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Archimède   03. August 1999
  Intelligenz im schwarzen Frack

Aus Märchen wissen wir, daß Raben dämonische Wesen mit magischen Kräften sind. Als geflügelte Spione berichten sie den Hexen, was sie gesehen haben. Denn Raben können sprechen. Was sie darüber hinaus noch können, beschäftigt Rabenforscher in Grünau, Österreich. ARCHIMEDES hat die Wissenschaftler besucht und zeigt ihre überraschenden Ergebnisse, so z. B. einen sprechenden Raben, dessen Junge ebenfalls sprechen können, ohne es jemals von Menschen gelernt zu haben.

Und fällst Du in den Graben, dann fressen Dich die Raben....

Der Rabe gilt als dämonisches Wesen mit magischer Kraft. Er haust auf Schlachtfeldern und dem Friedhof. Ursprünglich war der Rabe weiß. Bis Noah auf seiner Arche den Vogel ausschickte, um den Wasserstand zu überprüfen. Doch dieser fand genug Nahrung an den ertrunkenen Tieren und kehrte nicht zurück. Zur Strafe wurde sein Gefieder schwarz. Er symbolisiert jene, die sich von der Kirche getrennt haben, manchmal auch den Teufel. Oder er ist Kundschafter von Hexen.

Als geflügelter Spion berichtet er seiner Herrin, was er auf seinen Erkundungsflügen gesehen hat. Denn Raben können sprechen: Einer der sprechenden Raben heißt Jakob und ist inzwischen 30 Jahre alt. Da Raben sehr alt werden können, wird er dem Alpenzoo in Innsbruck hoffentlich noch eine Weile erhalten bleiben. Seit Jahrzehnten lebt er hier mit seiner Partnerin rabentypisch in monogamer Ehe. Sprechen lernen Raben nur in den ersten Lebensmonaten oder nie. Aber nicht jedes Tier hat Talent. Jakobs Partnerin hat nie versucht, die menschliche Stimme zu imitieren. Jakob dagegen sucht den Kontakt mit Menschen. Der Rabe antwortet, als ob er seinen Pfleger verstehen könnte. Dem ist aber nicht so. Er hat gelernt, zu sprechen, ohne den Inhalt seiner Worte zu begreifen. Aber der schlaue Vogel hat seinem Können einen eigenen Sinn gegeben, er versucht damit seinem Weibchen zu imponieren: Und sie scheint ihn richtig zu verstehen: die beiden haben häufig Nachwuchs. Und die Jungen des sprechenden Jakob zeigen ein erstaunliches Verhalten.

Einer lebt im Münchner Zoo Hellabrunn. Er weiß, wie er auf sich aufmerksam machen kann. Schimpfworte haben den Raben die Münchner gelehrt. Aber eigentlich konnte er bereits sprechen, bevor sich der Mensch mit ihm beschäftigt hat. Denn sein erstes Wort war "Jakob" und das hat er von seinem sprechenden Rabenvater übernommen. Der Münchner Rabe ist kein Einzelfall. Mehrere seiner Geschwister haben ihren sprechenden Vater imitiert. Seinem Weibchen gegenüber schlägt der Jakob Junior allerdings freundlichere Töne an, als sein Vater. Frisch geschlüpfte Gänsekinder traben hinter ihrem menschlichen Vater her. Nach dem Prinzip von Konrad Lorenz werden hier in der gleichnamigen Forschungsstelle in Grünau Vogelkinder handaufgezogen. Neben den traditionellen Gänsekindern ist die Intelligenz von Kolkraben Gegenstand der Forschung.

Ziel des ersten Versuchsdurchganges ist: die Raben sollen das Futter finden und die Farbe blau mit Futter verknüpfen lernen. Durch Zufall gerät der erste Rabe gleich an die richtige Farbe. Er öffnet die Dosen und findet, was er sucht. Blau bedeutet also Futter.
Bisher ist nur ein Rabe zu sehen, der zweite ist der Unterlegene und traut sich nicht so recht in die Nähe der Futterstelle. Aber Neugier und Hunger siegen. Es kommt immer wieder vor, daß mehrere auf einen Raben losgehen und ihn festhalten während andere mit dem Schnabel auf ihn einpicken, und sie brechen sich so einzelne Finger oder das Armschwingengelenk was bei dem passiert ist, wodurch der Vogel flugunfähig wird, was in freier Wildbahn einem Todesurteil gleichkommt. Er hat fast den gesamten rechten Flügel verloren - auf grausame Art mußte er lernen, sich vor Kameraden in Acht zu nehmen. Es waren die eigenen Geschwister, die dem Jüngsten den Flügel abgehackt hatten.

Mareike Stöwe, Konrad-Lorenz-Forschungsstelle, Grünau
"Wir haben jetzt die Farben umgekehrt, die Raben sollten wissen, daß das Futter in den blauen Dosen ist und wir schauen jetzt, was passiert, was sie am ersten aufmachen.

Maartje Kijne, Biologin
Am 2. Versuchstag marschiert der dominante Rabe wieder zielstrebig zu den blauen Dosen und findet die Belohnung. Lange Versuchsreihen zeigen, er hat gelernt, die Farbe blau mit Futter zu verknüpfen. Daß die gelben Dosen leer sind, weiß jetzt auch der Schwächere – nur hat er eben nichts davon. Er traut sich nicht zu blau.

Morgens um 8 Uhr im Cumberlandwildpark im Almtal in Österreich. Dies ist der einzige Platz, an dem die Grünauer Rabenforscher die scheuen Kolkraben bei einem typischen Verhalten beobachten können: sie klauen wie die Raben, also mit Verstand. Raben sind Aasfresser und haben es wie der Wolf auf das Fleisch abgesehen. Kein Vogel geht vor dem Wolf ans Fleisch. Erst wenn der Wolf sich seinen Teil geholt hat, fliegen sie in sein Revier. Sie wissen, daß er momentan beschäftigt ist. Jetzt besteht die Chance, ungestraft zu klauen. Obwohl es sich um eine unerfahrene Rabenjugendbande handelt, besiegt Disziplin die Gier. Um die schwarzen Jungvögel voneinander unterscheiden zu können, wurden so viele wilde Tiere wie möglich gefangen und mit verschiedenfarbigen Flügelbinden markiert.

"Einer der Raben, den wir markiert haben wurde vom Wolf erwischt. Die Flügelbindenmarkierung und die Bisspuren vom Wolf sind noch zu sehen. Und er hat ihn wahrscheinlich durch Genickbruch umgebracht. Sie schütteln sie tot und es geht sehr schnell. Und es ist immer sehr traurig, wenn man so einen findet. Weil sehr viel drinsteckt, bis er mal so groß ist und er muß sehr viel überleben," so die Forscherinnen.

Kolkraben sind nicht nur in der Lage zu sprechen, sondern sind lernfähig und haben eine hochentwickelte Sozialstruktur. Und sie sind sehr wahrscheinlich die intelligentesten Vögel unserer Erde.

  © 1999 ARTE G.E.I.E