| Der Lügendetektor
Wie funktioniert der Lügendetektor?
Die Voraussetzung für jeden Test: Er muß freiwillig sein.
Als erstes werden zwei Elektroden angeschlossen. Sie ermitteln den Schweißgehalt
der Haut. Die beiden Schläuche um Bauch und Brust messen Häufigkeit
und Intensität der Atmung. Auch Puls und Blutdruck werden gemessen
- mit einer Manschette um den Oberarm. Wie beim Arzt.
Wenn der Test beginnt, kennt die Testperson bereits die Fragen. Aus einem
Vorgespräch. Das soll ihr die Angst nehmen. Ein Test mit dem Lügendetektor
dauert rund eine halbe Stunde. Ein PC mit entsprechender Software zeichnet
die Ergebnisse auf. Am Anfang des Tests stehen Fragen ganz allgemeiner
Art.
Ist heute Montag?"
Nein"
Wollen Sie alle Fragen bezüglich der Vorfälle
ehrlich beantworten?"
Ja"
Sind Sie sicher, daß ich nur die besprochenen
Fragen stellen werde?"
Ja"
Haben Sie vor 1994 jemals eine Person zu sexuellen
Aktivitäten gedrängt?"
Nein"
Haben Sie die Scheide Ihrer Tochter berührt?"
Nein"
Haben Sie sich vor 1994 jemals ungewöhnliche
Sexpraktiken gewünscht?"
Nein"
Haben Sie vor 1994 Sexuelles getan, wofür
Sie sich schämen?"
Dieser Testabschnitt ist nun beendet. Bitte
bleiben Sie noch ruhig."
Nur Fachleute können einen Test mit dem Lügendetektor
sinnvoll durchführen. Worauf kommt es dabei besonders an?
Dr. Dr. Josef Salzgeber, Gesellschaft für
wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie, München
Im wesentlichen kommt es auf drei Bereiche an: Im Vorgespräch
wird mit dem Probanden ein spezielles Klima geschaffen, damit alles andere
ausgeblendet wird, was nicht wichtig ist. Zweitens werden die tatbezogenen
Fragen genau formuliert. Eine Frage, die sehr vage ist, zum Beispiel ob
er Geld gestohlen hat, wäre eine unsinnige Frage. Es muß genau
nach einer bestimmten Menge Geldes, die er möglicherweise aus einem
Safe genommen hat, gefragt werden und ganz wichtig ist, daß die
Fragenreihe mindestens dreimal oder öfters durchlaufen wird."
Einerlei, ob die erhobenen Daten auf einem Monitor
erscheinen oder wie früher mechanisch auf Papier übertragen
werden, was sagen die erhaltenen Kurven schließlich aus? Ein Beispiel:
Dr. Dr. Josef Salzgeber
Wir haben hier die Reaktionen auf drei verschiedene Fragen. Ganz
deutlich sind die Reaktionen hier beim Hautwiderstand bei der Frage eins
und bei der Frage zwei. Diese beiden sind wesentlich erhöhter als
dieser Ausschlag, der bei Frage drei zu sehen ist. Das bedeutet: Diese
Frage hatte mehr Bedeutung für den Probanden als diese Frage. Wenn
man genauer hinsieht, sieht man auch noch, daß die erste Frage auch
beim Blutdruck und beim Blutvolumen eine stärkere Reaktion ausgelöst
hat als bei Frage zwei, wo ein Abfall des Blutdrucks ersichtlich ist,
ebenso bei der Frage drei. Und wenn man noch genauer hinsieht, sieht man
bei der Atmung - hier sind es die beiden Abnehmer, einmal die Atmung am
Oberkörper, hier die Atmung am Bauch, auch hier sieht man eine steigende
Reaktion. Gleich nach der Frage war die Einatmungsbewegung relativ gering,
dann wird sie wesentlich höher. Das heißt er hat hier fast
die Luft angehalten, während wir hier sehen, daß er sofort
bei der Beantwortung durchgeatmet hat. Auch hier sieht man sehr deutlich
die stärkere Reaktion als zum Beispiel bei dieser Frage oder bei
dieser."
Der Lügendetektor mißt also nicht die Wahrheit, sondern bestimmte
Körperreaktionen. Diese werden interpretieret. In den 80er Jahren
mußten sich in Amerika etwa eine Million Bürger jährlich
einem Test mit dem Lügendetektor unterziehen. Wer sich weigerte,
verlor seinen Job oder bekam erst gar keinen.
Erfunden wurde der Polygraph 1921 von dem Kanadischen Medizinstudenten
J.A. Larson. Bald darauf kam es zum ersten Einsatz in einem Strafprozeß.
In Deutschland findet der Lügendetektor, wenn es um den sexuellen
Mißbrauch bei Kindern geht, gelegentlich Anwendung. Väter,
die unter Verdacht stehen, lassen sich testen. Tendenz steigend.
Kann und darf man jeden testen, der sich zur Verfügung
stellt?
Dr. Dr. Josef Salzgeber
Wir testen nicht alle Personengruppen, dazu gehören Kinder,
dazu gehören Alkoholiker, Drogenabhängige, und psychisch kranke
Menschen. Zum Austricksen: Der Polygraph kann ausgetrickst werden - wie
jedes psychologische Untersuchungsverfahren. Aber die Person müßte
ganz genau wissen, wann die entscheidende Frage gestellt wird und das
ist doch recht unwahrscheinlich."
Lügendetektoren werden in vielen Ländern
der Welt eingesetzt, zum Beispiel in Israel, Japan, oder Rußland.
Auch in der Türkei. Scheinwerfer blenden. Der Fragesteller ist für
den Verdächtigten nicht sichtbar. Aufnahmen von 1990 zeigen, wie
Polizeischüler in der Türkei die Technik des Verhörens
lernen. Man übt den Gebrauch des Lügendetektors. Bilder eines
Propagandafilm sollen beweisen: Es gibt keine Folter in der Türkei.
Denn die Wahrheit könne man auch ohne körperliche Gewalt herausbekommen
- mit dem Lügendetektor.
Nicht nur wegen solcher Tatsachen steht der Lügendetektor in der
Kritik. Der Vorwurf der Gegner: Lügendetektoren sind zu ungenau.
Und: Es gibt Täter, die perfekt lügen, weil sie sich eine Geschichte
zurechtgelegt haben, an die sie selber glauben.
Gibt es also Möglichkeiten, Fehlerquellen auszuschließen?
Prof. Dr. Rainer Schandry, Institut für Psychologie,
Universität München
Da gibt es eine ganze Reihe von Ebenen. Eine Möglichkeit wäre,
daß man die Aktivität der Pupille genauer studiert, Eine andere
wäre, daß man die Aktivität der Herzens genauer untersucht.
Eine dritte, sehr wichtige wäre, die Prozesse im Hirn genauer zu
studieren, zum Beispiel Durchblutungsveränderungen im Gehirn oder
auch Stoffwechselveränderungen im Gehirn."
Die Überlegung ist folgende: Ob ein Befragter
täuscht oder nicht - das läßt sich doch auch dort messen,
wo die Lüge entsteht, an der Großhirnrinde selbst. Neue Forschungsergebnisse
aus den USA belegen: Die Informationsverarbeitung des Gehirns läuft
beim bewußten Lügen anders ab. Wird der Lügendetektor
der Zukunft solche Computertomographien liefern?
Fest steht: Der Einsatz von Hightech bei der Suche nach der Wahrheit führt
zu immer besseren Ergebnissen. Fest steht aber auch - es kann mehrere
Wahrheiten" geben. Auf die Perspektive kommt es an. Wer den
Detektortest besteht, ist vom Tatverdacht erst einmal befreit.
Wer hingegen durchfällt, bleibt weiterhin unter Verdacht, ist aber
noch längst nicht überführt.
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