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Archimède 07. September 1999
  Porträt: Professor Wilfried Haeberli

Ein Sommermorgen im Schweizer Engadin. Unten im Tiefland ist es heiß und schwül; hier oben im Hochgebirge, auf dem Weg zum Piz Corvatsch, begleitet kühler Wind einen Gletscherforscher auf der Fahrt zur Arbeit.

Unter ihm, in 2800 Metern Höhe, breiten sich die ersten Permafrostregionen aus, vereiste Gebirgshänge, sein spezielles Forschungsgebiet. Prof. Wilfried Haeberli, lehrender Geowissenschaftler an der Universität Zürich, unternimmt regelmäßig Arbeitsexpeditionen in hochalpine Eis- Schnee- und Gletscherregionen. Das Eis dieses Gletschergrats ist fünf bis zehntausend Jahre alt und liegt heute noch 50 Meter hoch über dem gefrorenen Fels.

Aber selbst hier, auf dem Piz Murtèl, in 3500 Metern Höhe, geht das Eis zurück. Tatsache ist: die Alpengletscher haben seit 1850 bereits die Hälfte ihres Volumens verloren. In 50 Jahren, so die Wissenschaftler, werden sie zu 90 Prozent verschwunden sein; zurück bleibt Schutt und Geröll. – Die 1998 von der EU gestarteten Forschungsprojekte „Pace" und „AlpClim" sollen die durch die Klimaerwärmung zu erwartenden Naturgefahren in den europäischen Gebirgen genauer untersuchen. Im Rahmen diser beiden Projekte sollen die Schweizer Gletscherforscher langfristige Vergleichsdaten liefern:

Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität Zürich
„Auf diesem Grat hier oben erwarten wir, daß das Eis mehrere tausend Jahre alt ist und wir möchten vergleichen, wie die Zusammensetzung des Eises und der Atmosphäre im 20. Jahrhundert ist im Vergleich mit den Jahrtausenden vorher, als der Mensch noch keinen Einfluß hatte auf die Atmosphäre. Gleichzeitig messen wir zum Beispiel auch die Temperatur in diesem Eis, die ansteigen könnte, wenn die Atmosphäre wärmer wird, zur Zeit ist das Eis etwa 3 Grad und festgefroren am Untergrund. Und wir wollen auch langfristig beobachten, ob sich dieses Eis verändert, der Grat, der Eisgrat, verschwindet. Das wäre dann ein Zeichen dafür, daß eben jahrtausende altes Eis verschwunden ist und sich das Klima markant verändert hat."

Die Arbeit mit seinen Studenten und Doktoranden macht ihm besondere Freude. Für die junge Generation, so meint er, ist der Blick in die Zukunft eine Belastung. Wichtig erscheint Haeberli das Erkennen von Systemvernetzungen zwischen globaler Erwärmung, Wasserknappheit und Bevölkerungswachstum, deren Auswirkungen wir im 21. Jahrhundert deutlich spüren werden. Dazu gehört auch die Frage: welche Lasten bürden wir mit einem immer stärker aufgeheizten Planeten den kommenden Generationen auf? – Im 200 000 Quadratkilometer großen Ökosystem Alpen leben heute 12 Millionen Menschen – dazu kommen jedes Jahr 120 Millionen Touristen in die Berge ...

Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität Zürich
„Generell wenn Eis oberhalb oder unterhalb der Wertoberfläche verschwindet, verändert sich einmal das Landschaftsbild. Also die Gletscher sind nicht mehr vorhanden, die Permafrosthänge tauen auf, es gibt mehr Steinschlag, Geröllhalden werden frei – also die Alpen werden eher einer Baustelle gleichen. Aber gleichzeitig wird auch die Stabilität dieser steilen Hänge generell abnehmen. Wenn die Gletscher die Flanken nicht mehr stützen, wenn das Eis aus den Kliften der Felspartien verschwindet, wenn das Wasser zu zirkulieren beginnt, dann sind die Stabilitätsbedingungen in diesen steilen Hängen eben schlechter als bisher. Also wird man über Jahrhunderte mit mehr Murgängen oder Felsstürzen, auch von Gebieten, wo man das bisher nicht gehabt hat, rechnen müssen."

Harte Arbeit in dünner Luft; manchmal auch gefährlich – weshalb dieses Engagement ?

Prof. Wilfried Haeberli, Geograph. Institut, Universität Zürich
Also am Anfang war ganz einfach die Liebe zu den Bergen. Heute würde ich sagen, die Arbeit mit der jungen Generation ist vielleicht das, was mich am meisten reizt. Das sind Leute, die aus den gleichen Gründen wie ich zum Metier gekommen sind, also Liebesgeschichten mit anderen Worten, und die mit großem Engagement dahinter sind. Aber ich habe mich auch sehr intensiv eben mit den Gletschern beschäftigt, und im Vordergrund steht schon nicht nur die Funktion dieser Elemente als Signale für die Klimaveränderung, sondern auch die Auswirkungen auf den Menschen."

  © 1999 ARTE G.E.I.E