanlage, die aus Sonnenenergie Strom erzeugt. Disch produziert fünf Mal mehr Strom als er in seinem Haus verbraucht. Den Überschuß gibt er an die Stadtwerke ab. Deshalb heißt sein Heliotrop auch "Plusenergiehaus".

Daß das Haus sich dreht, spürt man kaum. Rolf Disch kommt aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Weil er nicht nur dagegen sein wollte, begann er sich intensiv mit Sonnenenergie zu beschäftigen. Damals hatten es ihm die Solarmobile angetan. Er entwickelte Fahrzeuge und probierte sie auf Solarmobilrallyes gleich selbst aus. Auch beim australischen "World Challenge" war er  mit seinem Fahrzeug "Lichtblick" dabei.

Beim Bauen der Solarmobile hatte Rolf Disch viel über Solartechnik gelernt. Er entschied sich, fortan mit seinem Architekturbüro nur noch Solarhäuser zu bauen - zunächst kein einfaches Unternehmen.

Rolf Disch
Jedes Projekt durchläuft drei Phasen: In der ersten Phase wird es belächelt, in der zweiten bekämpft, und in der dritten ist es selbstverständlich. Die Phase, in der es belächelt wird, haben wir hinter uns. Das ist aber noch nicht lange her, daß wir ausgelacht wurden. Da hieß es: das funktioniert ja nur, wenn die Sonne scheint. All das habe ich tagtäglich erlebt.

Rolf Disch hat bewiesen, daß seine Architektur keine Spinnerei ist. Mit seiner ökologischen Bauweise und der Nutzung von Sonnenenergie baut er eine Seniorenwohnanlage ebenso wie Familienhäuser. Viele Häuser werden erst gar nicht auf fortschreitende Entwicklung der Technologien hin konzipert, anders bei Rolf Disch. Hier läßt sich auch später problemlos nachrüsten. Der gelernte Maurer, Schreiner und Bautechniker, der erst über den 2. Bildungsweg zur Architektur kam, ist eben auch ein Pragmatiker.

Im Fußballstadion des SC Freiburgs hat Disch, zusammen mit der Solar-Energie-Systeme GmbH, der Südtribüne eine Photovoltaikanlage aufs Dach gesetzt: die weltweit größte private Solarstromanlage. Der erzeugte Strom fließt in das öffentliche Stromnetz, und die Anteilseigner bekommen Geld dafür. Disch hat schon die nächste Idee: er will die Schauinsland-Seilbahn im Schwarzwald mit Solarstrom fahren lassen.

Sein wichtigstes Projekt ist aber eine Solarsiedlung mit 210 Häusern, Wohnungen, Büro- und Gewerbeflächen. Es wäre die größte Solarsiedlung Europas. In dieses Projekt fließen all die Erfahrungen von Energie- oder Wasserhaushalt und von ineinander greifenden ökologischen Systemen, die Disch in seinem Heliotrop gesammelt hat. Und weil das Hauptargument gegen solche Bauweise immer die Kostenfrage ist, liefert Disch inzwischen gleich ein Finanzierungskonzept mit, das natürlich individuell angepaßt werden muß.

Rolf Disch
Für das ökologische Bauen, für das solare Bauen gibt es Förderungen. Dann gibt es speziell für Einzelmaßnahmen auch Förderungen, wie das 100.000-Dächer-Programm.

Was treibt den Solararchitekten zu seinen ungewöhnlichen Leistungen?

Rolf Disch
''Wende Dich der Sonne zu und Du läßt Deinen Schatten hinter Dir", das ist eine alte Weisheit, die ich gerne auch immer wieder in Vorträgen verwende. Was mir wichtig ist: was vor uns steht, ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

  © 1999 ARTE G.E.I.E