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Archimède

  07. September 1999

  Das Geheimnis der Skythen

Im Laufe der Geschichte haben immer wieder Reiternomaden aus dem Osten die Völker Mitteleuropas in Angst und Schrecken versetzt. Den Ursprüngen dieser Kulturen ist der Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, Professor Hermann Parzinger, in Sibirien und Kasachstan auf der Spur.

Von den Skythen ist bekannt, daß sie enge Kontakte zu den Griechen hatten. Schon Herodot berichtet von den Nachbarn im Osten, von ihrer Pracht und ihren Grabmonumenten. Die Skythen waren nicht nur Pferdeliebhaber, sondern verwegene Reiter. Als schnelle geschickte Bogenschützen, als Reiterkrieger, versetzten sie bei ihren Invasionen den Vorderen Orient in Angst und Schrecken. Sie waren aber auch so begehrt, daß 1000 Skythen in Athen als Stadtpolizei angeheuert wurden. Auf dem Rücken ihrer Pferde beherrschten sie ab dem 8.Jahrhundert vor Christus das Gebiet zwischen der Chinesischen Mauer und der Donau am Schwarzen Meer. Manche Skythen trugen mongolische, die meisten aber europide Gesichtszüge. Sie gehörten zu den Indoeuropäern und sprachen eine iranische Mundart. Ihr Kapital waren die riesigen Pferde- und Rinderherden. Immer auf der Suche nach neuen Weideflächen zogen sie als Nomaden mit ihren Zelten durch die Steppe. Die extremen Temperaturschwankungen machten sie zu Überlebenskünstlern. Die Skythen lebten mit und von den Tieren, die ihre Phantasie beflügelten. Tiere besaßen eine magische Ausstrahlung, hatten religiöse Symbolkraft. Sie prägten ihren ganz charakteristischen Stil, der auch die Kunst der Kelten in Mitteleuropa inspirierte. Die Skythen waren es, die erstmals einen Kontakt zwischen dem fernen Asien und dem Westen herstellten.


Bei Messungen entdeckten die Geophysiker des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege zwischen Omsk und Nowosibirsk Überraschendes: die östlichste Stadt der Skythen aus dem 8.Jahrhundert vor Christus. Bisher waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, daß die Reiternomaden nur in Zelten gelebt hatten.

Dr. Helmut Becker, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
„Im Magnetogramm der skythischen Stadt Cica sieht man gut die Einteilung in eine Zitadelle mit Toren und dann kommt der Stadtbereich der auch wieder mit Gräben eingefaßt ist, wo über 100 Grubenhäuser angeordnet sind, Grubenhäuser etwa 8 bis 10 Meter groß. Da sind auch wieder Tore und dann der äußere Stadtbereich mit Palisaden und wir sehen da zwei Gräber, zwei Grabbauten. Dieser skythische Großkurgan gibt uns noch Rätsel auf. In der Magnetik ist zwar ziemlich klar der Außengraben etwa mit 80 Meter Durchmesser. Man sieht auch sehr schön die Kammer, den Gang zur Kammer, man sieht, daß der Gang auf eine Unterbrechung im Graben zielt, wo der Eingang ist. Man kann nicht weitere Gräber sehen. Die Magnetik reicht vielleicht bis in 5 Meter Tiefe, in größerer Tiefe, in 10 oder 15 Metern, kann man keine weiteren Kammern entdecken mit diesem Verfahren."

In Seegevka in Nordkazachstan sollen Ausgrabungen Licht ins Dunkel dieser Kultur der Gegensätze bringen: ARCHIMEDES hat Professor Hermann Parzinger, der als erster Archäologe den mit 1,5 Millionen Mark dotierten Leibniz-Preis erhielt, begleitet und bei der Suche nach einem einzigartigen Grabmonument von 80 Metern Durchmesser, einem Großkurgan, beobachtet. Die unterirdische Katakombe des „skythischen Fürsten", die noch intakt sein muß und mit reichen Beigaben aus Gold und Textilien ausgestattet ist, blieb bis jetzt verborgen. Die Erbauer des Grabhügels verstanden es, die Grabräuber irrezuleiten und auch den modernsten Techniken der Wissenschaftler Widerstand zu leisten. Das prächtig für das Jenseits ausgestattete Grab eines Häuptlings, es scheint unauffindbar. Skythische Baumeister hatten ihm vor 2500 ein wahres Denkmal gesetzt, eine organisatorische und architektonische Meisterleistung:

Prof. Hermann Parzinger, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin
„Hier haben wir das letzte noch stehende Profil vor uns, das Nordprofil und man kann ganz schön den Aufbau des Kurgans sehen. Wir haben zunächst unten den gewachsenen Boden, der durch Frostritzen aufgerissen wird, und deshalb sehr stark mit Humus vermischt ist. Wir sind deshalb noch weiter hinuntergegangen in das Gewachsene, in den Lehm, um eben Verfärbungen in der Fläche noch besser erkennen zu können, aber die ehemalige Oberfläche folgt praktisch dieser Grenze. Wichtig ist, daß die ganze Oberfläche des Kurgans, also immerhin eine annähernd kreisrunde Fläche von 80 bis 85 Meter Durchmesser mit mehreren feinen Schichten von Birkenrinde ausgelegt war. Darauf folgt dann der weitere Aufbau aus Rasensoden, die man hier eigentlich sehr schön erkennen kann. Rasensoden praktisch aus der Steppe abgestochen, Teile des Bewuchses, des Grases und unten die Wurzeln dran und die Erde und das Ganze wurde hier, nicht nur hier, sondern man kann sagen überhaupt in der Steppe gewissermaßen wie ungebrannte Lehmziegel verwandt. Über dem Ganzen folgt dann eine Schicht gelben Lehms. Das ist der Aushub, also der gewachsene Boden, der aus der Grube kommt und auch aus dem Graben, der im Kreis um diesen Kurgan herumläuft. Das wurde dann im Zentrum etwas stärker und dann zu den Rändern dünner auslaufend auf dieser Rasensodenpackung aufgebracht. Darüber dann eine Schicht aus Steinen und dann über dem Ganzen, was hier aus Sicherheitsgründen bereits abgetragen wurde, über dem Ganzen muß man sich noch mal 2 bis 3 Meter Humusaufschüttung vorstellen."


Das Erdreich aus der tiefen Grube im Zentrum des Hügels gibt immer noch seine Geheimnisse preis, die mühsame Suche lohnt sich: Etwa 500 Jahre nachdem das Grabmonument errichtet war, um die Zeitenwende, wurde hier ein Sarmate fürstlich zur letzten Ruhe gebettet. Die Sarmaten hatten die Skythen verdrängt und lebten ebenfalls als Reiternomaden.

Prof. Hermann Parzinger
„...das Grab war zerstört und von Grabräubern zerwühlt. Aber es fanden sich noch einige Teile der Grabausstattung, vor allem erstaunlicherweise die Goldfunde, allerdings sehr kleine, was bedeutet, daß es wirklich ein sehr reiches Grab gewesen sein muß. Wenn man sich vorstellt, daß die Grabräuber wirklich diese Stücke – wir haben jetzt insgesamt 94 Teile des Goldschmucks – wenn sie das liegen haben lassen, dann hat man ungefähr eine Vorstellung, wie reich das Grab war."

...winzige Kunstwerke aus Gold und Elektron, einer Legierung aus Gold und Silber. Das verrrät die Herkunft aus Griechenland. Als Kleiderbesatz schmückten die Pretiosen ein sarmatisches Festtagsgewand. Die Nomaden der Steppe waren alles andere als primitiv. Kunstfertigkeit und die Liebe zum Detail prägten ihren Lebensstil. Und die Goldfunde lassen verschwenderische Fülle erahnen.
Finderglück, das die Phantasie beflügelt und die Ausgräber motiviert. Ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Nirgendwo ist ein Eingang zu einem unterirdischen Grab zu erahnen. Ausgraben bedeutet Zerstören, nur eine exakte Dokumentation ermöglicht später die Interpretation am Schreibtisch. Je höher der Standort, desto besser der Überblick. Jede noch so unscheinbare Verfärbung könnte die Archäologen auf die richtige Fährte bringen.

Prof. Hermann Parzinger
„Die Stimmung ist wie die Fieberkurve eines Irren. Man sieht Verfärbungen. – Eins ist völlig klar und das macht es ja so schwierig. Die Skythen haben offenbar das Grab, den Eingang in das Grab so versiegelt, daß es nicht ohne weiteres auffindbar ist."

Auf der Suche nach einem unterirdischen Hohlraum, nach einer Katakombe, wird schließlich gebohrt.
Eine Woche nach unserer Abreise wurde tatsächlich ein Hohlraum entdeckt. Führt er die Ausgräber zur „Schatzkammer" des skythischen Fürsten?

 

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E