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Archimède  28. September 1999
 

Porträt: Paul Sereno, Saurierforscher

Kontakt:
Prof. Paul Sereno
University of Chicago
Department of Organismal Biology & Anatomy
A 405, 4-0534, USA
Tel.: 00-1-773-702-8115
Fax: 00-1-773-4-0545
e-mail: dinosaur@uchicago.edu

Der amerikanische Professor Paul Sereno sucht weltweit nach Knochen von Dinosauriern. Seit 15 Jahren gräbt er in der Mongolei, in den Anden und in der Sahara nach Saurier-Knochen.

Der Job hat ihm schon ungewöhnliche Ehre eingebracht: So sieht die US-Zeitschrift „Esquire" in ihm eine der „100 herausragenden Persönlichkeiten". Wegen seiner nimmermüden Abenteuerlust, auch in Kriegsgebieten Grabungen zu organisieren und sich und seinem Team Tagesmärsche von 40 Kilometern in der Sahara abzuverlangen, wird er unter Kollegen auch „Indiana Jones der Paläontologie" genannt.

Von der letzten Ausgrabung hat er mit seinem Team über 20 Tonnen Saurierknochen, in Kisten verpackt, nach Chicago gebracht. Dort lehrt und forscht Paul Sereno als Professor an der Universität.
Es war eine ergiebige Fundstelle in der Sahara auf die sie gestoßen waren. Sie entdeckten dort ein besonderes Exemplar: das komplett erhaltene Skelett eines Jungsauriers, das neben dem seiner Mutter begraben lag. Der Fund ist deswegen so kostbar, weil die Knochen meistens weit verstreut liegen.

Paul Sereno, University of Chicago:
Wir haben den Hals des Jungtiers gefunden, es ist nur halb so groß wie ein ausgewachsenes Exemplar. Hals und Schädel lagen dicht beisammen, nur die ersten drei Wirbel fehlten. Wir fanden auch die beiden Rückenwirbel. Der Rest des Halses zeigte nach hinten zum Rücken hin. Die Knochen lagen alle exakt in der richtigen Position, es muss also ein vollständiger Kadaver mit Muskeln gewesen sein als er begraben wurde.
Im Moment sind wir in der ersten Phase, in der das Tier gereinigt wird. Wir lösen den Schutzmantel aus Gips, der bei der Grabung angelegt wurde. Wir verwenden viele Gipsschichten und Leinengewebe, in diesem Fall über 20 Schichten, um den Fund am Stück herzubringen. Alles ist sehr zerbrechlich. Wir öffnen den Gipsmantel, packen alles vorsichtig aus und beginnen dann, den Fund zentimeterweise mit verschiedenen Werkzeugen zu bearbeiten. An einem großen Block wie in unserem Fall arbeiten mehrere Leute wahrscheinlich ein bis zwei Monate lang, bis alles freigelegt ist. Das ist ein gutes Stück Arbeit, mit all den Rippen an der Seite.

Seit über 15 Jahren gräbt Paul Sereno in der Mongolei, in den Anden und in der Sahara nach Saurierknochen. Wenn die Funde nach den Ausgrabungen und nach dem Transport um die halbe Welt in seinem Labor angekommen sind, geht die eigentliche Arbeit los. Die Knochen sind Unikate, deshalb wird von jedem einzelnen Stück ein Abdruck angefertigt und eine originalgetreue Kopie aus Kunststoff gegossen, mit der die Forscher weiterarbeiten können. Einem riesigen, dreidimensionalen Puzzle-Spiel gleicht die Aufgabe der Paläontologen, die Einzelteile richtig zusammenzusetzen. Nach der Konservierung der Funde ist die Interpretation der Knochenstücke der schwierigste Teil. Wird ein Knochen falsch zugeordnet, stimmt das ganze Skelett nicht.

Paul Sereno:
Was wir im Labor sahen, ist die Kombination jahrelanger Arbeit. Zuerst mussten die über 130 Millionen Jahre alten Fundstellen lokalisiert werden, wo die Knochen des sehr großen und bis jetzt noch unbekannten Tieres lagen. Wir sammelten sie während zweier Expeditionen - die letzte war 1997 - und brachten alles ins Labor. Jetzt sehen wir erste Ergebnisse. Viele Knochen wurden präpariert, wir machen Abdrücke und vielleicht schaffen wir es, den Saurier zusammenzusetzen und ihm einen Namen zu geben.

Das Beeindruckendste an Sauriern ist ihre Größe im Vergleich zu Säugetieren. Sereno sieht darin eine Ursache für ihre Sonderstellung in der Evolution.

Paul Sereno
Wenn man Saurier über den gesamten aufgezeichneten Zeitraum von 115 Millionen Jahren untersucht, stellt man einige Dinge fest, die außergewöhnlich erscheinen im Vergleich zu ihren Nachfahren, den Ursäugern. Beispielweise waren die Saurier zu Beginn ihrer Entwicklung größer, ungefähr einen Meter. Und sie wurden immer größer. Das scheint die Zahl der Nischen, in die sie vordrangen, begrenzt zu haben. Wir finden beispielsweise keine Formen, die im Wasser lebten und die Ozeane besiedelten, oder solche, die auf Bäume kletterten oder unterirdisch lebten. Nur Säugetiere entwickelten sich in diese Richtungen, mache waren gleich groß wie die Saurier. Ich suche immer noch nach dem Grund dafür. Ich denke, dass die ursprüngliche Größe von ungefähr einem Meter und das Gewicht von 10-12 Kilogramm einen großen Einfluss auf ihre Entwicklung hatten.

Nicht nur die Entwicklung der ausgestorbenen Riesenechsen liegt Sereno am Herzen, er kümmert sich auch um den Forschernachwuchs.„Junior Paleontologists" nennt er seine regelmäßige Veranstaltung, bei der er Jugendlichen seine Disziplin näherbringen und in die Besonderheiten der Saurierforschung einweihen will. Sereno will die Paläontologie von ihrem muffigen Museums-Image befreien. Dem Nachwuchs zeigt er, dass Paläontologie spannend wie eine Detektivgeschichte sein kann. Es muss nicht immer glühende Begeisterung für Dinos sein, was einen Forscher zu seinem Fachgebiet lenkt, es kann auch, wie bei Sereno, eher der Zufall sein.

Paul Sereno
Anfangs dachte ich nicht, dass ich für den Rest meines Lebens an Sauriern forschen würde. Ich kam erst spät dazu. Als Kind faszinierten mich Saurier nicht besonders. Ich interessierte mich für so ziemlich alles, vor allem aber für Käfer und fürs Zeichnen. Erst als Student auf der Suche nach einem Thema für meine Doktorarbeit kam ich dazu. Ich arbeitete an verschiedenen Themen, an der Abstammung der Wale. Und dann stieß ich auf Dinosaurier. Niemand hatte diese Gruppe so richtig ernst genommen. Aber sie repräsentieren eine riesige Zeitspanne eines sehr interessanten Teils der Erdgeschichte, als die Kontinente auseinanderdrifteten. Wir haben nur eine vage Vorstellung von der Evolution dieser Tiergruppe, weil sie niemand wirklich ernsthaft untersucht hat. Dafür muss man um die Welt reisen, moderne Methoden benutzen und vielleicht auch selbst welche erfinden, wenn man genau herausfinden will, was damals geschah und was dies über die Evolution aussagen kann. Dabei merken wir immer mehr, dass der Mensch nur eine Laune der Natur ist. Wir sind der letzte Zweig eines sehr langen Astes, der sich nie ausgebildet hätte. Wir sind eine Kombination zufälliger Ereignisse und sind noch nicht lange hier, erst seit 300 000 Jahren. Dinosaurier als Gruppe existierten 150 Millionen Jahre lang. Dass nach uns nochmal etwas menschenähnliches existiert, ist für mich nicht möglich. Wenn wir diesbezüglich die Geschichte betrachten, bekommen wir einen Ausblick auf die Evolution des Menschen. Wir sind wie viele andere Arten auch lediglich ein Unfall der Geschichte. Der Mensch steht nicht im Zentrum der Evolution.

Mit einer ungewöhnlichen Aktion will Paul Sereno auf seine Arbeit aufmerksam machen und in Chicago Spenden für die teure Rekonstruktion seines letzten Saurierfundes sammeln: Er will beim nächsten Stadtmarathon mitlaufen. Zwar hat er noch nie die 42 Kilometer am Stück geschafft. Dennoch, abgehärtet durch die Grabungen, ist er zuversichtlich

Paul Sereno
Man muss sich vorstellen, dass wir die Teile dieses riesigen Tieres, das wir jetzt rekonstruieren, vor anderthalb Jahren gesammelt haben. Das waren fast 25 Tonnen Material, das wir mitten aus der Wüste rausholten. Das war sieben Jahre, nachdem ich es zum ersten Mal sah. Seit 10 Jahren denke ich also schon an dieses Tier. Einen Marathon zu laufen wird dagegen nicht so schwierig sein.

Auch Serenos Tag hat nur 24 Stunden. Bleibt da noch Zeit für Hobbies?

Paul Sereno
Es war mir immer peinlich, wenn mich jemand fragte, was ich denn in meiner Freizeit mache, weil ich dachte, man müsse Dinge auch mal zeitweise komplett beiseite schieben können. Aber mir gelang es immer, alle meine Hobbies in Verbindung mit diesem Tier zu bringen, was immer ich auch gerade machte, ob ich nun laufe, zeichne, oder Skulpturen forme. Das bedeutet für mich Entspannung, wenn ich mich von der wissenschaftlichen Arbeit im Labor abwende und einen Knochen forme. Das ist ein erhebendes Gefühl. Deshalb sind für mich meine Hobbies auch ein Teil meiner Arbeit, das ist für mich ein aufregender Luxus.

Wenn das Chicagoer Naturkundemuseum ein Saurierskelett mehr hat, werden wir es wissen: Paul Sereno hat den Marathon geschafft.

 

 

  © 1999 ARTE G.E.I.E