 |
|
Porträt:
Paul Sereno, Saurierforscher
Kontakt:
Prof. Paul Sereno
University of Chicago
Department of Organismal Biology & Anatomy
A 405, 4-0534, USA
Tel.: 00-1-773-702-8115
Fax: 00-1-773-4-0545
e-mail: dinosaur@uchicago.edu
Der amerikanische
Professor Paul Sereno sucht weltweit nach Knochen von Dinosauriern. Seit
15 Jahren gräbt er in der Mongolei, in den Anden und in der Sahara
nach Saurier-Knochen.
Der Job hat ihm schon
ungewöhnliche Ehre eingebracht: So sieht die US-Zeitschrift Esquire"
in ihm eine der 100 herausragenden Persönlichkeiten".
Wegen seiner nimmermüden Abenteuerlust, auch in Kriegsgebieten Grabungen
zu organisieren und sich und seinem Team Tagesmärsche von 40 Kilometern
in der Sahara abzuverlangen, wird er unter Kollegen auch Indiana
Jones der Paläontologie" genannt.
Von der letzten Ausgrabung hat er mit seinem Team über 20 Tonnen
Saurierknochen, in Kisten verpackt, nach Chicago gebracht. Dort lehrt
und forscht Paul Sereno als Professor an der Universität. Es
war eine ergiebige Fundstelle in der Sahara auf die sie gestoßen
waren. Sie entdeckten dort ein besonderes Exemplar: das komplett erhaltene
Skelett eines Jungsauriers, das neben dem seiner Mutter begraben lag.
Der Fund ist deswegen so kostbar, weil die Knochen meistens weit verstreut
liegen.
Paul Sereno, University of Chicago:
Wir haben den Hals des Jungtiers gefunden, es ist nur halb so groß
wie ein ausgewachsenes Exemplar. Hals und Schädel lagen dicht beisammen,
nur die ersten drei Wirbel fehlten. Wir fanden auch die beiden Rückenwirbel.
Der Rest des Halses zeigte nach hinten zum Rücken hin. Die Knochen
lagen alle exakt in der richtigen Position, es muss also ein vollständiger
Kadaver mit Muskeln gewesen sein als er begraben wurde.
Im Moment sind wir in der ersten Phase, in der das Tier gereinigt wird.
Wir lösen den Schutzmantel aus Gips, der bei der Grabung angelegt
wurde. Wir verwenden viele Gipsschichten und Leinengewebe, in diesem Fall
über 20 Schichten, um den Fund am Stück herzubringen. Alles
ist sehr zerbrechlich. Wir öffnen den Gipsmantel, packen alles vorsichtig
aus und beginnen dann, den Fund zentimeterweise mit verschiedenen Werkzeugen
zu bearbeiten. An einem großen Block wie in unserem Fall arbeiten
mehrere Leute wahrscheinlich ein bis zwei Monate lang, bis alles freigelegt
ist. Das ist ein gutes Stück Arbeit, mit all den Rippen an der Seite.
Seit über 15 Jahren gräbt Paul Sereno in der Mongolei, in den
Anden und in der Sahara nach Saurierknochen. Wenn die Funde nach den Ausgrabungen
und nach dem Transport um die halbe Welt in seinem Labor angekommen sind,
geht die eigentliche Arbeit los. Die Knochen sind Unikate, deshalb wird
von jedem einzelnen Stück ein Abdruck angefertigt und eine originalgetreue
Kopie aus Kunststoff gegossen, mit der die Forscher weiterarbeiten können.
Einem riesigen, dreidimensionalen Puzzle-Spiel gleicht die Aufgabe der
Paläontologen, die Einzelteile richtig zusammenzusetzen. Nach der
Konservierung der Funde ist die Interpretation der Knochenstücke
der schwierigste Teil. Wird ein Knochen falsch zugeordnet, stimmt das
ganze Skelett nicht.
Paul Sereno:
Was wir im Labor sahen, ist die Kombination jahrelanger Arbeit. Zuerst
mussten die über 130 Millionen Jahre alten Fundstellen lokalisiert
werden, wo die Knochen des sehr großen und bis jetzt noch unbekannten
Tieres lagen. Wir sammelten sie während zweier Expeditionen - die
letzte war 1997 - und brachten alles ins Labor. Jetzt sehen wir erste
Ergebnisse. Viele Knochen wurden präpariert, wir machen Abdrücke
und vielleicht schaffen wir es, den Saurier zusammenzusetzen und ihm einen
Namen zu geben.
Das Beeindruckendste an Sauriern ist ihre Größe im Vergleich
zu Säugetieren. Sereno sieht darin eine Ursache für ihre Sonderstellung
in der Evolution.
Paul Sereno
Wenn man Saurier über den gesamten aufgezeichneten Zeitraum von 115
Millionen Jahren untersucht, stellt man einige Dinge fest, die außergewöhnlich
erscheinen im Vergleich zu ihren Nachfahren, den Ursäugern. Beispielweise
waren die Saurier zu Beginn ihrer Entwicklung größer, ungefähr
einen Meter. Und sie wurden immer größer. Das scheint die Zahl
der Nischen, in die sie vordrangen, begrenzt zu haben. Wir finden beispielsweise
keine Formen, die im Wasser lebten und die Ozeane besiedelten, oder solche,
die auf Bäume kletterten oder unterirdisch lebten. Nur Säugetiere
entwickelten sich in diese Richtungen, mache waren gleich groß wie
die Saurier. Ich suche immer noch nach dem Grund dafür. Ich denke,
dass die ursprüngliche Größe von ungefähr einem Meter
und das Gewicht von 10-12 Kilogramm einen großen Einfluss auf ihre
Entwicklung hatten.
Nicht nur die Entwicklung
der ausgestorbenen Riesenechsen liegt Sereno am Herzen, er kümmert
sich auch um den Forschernachwuchs.Junior Paleontologists"
nennt er seine regelmäßige Veranstaltung, bei der er Jugendlichen
seine Disziplin näherbringen und in die Besonderheiten der Saurierforschung
einweihen will. Sereno will die Paläontologie von ihrem muffigen
Museums-Image befreien. Dem Nachwuchs zeigt er, dass Paläontologie
spannend wie eine Detektivgeschichte sein kann. Es muss nicht immer glühende
Begeisterung für Dinos sein, was einen Forscher zu seinem Fachgebiet
lenkt, es kann auch, wie bei Sereno, eher der Zufall sein.
Paul Sereno
Anfangs dachte ich nicht, dass ich für den Rest meines Lebens an
Sauriern forschen würde. Ich kam erst spät dazu. Als Kind faszinierten
mich Saurier nicht besonders. Ich interessierte mich für so ziemlich
alles, vor allem aber für Käfer und fürs Zeichnen. Erst
als Student auf der Suche nach einem Thema für meine Doktorarbeit
kam ich dazu. Ich arbeitete an verschiedenen Themen, an der Abstammung
der Wale. Und dann stieß ich auf Dinosaurier. Niemand hatte diese
Gruppe so richtig ernst genommen. Aber sie repräsentieren eine riesige
Zeitspanne eines sehr interessanten Teils der Erdgeschichte, als die Kontinente
auseinanderdrifteten. Wir haben nur eine vage Vorstellung von der Evolution
dieser Tiergruppe, weil sie niemand wirklich ernsthaft untersucht hat.
Dafür muss man um die Welt reisen, moderne Methoden benutzen und
vielleicht auch selbst welche erfinden, wenn man genau herausfinden will,
was damals geschah und was dies über die Evolution aussagen kann.
Dabei merken wir immer mehr, dass der Mensch nur eine Laune der Natur
ist. Wir sind der letzte Zweig eines sehr langen Astes, der sich nie ausgebildet
hätte. Wir sind eine Kombination zufälliger Ereignisse und sind
noch nicht lange hier, erst seit 300 000 Jahren. Dinosaurier als Gruppe
existierten 150 Millionen Jahre lang. Dass nach uns nochmal etwas menschenähnliches
existiert, ist für mich nicht möglich. Wenn wir diesbezüglich
die Geschichte betrachten, bekommen wir einen Ausblick auf die Evolution
des Menschen. Wir sind wie viele andere Arten auch lediglich ein Unfall
der Geschichte. Der Mensch steht nicht im Zentrum der Evolution.
Mit einer ungewöhnlichen Aktion will Paul Sereno auf seine Arbeit
aufmerksam machen und in Chicago Spenden für die teure Rekonstruktion
seines letzten Saurierfundes sammeln: Er will beim nächsten Stadtmarathon
mitlaufen. Zwar hat er noch nie die 42 Kilometer am Stück geschafft.
Dennoch, abgehärtet durch die Grabungen, ist er zuversichtlich
Paul Sereno
Man muss sich vorstellen, dass wir die Teile dieses riesigen Tieres, das
wir jetzt rekonstruieren, vor anderthalb Jahren gesammelt haben. Das waren
fast 25 Tonnen Material, das wir mitten aus der Wüste rausholten.
Das war sieben Jahre, nachdem ich es zum ersten Mal sah. Seit 10 Jahren
denke ich also schon an dieses Tier. Einen Marathon zu laufen wird dagegen
nicht so schwierig sein.
Auch Serenos Tag hat nur 24 Stunden. Bleibt da noch Zeit für Hobbies?
Paul Sereno
Es war mir immer peinlich, wenn mich jemand fragte, was ich denn in meiner
Freizeit mache, weil ich dachte, man müsse Dinge auch mal zeitweise
komplett beiseite schieben können. Aber mir gelang es immer, alle
meine Hobbies in Verbindung mit diesem Tier zu bringen, was immer ich
auch gerade machte, ob ich nun laufe, zeichne, oder Skulpturen forme.
Das bedeutet für mich Entspannung, wenn ich mich von der wissenschaftlichen
Arbeit im Labor abwende und einen Knochen forme. Das ist ein erhebendes
Gefühl. Deshalb sind für mich meine Hobbies auch ein Teil meiner
Arbeit, das ist für mich ein aufregender Luxus.
Wenn das Chicagoer Naturkundemuseum ein Saurierskelett mehr hat, werden
wir es wissen: Paul Sereno hat den Marathon geschafft.
|