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Archimède   03. August 1999
  Jägerin oder Sammlerin

Menschen in der Steinzeit. Vieles übSaßen Frauen in der Steinzeit dienend am Lagerfeuer, während die Männer kühn und bärenstark auf die Jagd gingen? Eine amerikanische Archäologin aus Tübingen entlarvt diese Bilder, die auch heute noch in vielen Geschichtsbüchern zu finden sind, als Klischee. Linda Owen vertritt die These, daß Frauen in der Steinzeit die Haupternährerinnen ihres Stammes waren. Nicht nur, daß sie Beeren und Wurzeln sammelten, vermutlich haben sie sich auch an der Jagd beteiligt. Bisher gab es nur wenig wissenschaftlich fundierte Untersuchungen über die Rolle der Frauen in der Steinzeit. Linda Owen zeigt in ARCHIMEDES, worauf sie ihre Thesen von der vielseitigen Steinzeitfrau stützt.er ihr Leben ist ungewiß. Gestützt auf Originalfunde haben vor allem die Vorstellungen männliche Forscher, unser Bild geprägt: Der prähistorische Mensch war Großwildjäger und Werkzeugbauer. Vor allem aber war er ein Mann. Frauen sind nur Randfiguren.

Linda R. Owen
Archäologin

"Dafür gibt es viele Gründe, zum Beispiel: wir benützen immer ethnographische Vergleiche, die Ethnographen haben sich aber größtenteils auf die Arbeit von Männern konzentriert. Sie haben sehr viel über die Großwildjagd geschrieben. Sie haben die Frauen in ihren Arbeiten sehr wenig beachtet. Jahrelang haben Archäologen diese Berichte benutzt um die Steinzeit zu rekonstruieren, ohne darüber nachzudenken, daß die Berichte nur von einigen Arbeiten schreiben."

Nur Bruchstücke aus der jungen Altseinzeit vor etwa vierzig- bis zehntausend Jahren sind noch erhalten. Gefunden werden vornehmlich Steinartefakte, tierische Knochenreste und menschliche Skelette. Dementsprechend groß ist der Spielraum für Spekulationen. Wie eine Detektivin trägt die amerikanische Archäologin Linda Owen die wenigen Spuren der Steinzeitfrau zusammen. Ergebnis: Das "schwache Geschlecht" kann so schwach nicht gewesen sein. Für die in Kleingruppen lebenden Menschen ist es lebenswichtig, daß jeder jede Tätigkeit beherrscht. Studien traditionell lebender Eskimostämme zeigen, daß es auch für Männer unerläßlich war auf der Jagd offene Säume schnell selbst zu nähen. Umgekehrt mußten Frauen im Bedarfsfall jagen können.

Linda Owen
"Es waren fast immer die Frauen die, die schweren Lasten getragen haben. Sie haben zum Teil auch das Wild wieder zum Lager mitgetragen. Die Missionare zum Beispiel haben gedacht, die Frauen würden als Sklaven gehalten, aber das war nicht so. Die Frauen waren auch selbst stolz auf ihre Arbeit und ihre körperliche Stärke."

Selbst als Mutter, so glaubt die Wissenschaftlerin, waren die Frauen nicht nur ans Heim gebunden. Sie dürften weit weniger Kinder geboren haben als bisher angenommen: Kärgliche Ernährung, Stillzeit und starke Arbeitsbelastung verminderten die Zeit der Empfängnisbereitschaft. Linda Owen geht von maximal vier bis fünf Kinder aus. Neben der Kinderpflege waren die Frauen für die Nahrungssuche unersetzlich.

Linda Owen
"Frauen haben wahrscheinlich Pflanzen gesammelt in großen Mengen: Wurzeln, Beeren, Früchte und auch Grünzeug. Sie haben Kleinwild gejagt und auch Fische gefangen. Sie haben vielleicht auch Insekten und Eier gesammelt. Dadurch haben sie meiner Ansicht nach bis zu 70 Prozent der Ernährung beigetragen."

Um Pflanzen zu sammeln legten die Frauen oft große Entfernungen zurück. Bis zu zwanzig Kilo Beeren konnten Sammlerinnen pro Tag ernten – für die weitgehend ohne süße Nahrungsmittel lebenden Sammler- und Jägergruppen eine beliebte Kost. Außerdem ließen sich die Beeren für den Winter konservieren. Pflanzen waren somit eine mindestens so wichtige Nahrungsquelle wie die Jagd, deren Beute im Winter und Frühling oft zu mager war, um den Hunger zu stillen. Das die Großwildjagd überbewertet ist, zeigt sich für Linda Owen auch in der Deutung vieler Grabungsfunde. Funde werden – oft ohne Begründung - einfach zu Jagdutensilien erklärt. Durch Rekonstruktion prähistorischer Werkzeuge versucht sie andere Verwendungsmöglichkeiten zu ermitteln. Der Knochen beispielsweise könnte zum Nähen gedient haben. Schließlich ist nach Meinung der Wissenschaftlerin davon auszugehen, daß auch Steinzeitfrauen ihr eigenes Werkzeug besaßen.

Linda Owen
"Wir wissen, daß viele steinzeitliche Werkzeuge sehr leicht kaputt gehen, oder immer wieder nachgeschärft werden müssen. Zum Beispiel Nähnadeln aus Knochen oder Bohrer aus Feuerstein. Wer so was nachschärfen kann, solche Leute können auch Werkzeug selbst herstellen. Ich persönlich glaube, die Männer waren damals bestimmt nicht so blöd, daß sie absolut alles alleine gemacht haben."

Vom Steinzeit-Paradies für Macho-Jäger, in dem Frauen nur demütig am Lagerfeuer knieten, entpuppt sich so immer mehr als Klischee. Vielmehr scheint es, als hätten hier die Archäologen, traditionellerweise Männer, der Vergangenheit ihre eigene Weltsicht aufgedrückt.

  © 1999 ARTE G.E.I.E