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Archimède 28. September 1999
 

Wie der Golfstrom das Klima verschiebt

Kontakt:
Prof. Svein Østerhus
Universität Bergen
Geophysikalisches Institut
N - 5009 Bergen
Tel.: (+ 47) 5558 2607
e-mail: svein.osterhus@gfi.uib.no

Die Arktis - ewiges Eis. Das weiße Paradies. Eine der empfindlichsten Klimazonen der Erde. Zielgebiet zahlreicher Expeditionen. Eine Welt voller bizarrer Wunder und Formen. Wer hier lebt, hat sich optimal an die Umwelt angepaßt - im ständigen Kampf um das Überleben. Und der wird hier immer härter.

Forscher zieht es in diese Gegend. Sie interessieren sich für die Ursachen der Temperaturschwankungen, die in den letzten Jahren immer wieder gemessen wurden.
Die untersucht auch Svein Österhus vom Geophysischen Institut der Universität Bergen in Norwegen. Er hat schon viele Expeditionen ins Nordmeer, die Arktis und die Antarktis unternommen. Viele Forscher sagen für Nordeuropa eine Klimaerwärmung voraus. Anders Prof. Österhus. Er fand Belege dafür, dass es im Norden künftig deutlich kälter wird, weil das Meer sich abkühlt.

Die Voraussetzungen für diese Forschung wurden an der Universität Bergen geschaffen. Hier entwickelte Svein Österhus spezielle Sonden mit sehr empfindlichen Sensoren.
Sie sind kompakt konstruiert und sehr stabil, damit sie in einer Tiefe von 2000 Metern immer noch fehlerfrei messen.
Insgesamt hat Svein Österhus mittlerweile über 140 solcher Sonden entwickelt, die zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten der Welt zum Einsatz kommen.
Mit dem Forschungsboot der Universität kontrolliert er in regelmäßigen Abständen das Wasser vor der norwegischen Küste:

Svein Österhus, Universität Bergen, Norwegen
Die Meßinstrumente werden ins Wasser gelassen. Sie zeigen uns die Temperaturkurve und den Salzgehalt. Das sind Informationen, die wir zur Untersuchung des Ozeans benötigen.

Die neuesten Daten werden in den Computer eingelesen und ausgewertet. Das Ergebnis bestätigt auch die vorherigen Messungen: Die Temperatur des norwegischen Meeres sinkt, die des arktischen Meeres ist um 1 Grad gestiegen. Das hört sich zwar unspektakulär an, ist aber scheinbar das erste Zeichen eines klimatischen Prozesses, der in Zukunft enorme Auswirkungen nicht nur auf diese Gegend haben könnte.
Grund dafür ist der Golfstrom. Er ist quasi das Herz der Weltmeere. Er transportiert kaltes, frisches Wasser von den Polen in die Ozeane. In den wärmeren Regionen wird das Wasser aufgeheizt und sorgt so für warmes Klima im Ostatlantik- und Nordmeerraum. Auf dem Weg zurück in die Arktis verliert der Golfstrom immer mehr Wärme, bis er in der Antarktis wieder frisches, kaltes Wasser tanken kann. Vor die Küste Norwegens bringt er warmes Wasser, ohne das Norwegen vereisen würde.

Svein Österhus kann mit seinen Messungen nachweisen, dass der Golfstrom in den letzten Jahren vor der Küste Norwegens um die Hälfte schmaler geworden ist. Das bedeutet, dass er weniger warmes Wasser an Norwegen heran transportiert als früher.
Die Vermutung, dass der Mensch diese Veränderung beeinflusst hat, ist noch nicht vom Tisch. Schon kleinste Schwankungen im Weltklima können sich negativ auf den Golfstrom auswirken. Gerade Verbrennungsmotoren in Kraftfahrzeugen und Schnellbooten geben große Mengen Schwefel- und Kohlendioxid an die Umwelt ab. Sie sind in erheblichem Maße für den Treibhauseffekt verantwortlich.

Erste Anzeichen spüren die einheimischen Fischer: Die Bestände einiger Fischarten sind bereits stark zurückgegangen, weil deren Grundnahrung, das Plankton, nicht in kaltem Wasser wächst. Vor allem Lachs und Hering wandern in wärmere Gebiete ab. Lachsfarmen sollen jetzt einen Teil des Bedarfs an Frischfisch decken. Die Betriebskosten sind jedoch enorm. Ein großer Teil der Fischer, die ausschließlich vom Fischfang leben, sind in ihrer Existenz bedroht, viele sind bereits arbeitslos. Fisch ist in Skandinavien Grundnahrungsmittel und eine Delikatesse zugleich. Aber schon jetzt ist er so rar geworden, dass er hier in Norwegen bedeutend teurer ist als in anderen Teilen Europas – und das in einem Land, das eigentlich nicht auf Fischimporte angewiesen sein sollte.

Neben dem Verlust der Fischgebiete werden die Norweger - nach Berechnungen von Professor Svein Österhus - künftig auch mit sinkenden Temperaturen, besonders in Küstennähe, leben müssen. Der Grund: Große Mengen des warmen Wassers des Golfstromes kommen nicht mehr bei Norwegen an, sondern verlagern sich nach Grönland. Dieser Teil der Erde reagiert aber besonders empfindlich auf kleinste Temperaturschwankungen. Deshalb hat das warme Golfstromwasser in Grönland schon in den letzten Jahren bereits große Mengen Eis abgeschmolzen und wird noch mehr abschmelzen. Dies hätte eine Erhöhung des Wasserspiegels auf der ganzen Welt zur Folge. Überall wären dann – auf lange Sicht - ganze Küstenstriche dem Untergang geweiht. Die Auswirkungen wären weltweit, auch in Deutschland und Frankreich, zu spüren.

Die norwegischen Forscher um Svein Österhus entdeckten bei Bohrungen durch die Filchner-Ronne-Eisplatte in der Antarktik jetzt erstmals eine enorm starke Unterwasserströmung. Die versorgt den Golfstrom mit kaltem Wasser.

Svein Österhus
Wir haben dort ein Loch durch die Eisplatte gebohrt. Die Eisplatte ist der Teil der Eiskappe, der auf dem Wasser schwimmt. Unter dieser 1000 Meter dicken Platte, konnten wir einen sehr kalten und starken Wasserstrom messen – minus 2,5 Grad. Und dieser Strom fließt von der Eisplatte hin zum Ozean, senkt sich zu Boden ab und bildet eine Schicht, die den ganzen Meeresgrund bedeckt - Eine Schicht aus kaltem, frischem Wasser.

Die Erkenntnisse aus diesen Bohrungen sind neu und unerwartet: Eine Erwärmung des Wassers an den Polen läßt anscheinend nicht nur Gletscher schmelzen, sondern scheint auch den Golfstrom zu beeinflussen. In der Folge würde dieser die Meere mit immer weniger kaltem Wasser versorgen. Die Meere würden sich aufheizen - stärker als je zuvor. Es käme zu einer globalen Klimaveränderung mit Wirbelstürmen und Unwettern.

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E