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Archimède   03. August 1999
 

Porträt

Jeremy Rifkin, Bestsellerautor aus Amerika, und seine Visionen für das 21. Jahrhundert.

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden. Die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld, doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden, und außerdem kommen sie fix und fertig zur Welt! Sie werden mit Bärten, oder mit Busen geboren, mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht. Durch Kindheit und Jugend würde nur Zeit verloren, meinte Professor Bumke. Da hat er ja recht. Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei, etwa benötige, brauche ihn nur zu bestellen. Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters Kanzlei, promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fällen. Man brauche nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten, daß das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.

Nächstens vergrößere er seine Menschenfabrik. Schon heute liefere er zweihundertneunzehn Sorten. Mißlungene Aufträge nähme er natürlich zurück. Die müßten dann nochmals durch die verschiedenen Retorten. Die Utopie Erich Kästners – formuliert in "Der Synthetische Mensch" – klingt, am Ausgang des 20. Jahrhunderts, keineswegs wie eine lächerliche Vision. In dem amerikanischen Bestseller "Das Biotechnische Zeitalter" ist zwar nicht von "Menschenfabriken" die Rede, aber von den neuen Technologien des 21. Jahrhunderts. Und diese biotechnische Revolution wird jeden Aspekt unseres Lebens betreffen, davon ist der Autor, Jeremy Rifkin, einer der renommiertesten Trendforscher der USA, überzeugt. Die Geschäfte mit der Genetik werden das 21. Jahrhundert bestimmen, so seine Kernaussage vor Studenten in Washington.

Jeremy Rifkin
Gene sind der Rohstoff für’s 21. Jahrhundert. Wir verlassen das Zeitalter der Physik und Chemie und begeben uns ins Zeitalter der Biologie. Gene für alles. Ich bin sicher, ihr hattet Diskussionen zum Thema Gene für Nahrungsmittel, die Medizin, Screening, Pharmazeutika, Baustoffe, Faserstoffe und Konstruktionstechnik sowie zur Energiegewinnung. Um sich einmal das Ausmaß dieser Forschungen klarzumachen: In den vergangenen 3 Jahren , der eine oder andere weiß darüber Bescheid, man verfolge die Geschichte von Montsanto, DuPont, Novartis und Hoechst – das waren alles Chemieriesen des 20. Jahrhunderts. Also, in den vergangenen 36 Monaten hat sich jedes dieser Unternehmen entschlossen, die Bereiche Chemie teilweise oder ganz abzustoßen oder zu verkaufen, um sich ausschließlich der Biotechnologie widmen zu können.Gen-Forschung, Gen-Technologie, Gen-Produkte, Gen-Dienstleistungen. Montsanto hat seinen gesamten chemischen Bereich verkauft – das ist außergewöhnlich. Aus Gründen, die auf der Hand liegen, behält das Unternehmen lediglich Agricultural Chemical. Novartis hat sich zum Biotechnologie-Unternehmen gemausert. Ölhandel ist out für die. DuPont verkauft gerade Conical. Und hat soeben Pioneer Genetics, die größte Gen-Fabrik der Welt, gekauft. Worauf ich hinaus will, ist folgendes: In eurem Jahrhundert vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel in der Weltwirtschaft. Wir lassen fossile Brennstoffe, Metalle und Mineralien hinter uns, die alten Rohstoffe für das Leben im Industriezeitalter, und brechen auf ins Zeitalter der kommerziellen Nutzung von Genen. Das ist ein neuer Begriff für die Lehrbücher: kommerzielle Nutzung von Genen. Es geht um Gene, den neuen Rohstoff für das Jahrhundert der Biotechnologie.

Gerade in den USA gelten die neuen gentechnologischen Manipulationen als kreativer Akt, werden als wertfrei, ja als unausweichlich angesehen. Aber – so muß man fragen:
Haben Wissenschaftler zukünftig nicht eine gottähnliche Macht, da sie die biologische Zukunft von Menschen, Tieren und Pflanzen auswählen und bestimmen können?

Jeremy Rifkin
Wir verfügen jetzt über sehr wirkungsvolle Werkzeuge im Labor wie rekombinante DNS, Zellfusionierung oder Klonierung, mit denen Wissenschaftler und Biotech-Unternehmen sich anschicken, Millionen und Abermillionen Jahre der Evolutionsgeschichte umzugestalten, umzuschreiben, zu manipulieren, eine zweite Schöpfungsgeschichte in die Wege zu leiten, die Erde mit einer neuen Biologie zu bepflanzen. Einer Biologie aus der Retorte, und deshalb gilt es, sich von vornherein klarzumachen, daß wir es hier mit dem radikalsten und gewagtesten Experiment zu tun haben, das der menschliche Geist jemals ersonnen hat.

Sind wir dabei, die Natur neu zu erfinden? Ist es nicht grausam und unverantwortlich die neuen Technologien nicht zur Beseitigung schwerer genetischer Störungen einzusetzen, fragen die Befürworter der Gentechnologie am Menschen?
Gegenfrage: Wenn Wissenschaftler zukünftig in der Lage sind genetische Defekte zu reparieren, wird es nicht viel schwieriger werden, Argumente gegen zusätzliche Gene zu finden, die erwünschte Merkmale wie einen verbesserten Gesundheitszustand, besseres Aussehen und Intelligenz verleihen?

Jeremy Rifkin
Die neue Eugenik hat keine gesellschaftliche Verankerung, es gibt da keinen wild dreinblickenden Demagogen, keine politischen Parteien, die uns in diese "schöne neue Welt" hineinzwingen würden. Im Gegenteil, die neue Eugenik ist etwas Banales, sie ist marktgesteuert, kommt freundlich daher, kommerziell. Und die Unternehmen flüstern der Öffentlichkeit doch nur ins Ohr: Ja, wollt ihr denn kein gesundes Baby? Ein Hollywood-Drehbuch läßt sich damit nicht schreiben, aber langfristig betrachtet, auch wenn es sich um etwas Banales und Marktgesteuertes handelt, langfristig gesehen schlittern wir da in eine kommerzielle eugenische Kultur hinein, und das könnte genauso heimtückisch beziehungsweise noch heimtückischer sein als alles, was sich das Dritte Reich in seinen kühnsten Träumen nicht hatte ausmalen können. Es kann gut sein, daß wir nicht genügend auf der Hut sind, daß wir quasi Gen für Gen, Zelle für Zelle, Entscheidung auf Entscheidung zulassen, daß unsere Kinder auf diesen Weg in die eugenische Gesellschaft geraten, und wir uns der Konsequenzen erst dann bewußt werden, wenn es bereits zu spät ist.

Was hält eine Gesellschaft eigentlich dann noch davon ab zu beschließen, daß eine bestimmte Hautfarbe eine Störung ist, fragt Jeremy Rifkin provokant.

Jeremy Rifkin
Das Problem besteht darin, daß sich eine völlig neue Form der Bindung zwischen Eltern und Kind ergibt, wenn wir damit erst einmal angefangen haben: es ist die bei weitem größte Veränderung in unserer Evolution, seit wir auf dieser Erde aufgetaucht sind. Wie sollen Eltern entscheiden, was "gute" und was "schlechte" Gene sind, wie das ideale Kind aussehen soll? Wir begeben uns da auf eine Reise, bei der das Kind sozusagen das ultimative Einkaufserlebnis in einer postmodernen Welt wird. Ich meine das ganz ernst, nicht veralbernd. Es ist das ultimative Einkaufserlebnis. Was aber passiert, wenn Ihr Kind mit einem genetischen Programm aufwächst, das Sie ausgesucht haben, und dem Kind gefällt das nicht? Was ist mit den Kindern, die nicht genmanipuliert auf die Welt kommen? Vielleicht waren die Eltern der Auffassung: "Das kann ich mir nicht leisten oder ich will das ethisch nicht verantworten"? Es könnte ja sein, daß dieses auf natürliche Weise geborene Kind – ohne Programmierung also – von den gesellschaftlich akzeptierten Normen abweicht oder mit einer Behinderung zu kämpfen hat. Werden wir diesem auf natürliche Weise geborenen Kind offen in die Augen schauen und uns in seine Lage versetzen, uns tolerant verhalten können? Oder werden wir beim Anblick eines solchen Kindes sagen: "Dieses Kind ist ein Fehler, den man hätte vermeiden können. Dieses Kind ist ein Defekt, den niemand brauchen kann. Dieses Kind ist Ergebnis eines Irrtums im genetischen Code, den man hätte beseitigen sollen." Könnte es nicht sein, daß wir den Eltern eines solchen Kindes Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, aber auch ihren Kindern gegenüber vorwerfen? Man könnte sogar soweit gehen und sagen, das ist Mißbrauch im Mutterleib. Man hätte nämlich die dafür verantwortlichen Gene herausprogrammieren, rekombinieren, verändern können. Welche Eltern würden es zulassen, daß ihr Kind zur Welt kommt und solche Dinge wie körperliche, seelische oder geistige Behinderungen ertragen muß?

Schon heute werden in den USA beispielsweise Embryonen selektiert, bei denen Gentests ergeben haben, daß sie irgendwann in ihrem Leben an Chorea Huntington erkranken werden.

Jeremy Rifkin
Ich glaube, daß das, was letzlich auf der Strecke bleiben wird, wenn wir uns zu sehr in das Problem der Perfektionierung verstricken, unser Einfühlungsvermögen sein wird. Und wenn uns das abhanden kommt, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Das ist ein sehr hoher Preis für die Möglichkeit, ganze Generationen nach Maß im Labor herstellen zu lassen. Andererseits wird es sehr schwer für Eltern werden, "nein" zu sagen – schließlich wollen sie ja gesunde Kinder und gesellschaftlich verantwortlich handeln. Dadurch wird die Sache so kompliziert. Da wäre es natürlich einfacher, man hätte ein Szenarium à la Hitler. So ist das Ganze aber wesentlich problematischer, weil es marktgesteuert ist.

Ein Stück Humanität ist bereits auf Grund der freien Marktinteressen abhanden gekommen. Schon ist der menschliche Embryo in einigen Ländern freigegeben – er wird als "ultimatives" Forschungsobjekt und Ersatzteillager ge- und verbraucht. Noch schützt das deutsche Gesetz den Embryo vor solchen Begehrlichkeiten. Viele deutsche Wissenschaftler sehen sich dadurch aber in ihrem Forschungsdrang behindert. Zu gerne würden auch sie mit dem kostbaren, ethisch aber hochbrisanten, Inhalt dieses Brutschrankes experimentieren, mit embryonalen Stammzellen nämlich. Diese Stammzellen sind pluripotent, d.h. sie lassen sich zu allen menschlichen Gewebetypen weiterzüchten. Sie sind die Alleskönner. In Zukunft - so die Hoffnungen - könne man mit den Stammzellen jedes beliebige Organ wachsen lassen.
Die Sensation gelang zwei Teams gleichzeitig, aber auf unterschiedlichen Wegen.

An der Wisconsin-University isolierte man die Zellen aus übrig gebliebenen tiefgefrorenen Embryonen, die von Eltern gespendet wurden. Hier an der Johns-Hopkins Univerity in Baltimore kultivierte man die "Universal-Zellen" aus abgetriebenen Embryonen. Kritiker fragen zurecht, wer in Zukunft verhindern will, daß Embryonen gezielt zu diesem Zweck hergestellt werden – um dann als Organlieferanten mißbraucht zu werden. Trotz aller Bedenken: die embryonalen Stammzellen versprechen ein Riesengeschäft zu werden. Beide Verfahren wurden sofort patentiert. Aber nicht nur die unterschiedlichen Techniken, auch das "Ausgangsmaterial" an sich, die embryonalen Stammzellen, bekamen das Patent. Patente werden das Mega-Business des 21. Jahrhunderts - das weiß man an der New Yorker Börse, und das weiß auch die Patentinhaberin der embryonalen Stammzellen, die Geron-Company, die die Forschung der beiden Teams mitfinanzierte.
Die Aktienkurse der Life-Science Companies versprechen Traumrenditen.

Jeremy Rifkin
Wir kommen zu einer eher peinlichen Episode in der Geschichte der kommerziellen Gen-Nutzung. Ich glaube, die Öffentlichkeit wird überrascht sein, wenn sie folgendes erfährt: Im Laufe der kommenden 5 bis 10 Jahre werden wir buchstäblich alle der gut 60.000 Gene isoliert haben, die den Bauplan für die menschliche Spezies liefern. Das geschieht tagtäglich mit hunderten von Genen. Was der Öffentlichkeit aber vorenthalten wird, ist die Tatsache, daß jedesmal, nachdem ein Gen entschlüsselt wurde, das als Erfindung geltend gemacht wird! Das heißt, man erhebt Anspruch darauf als geistiges Eigentum. Also, im Laufe der nächsten 8 oder 9 Jahre gehen all diese gut 60.000 Gene, die die Baupläne für die menschliche Spezies enthalten, in den Besitz jener Biotech-Firmen oder der ihnen angeschlossenen wissenschaftlichen Einrichtungen über. Das bedeutet, daß diesen mächtigen Unternehmen damit die genetischen Baupläne der Menschheit gehören. Auf dem Markt verfügen sie damit über eine nie gekannte Machtfülle, so daß sie nicht nur die Bedingungen für unser Alltagsleben, sondern womöglich sogar die zukünftige Entwicklung der Menschheit bestimmen können.

Aber wo es um Milliarden geht, hat die Ethik bereits verloren. Denn Geld und Ethik sind nicht kompatibel. Dabei berühren gerade Patente an Lebewesen unsere tiefsten Überzeugungen von der Natur des Lebens ob man ihm einen unveräußerlichen Wert oder lediglich einen kommerziellen Wert zuerkennen soll. Gene kann man entdecken, aber nicht erfinden, und damit auch nicht patentieren.

Jeremy Rifkin
Das Patentieren von Genen ist illegal!... . Leben kann nur eins von beiden sein: Gottes Schöpfung oder menschliche Erfindung, nicht aber beides!"
Tatsache ist, daß das Patentieren von Genen oder Zellen und Chromosomen gesetzwidrig ist! Das amerikanische Patentamt verstößt seit 1987 durch die Vergabe solcher Patente systematisch gegen die von ihm festgelegten Bestimmungen! Jeder Anwalt in Washington weiß, daß es unzulässig ist, auf diese Gene ein Patent anzumelden – trotzdem wird es gemacht. Und jetzt soll das auch in Europa, in Deutschland und anderen Ländern, unter Verletzung der dort geltenden Bestimmungen so praktiziert werden. Aber es geht hier um noch etwas Wichtigeres, nämlich um eine ethische Frage: entweder ist das Leben eine Schöpfung Gottes oder eine menschliche Erfindung. Beides zugleich kann es nicht sein.

  © 1999 ARTE G.E.I.E