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Porträt
Jeremy Rifkin, Bestsellerautor
aus Amerika, und seine Visionen für das 21. Jahrhundert.
Professor Bumke hat neulich
Menschen erfunden. Die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld,
doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden, und außerdem kommen
sie fix und fertig zur Welt! Sie werden mit Bärten, oder mit Busen
geboren, mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht. Durch Kindheit
und Jugend würde nur Zeit verloren, meinte Professor Bumke. Da hat
er ja recht. Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei, etwa benötige,
brauche ihn nur zu bestellen. Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters
Kanzlei, promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fällen.
Man brauche nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten, daß das Produkt
einer unausgeschlafenen Nacht auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten
das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.
Nächstens vergrößere
er seine Menschenfabrik. Schon heute liefere er zweihundertneunzehn Sorten.
Mißlungene Aufträge nähme er natürlich zurück.
Die müßten dann nochmals durch die verschiedenen Retorten.
Die Utopie Erich Kästners formuliert in "Der Synthetische
Mensch" klingt, am Ausgang des 20. Jahrhunderts, keineswegs
wie eine lächerliche Vision. In dem amerikanischen Bestseller "Das
Biotechnische Zeitalter" ist zwar nicht von "Menschenfabriken"
die Rede, aber von den neuen Technologien des 21. Jahrhunderts. Und diese
biotechnische Revolution wird jeden Aspekt unseres Lebens betreffen, davon
ist der Autor, Jeremy Rifkin, einer der renommiertesten Trendforscher
der USA, überzeugt. Die Geschäfte mit der Genetik werden das
21. Jahrhundert bestimmen, so seine Kernaussage vor Studenten in Washington.
Jeremy Rifkin
Gene sind der Rohstoff fürs 21. Jahrhundert. Wir verlassen
das Zeitalter der Physik und Chemie und begeben uns ins Zeitalter der
Biologie. Gene für alles. Ich bin sicher, ihr hattet Diskussionen
zum Thema Gene für Nahrungsmittel, die Medizin, Screening, Pharmazeutika,
Baustoffe, Faserstoffe und Konstruktionstechnik sowie zur Energiegewinnung.
Um sich einmal das Ausmaß dieser Forschungen klarzumachen: In den
vergangenen 3 Jahren , der eine oder andere weiß darüber Bescheid,
man verfolge die Geschichte von Montsanto, DuPont, Novartis und Hoechst
das waren alles Chemieriesen des 20. Jahrhunderts. Also, in den
vergangenen 36 Monaten hat sich jedes dieser Unternehmen entschlossen,
die Bereiche Chemie teilweise oder ganz abzustoßen oder zu verkaufen,
um sich ausschließlich der Biotechnologie widmen zu können.Gen-Forschung,
Gen-Technologie, Gen-Produkte, Gen-Dienstleistungen. Montsanto hat seinen
gesamten chemischen Bereich verkauft das ist außergewöhnlich.
Aus Gründen, die auf der Hand liegen, behält das Unternehmen
lediglich Agricultural Chemical. Novartis hat sich zum Biotechnologie-Unternehmen
gemausert. Ölhandel ist out für die. DuPont verkauft gerade
Conical. Und hat soeben Pioneer Genetics, die größte Gen-Fabrik
der Welt, gekauft. Worauf ich hinaus will, ist folgendes: In eurem Jahrhundert
vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel in der Weltwirtschaft. Wir lassen
fossile Brennstoffe, Metalle und Mineralien hinter uns, die alten Rohstoffe
für das Leben im Industriezeitalter, und brechen auf ins Zeitalter
der kommerziellen Nutzung von Genen. Das ist ein neuer Begriff für
die Lehrbücher: kommerzielle Nutzung von Genen. Es geht um Gene,
den neuen Rohstoff für das Jahrhundert der Biotechnologie.
Gerade in den USA gelten die
neuen gentechnologischen Manipulationen als kreativer Akt, werden als
wertfrei, ja als unausweichlich angesehen. Aber so muß man
fragen:
Haben Wissenschaftler zukünftig nicht eine gottähnliche Macht,
da sie die biologische Zukunft von Menschen, Tieren und Pflanzen auswählen
und bestimmen können?
Jeremy Rifkin
Wir verfügen jetzt über sehr wirkungsvolle Werkzeuge im Labor
wie rekombinante DNS, Zellfusionierung oder Klonierung, mit denen Wissenschaftler
und Biotech-Unternehmen sich anschicken, Millionen und Abermillionen Jahre
der Evolutionsgeschichte umzugestalten, umzuschreiben, zu manipulieren,
eine zweite Schöpfungsgeschichte in die Wege zu leiten, die Erde
mit einer neuen Biologie zu bepflanzen. Einer Biologie aus der Retorte,
und deshalb gilt es, sich von vornherein klarzumachen, daß wir es
hier mit dem radikalsten und gewagtesten Experiment zu tun haben, das
der menschliche Geist jemals ersonnen hat.
Sind wir dabei, die Natur neu
zu erfinden? Ist es nicht grausam und unverantwortlich die neuen Technologien
nicht zur Beseitigung schwerer genetischer Störungen einzusetzen,
fragen die Befürworter der Gentechnologie am Menschen?
Gegenfrage: Wenn Wissenschaftler zukünftig in der Lage sind genetische
Defekte zu reparieren, wird es nicht viel schwieriger werden, Argumente
gegen zusätzliche Gene zu finden, die erwünschte Merkmale wie
einen verbesserten Gesundheitszustand, besseres Aussehen und Intelligenz
verleihen?
Jeremy Rifkin
Die neue Eugenik hat keine gesellschaftliche Verankerung, es gibt da keinen
wild dreinblickenden Demagogen, keine politischen Parteien, die uns in
diese "schöne neue Welt" hineinzwingen würden. Im
Gegenteil, die neue Eugenik ist etwas Banales, sie ist marktgesteuert,
kommt freundlich daher, kommerziell. Und die Unternehmen flüstern
der Öffentlichkeit doch nur ins Ohr: Ja, wollt ihr denn kein gesundes
Baby? Ein Hollywood-Drehbuch läßt sich damit nicht schreiben,
aber langfristig betrachtet, auch wenn es sich um etwas Banales und Marktgesteuertes
handelt, langfristig gesehen schlittern wir da in eine kommerzielle eugenische
Kultur hinein, und das könnte genauso heimtückisch beziehungsweise
noch heimtückischer sein als alles, was sich das Dritte Reich in
seinen kühnsten Träumen nicht hatte ausmalen können. Es
kann gut sein, daß wir nicht genügend auf der Hut sind, daß
wir quasi Gen für Gen, Zelle für Zelle, Entscheidung auf Entscheidung
zulassen, daß unsere Kinder auf diesen Weg in die eugenische Gesellschaft
geraten, und wir uns der Konsequenzen erst dann bewußt werden, wenn
es bereits zu spät ist.
Was hält eine Gesellschaft
eigentlich dann noch davon ab zu beschließen, daß eine bestimmte
Hautfarbe eine Störung ist, fragt Jeremy Rifkin provokant.
Jeremy Rifkin
Das Problem besteht darin, daß sich eine völlig neue Form der
Bindung zwischen Eltern und Kind ergibt, wenn wir damit erst einmal angefangen
haben: es ist die bei weitem größte Veränderung in unserer
Evolution, seit wir auf dieser Erde aufgetaucht sind. Wie sollen Eltern
entscheiden, was "gute" und was "schlechte" Gene sind,
wie das ideale Kind aussehen soll? Wir begeben uns da auf eine Reise,
bei der das Kind sozusagen das ultimative Einkaufserlebnis in einer postmodernen
Welt wird. Ich meine das ganz ernst, nicht veralbernd. Es ist das ultimative
Einkaufserlebnis. Was aber passiert, wenn Ihr Kind mit einem genetischen
Programm aufwächst, das Sie ausgesucht haben, und dem Kind gefällt
das nicht? Was ist mit den Kindern, die nicht genmanipuliert auf die Welt
kommen? Vielleicht waren die Eltern der Auffassung: "Das kann ich
mir nicht leisten oder ich will das ethisch nicht verantworten"?
Es könnte ja sein, daß dieses auf natürliche Weise geborene
Kind ohne Programmierung also von den gesellschaftlich akzeptierten
Normen abweicht oder mit einer Behinderung zu kämpfen hat. Werden
wir diesem auf natürliche Weise geborenen Kind offen in die Augen
schauen und uns in seine Lage versetzen, uns tolerant verhalten können?
Oder werden wir beim Anblick eines solchen Kindes sagen: "Dieses
Kind ist ein Fehler, den man hätte vermeiden können. Dieses
Kind ist ein Defekt, den niemand brauchen kann. Dieses Kind ist Ergebnis
eines Irrtums im genetischen Code, den man hätte beseitigen sollen."
Könnte es nicht sein, daß wir den Eltern eines solchen Kindes
Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, aber auch ihren
Kindern gegenüber vorwerfen? Man könnte sogar soweit gehen und
sagen, das ist Mißbrauch im Mutterleib. Man hätte nämlich
die dafür verantwortlichen Gene herausprogrammieren, rekombinieren,
verändern können. Welche Eltern würden es zulassen, daß
ihr Kind zur Welt kommt und solche Dinge wie körperliche, seelische
oder geistige Behinderungen ertragen muß?
Schon heute werden in den USA
beispielsweise Embryonen selektiert, bei denen Gentests ergeben haben,
daß sie irgendwann in ihrem Leben an Chorea Huntington erkranken
werden.
Jeremy Rifkin
Ich glaube, daß das, was letzlich auf der Strecke bleiben wird,
wenn wir uns zu sehr in das Problem der Perfektionierung verstricken,
unser Einfühlungsvermögen sein wird. Und wenn uns das abhanden
kommt, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Das ist ein sehr hoher Preis
für die Möglichkeit, ganze Generationen nach Maß im Labor
herstellen zu lassen. Andererseits wird es sehr schwer für Eltern
werden, "nein" zu sagen schließlich wollen sie
ja gesunde Kinder und gesellschaftlich verantwortlich handeln. Dadurch
wird die Sache so kompliziert. Da wäre es natürlich einfacher,
man hätte ein Szenarium à la Hitler. So ist das Ganze aber
wesentlich problematischer, weil es marktgesteuert ist.
Ein Stück Humanität
ist bereits auf Grund der freien Marktinteressen abhanden gekommen. Schon
ist der menschliche Embryo in einigen Ländern freigegeben
er wird als "ultimatives" Forschungsobjekt und Ersatzteillager
ge- und verbraucht. Noch schützt das deutsche Gesetz den Embryo vor
solchen Begehrlichkeiten. Viele deutsche Wissenschaftler sehen sich dadurch
aber in ihrem Forschungsdrang behindert. Zu gerne würden auch sie
mit dem kostbaren, ethisch aber hochbrisanten, Inhalt dieses Brutschrankes
experimentieren, mit embryonalen Stammzellen nämlich. Diese Stammzellen
sind pluripotent, d.h. sie lassen sich zu allen menschlichen Gewebetypen
weiterzüchten. Sie sind die Alleskönner. In Zukunft - so die
Hoffnungen - könne man mit den Stammzellen jedes beliebige Organ
wachsen lassen.
Die Sensation gelang zwei Teams gleichzeitig, aber auf unterschiedlichen
Wegen.
An der Wisconsin-University
isolierte man die Zellen aus übrig gebliebenen tiefgefrorenen Embryonen,
die von Eltern gespendet wurden. Hier an der Johns-Hopkins Univerity in
Baltimore kultivierte man die "Universal-Zellen" aus abgetriebenen
Embryonen. Kritiker fragen zurecht, wer in Zukunft verhindern will, daß
Embryonen gezielt zu diesem Zweck hergestellt werden um dann als
Organlieferanten mißbraucht zu werden. Trotz aller Bedenken: die
embryonalen Stammzellen versprechen ein Riesengeschäft zu werden.
Beide Verfahren wurden sofort patentiert. Aber nicht nur die unterschiedlichen
Techniken, auch das "Ausgangsmaterial" an sich, die embryonalen
Stammzellen, bekamen das Patent. Patente werden das Mega-Business des
21. Jahrhunderts - das weiß man an der New Yorker Börse, und
das weiß auch die Patentinhaberin der embryonalen Stammzellen, die
Geron-Company, die die Forschung der beiden Teams mitfinanzierte.
Die Aktienkurse der Life-Science Companies versprechen Traumrenditen.
Jeremy Rifkin
Wir kommen zu einer eher peinlichen Episode in der Geschichte der kommerziellen
Gen-Nutzung. Ich glaube, die Öffentlichkeit wird überrascht
sein, wenn sie folgendes erfährt: Im Laufe der kommenden 5 bis 10
Jahre werden wir buchstäblich alle der gut 60.000 Gene isoliert haben,
die den Bauplan für die menschliche Spezies liefern. Das geschieht
tagtäglich mit hunderten von Genen. Was der Öffentlichkeit aber
vorenthalten wird, ist die Tatsache, daß jedesmal, nachdem ein Gen
entschlüsselt wurde, das als Erfindung geltend gemacht wird! Das
heißt, man erhebt Anspruch darauf als geistiges Eigentum. Also,
im Laufe der nächsten 8 oder 9 Jahre gehen all diese gut 60.000 Gene,
die die Baupläne für die menschliche Spezies enthalten, in den
Besitz jener Biotech-Firmen oder der ihnen angeschlossenen wissenschaftlichen
Einrichtungen über. Das bedeutet, daß diesen mächtigen
Unternehmen damit die genetischen Baupläne der Menschheit gehören.
Auf dem Markt verfügen sie damit über eine nie gekannte Machtfülle,
so daß sie nicht nur die Bedingungen für unser Alltagsleben,
sondern womöglich sogar die zukünftige Entwicklung der Menschheit
bestimmen können.
Aber wo es um Milliarden geht,
hat die Ethik bereits verloren. Denn Geld und Ethik sind nicht kompatibel.
Dabei berühren gerade Patente an Lebewesen unsere tiefsten Überzeugungen
von der Natur des Lebens ob man ihm einen unveräußerlichen
Wert oder lediglich einen kommerziellen Wert zuerkennen soll. Gene kann
man entdecken, aber nicht erfinden, und damit auch nicht patentieren.
Jeremy Rifkin
Das Patentieren von Genen ist illegal!... . Leben kann nur eins von beiden
sein: Gottes Schöpfung oder menschliche Erfindung, nicht aber beides!"
Tatsache ist, daß das Patentieren von Genen oder Zellen und Chromosomen
gesetzwidrig ist! Das amerikanische Patentamt verstößt seit
1987 durch die Vergabe solcher Patente systematisch gegen die von ihm
festgelegten Bestimmungen! Jeder Anwalt in Washington weiß, daß
es unzulässig ist, auf diese Gene ein Patent anzumelden trotzdem
wird es gemacht. Und jetzt soll das auch in Europa, in Deutschland und
anderen Ländern, unter Verletzung der dort geltenden Bestimmungen
so praktiziert werden. Aber es geht hier um noch etwas Wichtigeres, nämlich
um eine ethische Frage: entweder ist das Leben eine Schöpfung Gottes
oder eine menschliche Erfindung. Beides zugleich kann es nicht sein.
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