 |
|
Porträt:
Professor Wilfried Haeberli
Ein Sommermorgen im Schweizer Engadin.
Unten im Tiefland ist es heiß und schwül; hier oben im Hochgebirge,
auf dem Weg zum Piz Corvatsch, begleitet kühler Wind einen Gletscherforscher
auf der Fahrt zur Arbeit.
Unter ihm, in 2800 Metern Höhe, breiten sich die ersten
Permafrostregionen aus, vereiste Gebirgshänge, sein spezielles Forschungsgebiet.
Prof. Wilfried Haeberli, lehrender Geowissenschaftler an der Universität
Zürich, unternimmt regelmäßig Arbeitsexpeditionen in hochalpine Eis- Schnee-
und Gletscherregionen. Das Eis dieses Gletschergrats ist fünf bis zehntausend
Jahre alt und liegt heute noch 50 Meter hoch über dem gefrorenen Fels.
Aber selbst hier, auf dem Piz Murtèl, in 3500 Metern Höhe, geht das Eis
zurück. Tatsache ist: die Alpengletscher haben seit 1850 bereits die Hälfte
ihres Volumens verloren. In 50 Jahren, so die Wissenschaftler, werden
sie zu 90 Prozent verschwunden sein; zurück bleibt Schutt und Geröll.
– Die 1998 von der EU gestarteten Forschungsprojekte „Pace" und „AlpClim"
sollen die durch die Klimaerwärmung zu erwartenden Naturgefahren in den
europäischen Gebirgen genauer untersuchen. Im Rahmen diser beiden Projekte
sollen die Schweizer Gletscherforscher langfristige Vergleichsdaten liefern:
Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität
Zürich
Auf diesem Grat hier oben erwarten wir, daß das Eis mehrere
tausend Jahre alt ist und wir möchten vergleichen, wie die Zusammensetzung
des Eises und der Atmosphäre im 20. Jahrhundert ist im Vergleich
mit den Jahrtausenden vorher, als der Mensch noch keinen Einfluß
hatte auf die Atmosphäre. Gleichzeitig messen wir zum Beispiel auch
die Temperatur in diesem Eis, die ansteigen könnte, wenn die Atmosphäre
wärmer wird, zur Zeit ist das Eis etwa 3 Grad und festgefroren am
Untergrund. Und wir wollen auch langfristig beobachten, ob sich dieses
Eis verändert, der Grat, der Eisgrat, verschwindet. Das wäre
dann ein Zeichen dafür, daß eben jahrtausende altes Eis verschwunden
ist und sich das Klima markant verändert hat."
Die Arbeit mit seinen Studenten und Doktoranden macht
ihm besondere Freude. Für die junge Generation, so meint er, ist
der Blick in die Zukunft eine Belastung. Wichtig erscheint Haeberli das
Erkennen von Systemvernetzungen zwischen globaler Erwärmung, Wasserknappheit
und Bevölkerungswachstum, deren Auswirkungen wir im 21. Jahrhundert
deutlich spüren werden. Dazu gehört auch die Frage: welche Lasten
bürden wir mit einem immer stärker aufgeheizten Planeten den
kommenden Generationen auf? Im 200 000 Quadratkilometer großen
Ökosystem Alpen leben heute 12 Millionen Menschen dazu kommen
jedes Jahr 120 Millionen Touristen in die Berge ...
Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität
Zürich
Generell wenn Eis oberhalb oder unterhalb der Wertoberfläche
verschwindet, verändert sich einmal das Landschaftsbild. Also die
Gletscher sind nicht mehr vorhanden, die Permafrosthänge tauen auf,
es gibt mehr Steinschlag, Geröllhalden werden frei also die
Alpen werden eher einer Baustelle gleichen. Aber gleichzeitig wird auch
die Stabilität dieser steilen Hänge generell abnehmen. Wenn
die Gletscher die Flanken nicht mehr stützen, wenn das Eis aus den
Kliften der Felspartien verschwindet, wenn das Wasser zu zirkulieren beginnt,
dann sind die Stabilitätsbedingungen in diesen steilen Hängen
eben schlechter als bisher. Also wird man über Jahrhunderte mit mehr
Murgängen oder Felsstürzen, auch von Gebieten, wo man das bisher
nicht gehabt hat, rechnen müssen."
Harte Arbeit in dünner Luft; manchmal auch gefährlich
weshalb dieses Engagement ?
Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität
Zürich
Also am Anfang war ganz einfach die Liebe zu den Bergen. Heute würde
ich sagen, die Arbeit mit der jungen Generation ist vielleicht das, was
mich am meisten reizt. Das sind Leute, die aus den gleichen Gründen
wie ich zum Metier gekommen sind, also Liebesgeschichten mit anderen Worten,
und die mit großem Engagement dahinter sind. Aber ich habe mich
auch sehr intensiv eben mit den Gletschern beschäftigt, und im Vordergrund
steht schon nicht nur die Funktion dieser Elemente als Signale für
die Klimaveränderung, sondern auch die Auswirkungen auf den Menschen."
|