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Archimède 05. Oktober 1999
 

Wie tief sind die Alpen?

Die Erde bebt. Riesige Gewichte heben und senken sich, lassen den Untergrund erzittern. Messfahrzeuge klopfen mit den Gewichten zwischen den Rädern die Alpen ab: Wissenschaftler wollen die genauen Ausmaße der Alpen erkunden. Natürlich ist schon länger bekannt, wie hoch sie sind. Aber nicht wie tief. Wie weit reicht also die alpine Kruste in die Tiefe und welche Gesteinsstrukturen weist sie auf?

Und so funktioniert das Durchleuchten des alpinen Untergrunds: die schweren Autos erzeugen mit ihren Gewichten Druckwellen, die sich im Boden ausbreiten. Die Wellen werden an den verschiedenen Gesteinsschichten reflektiert und von bestimmten Sensoren wieder aufgefangen. Ähnlich wie bei einer ärztlichen Ultraschalluntersuchung ergeben diese reflektierten Wellen ein Abbild der durchlaufenen Materie.

Ab September vermessen Geophysiker aus München und Potsdam mit Kollegen aus den anderen Anrainerstaaten den Alpenhauptkamm. Es gibt aber schon ein Zwischenergebnis: demnach sind die Alpen wesentlich tiefer als hoch.

Prof. Dr. Helmut Gebrande, Institut für Allgemeine und Angewandte Geophysik, Universität München
"Das ist ähnlich wie bei einem Eisberg: da wissen Sie, dass 90% des Eisbergs unter Wasser ist, und nur etwa 10% herausragt. Das hängt mit dem Dichteunterschied zwischen Eis und Wasser zusammen. Und einen ähnlichen Dichteunterschied haben wir zwischen der Erdkruste, die zu den Alpen aufgefaltet ist, und dem Erdmantel, auf dem die Alpen so gewissermaßen schwimmen. Sie schwimmen nicht so ganz richtig, wie im Wasser, denn der Erdmantel ist ebenfalls fest, aber gesehen in Jahrmillionen ist er doch plastisch und verhält sich ähnlich wie eine Flüssigkeit."

Das Vermessen des alpinen Untergrunds ist in erster Linie Grundlagenforschung. Aber: die genaue Kenntnis des Aufbaus der Alpen wird die Suche nach Bodenschätzen wie etwa Erdöl erleichtern. Auch die Vorhersage von Erdbeben. Außerdem profitiert der Tunnelbau von der Forschung. Die großen Störungszonen im Untergrund werden bald bekannt sein und können umgangen werden. Die Messungen sind aber auch ein Blick in die Vergangenheit und die Zukunft. Die Forscher glauben zu wissen, wie die Alpen entstanden sind und wie sie sich weiterentwickeln werden. Wo heute Gipfel emporragen, gab es vor Millionen Jahren ein Meer. Doch dann kamen sich die beiden Platten, aus denen Europa und Afrika bestehen, aneinander näher.
Dabei wurde die Erdkruste zusammengestaucht und verfaltet: das Meer verschwand und ein Gebirge, die Alpen, entstand.
Nach der Kollision tauchte die europäische Platte ab. Afrika contra Europa: die Alpen sind also eine Art Knautschzone - die auch heute jedes Jahr 1 bis 2 Millimeter höher, allerdings auch schmaler wird.

Prof. Dr. Helmut Gebrande
"Wenn wir zum Beispiel die beiden Partnerstädte München und Verona nehmen, dann können wir heute sagen, und das ist durch geodätische, satellitengestützte Messungen bewiesen, sie nähren sich an, und zwar ungefähr 5 Millimeter pro Jahr."

Aber was passiert dann mit Österreich, wird Österreich kleiner?

Prof. Dr. Helmut Gebrande
"Ja, kann man nicht ganz ausschließen, aber ob das wirklich mal bedeutsame Ausmaße annehmen wird, das können wir nicht prognostizieren. Wir kennen den momentanen Zustand, und die 5 Millimeter pro Jahr werden Österreich sicher nicht weh tun. Ob dieser Prozess noch viele Millionen Jahre anhält, und dann natürlich zu größeren Verschluckungen führt, das können wir nicht so ohne weiteres vorhersagen."

Eines gilt aber als ziemlich sicher: Dieser Knautsch-Prozeß und damit auch das Wachstum der Alpen werden schwächer. Die Folge: Wind und Wetter überwiegen. Sie werden die Alpen abtragen. Weg mit den Alpen - freie Sicht zum Mittelmeer: In etwa 100.000 Jahren - so die Geophysiker - wird der flapsige Spruch fast Wirklichkeit werden. Die Alpen sind dann ein Mittelgebirge wie etwa der Bayerische Wald.In geologischen Zeiträumen betrachtet, waren die Alpen dann nur ein kurzes Intermezzo. Diese Ergebnisse sind noch nicht gesichert. Erst Ende September liegen alle Meßdaten vor - nachdem ein Bandwurm aus Stahl über den Alpenhauptkamm gekrochen ist und die Erde erbeben läßt .

  © 1999 ARTE G.E.I.E