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Archimède

 01. August 2000

 

Porträt: André Nel

"Mein Name ist André Nel, ich bin Paleoentomologe im Nationalen Naturgeschichtlichen Museum von Paris."

"Ein Paleoentomologe beschäftigt sich mit fossilen Insekten.
Mein Vorgänger hier am Museum war Professor Brongniart - das war in der Zeit von 1880 bis 1890. Es findet sich also wohl nur alle 100 Jahre ein Forscher in Frankreich, der sich mit diesem Thema befasst. Glücklicherweise gibt es weltweit aber mehr Wissenschaftler auf dem Gebiet der fossilen Insekten, es mögen so um die 100 sein. Eigentlich haben mich Insekten und die Naturwissenschaften schon mit neun oder zehn Jahren fasziniert, also schon vor recht langer Zeit. Zuerst habe ich Insekten gesammelt, die heutzutage existieren, aber mir gefiel es nicht, dass ich die Tiere dazu töten mußte. 1980 hat mich dann ein Freund zu einer Fossiliengrube mitgenommen, wo ich eine versteinerte Libelle fand. Schließlich stellte sich heraus, dass sie einer noch nicht entdeckten Art angehörte, und ich sagte mir, die sind ja schon tot, also ist es nicht so schlimm, wenn ich sie mitnehme und näher untersuche.

Das Studium fossiler Insekten mag ein wenig kindisch erscheinen, schließlich handelt es sich um sehr kleine, nicht besonders interessante Tiere. Aber tatsächlich stellen Insekten 80% der Artenvielfalt dar, das heißt 80% der Organismen, die heutzutage auf der Erde existieren, sind Insekten. Und das war im Karbonzeitalter - also vor 300 Millionen Jahren - auch schon so. Die Insekten außer acht zu lassen, würde demnach bedeuten, 80% der paläontologischen Informationen zu vernachlässigen.!

Die geschichtliche Entwicklung der Insekten und Wirbeltiere verläuft parallel, und zwar in dem Sinne, dass sie ungefähr zur gleichen Zeit im Devon auftauchten und dann im Laufe der Evolution ihre jeweiligen Arten hervorbrachten. In der Zeit der Dinosaurier sahen die Wirbeltiere gänzlich anders aus als heute, aber die ersten Insekten gehörten teilweise schon Artenfamilien oder sogar Gattungen an, wie sie heutzutage existieren. Man würde sich beim Anblick einer 10 Millionen Jahre alten Libelle nicht wie auf einem anderen Stern fühlen; begegnete man hier in Frankreich aber einem der hüpfenden Säugetiere aus jener Zeit, wäre man schon etwas irritiert. Fossile Insekten finden sich entweder in Bernstein - eingeschlossen in uralten, versteinerten Harzen - in sandigen Ablagerungen, die ehemals mit Wasser bedeckt waren, aber auch in Kalk- oder Tongestein. Der große Vorteil ist, dass man in solchen Fossiliengruben Hunderte, ja sogar Tausende verschiedener Arten Insekten entdecken kann. Das kommt sehr häufig vor, und außerdem sind die Fossilien oft in einem ausgezeichneten Zustand, anders als bei den Wirbel- oder Säugetieren und versteinerten Dinosauriern, von denen oft nur Knochenteile, der Kiefer und die Zähne übrigbleiben. Nur sehr selten - eigentlich fast nie - entdeckt man Häute, Teile des Fells oder Federn. Allgemein wird angenommen, dass es nur sehr wenige Fossiliengruben gibt, aber das stimmt nicht, in Wirklichkeit sind solche Fundstätten weit verbreitet. Man muss sie einfach nur entdecken. In Frankreich könnte ich Ihnen ungefähr 50 Orte nennen, an denen man fossile Insekten finden kann, und zwar in großer Zahl. Und dabei ist Frankreich ein kleines Land. Fünfzig solcher Fossiliengruben sind für seine Größe recht beachtlich. Aber in anderen Regionen der Welt wie beispielsweise in Sibirien oder Nordamerika gibt es Hunderte von Orten, an denen man fossile Insekten entdecken kann. Diese Fundstätten sind oft sehr ergiebig, weil dort bisher eigentlich niemand an Ausgrabungsarbeiten interessiert war.
Außer dem wissenschaftlichen Interesse für fossile Insekten gibt es aber auch noch andere Aspekte, die man nicht vergessen sollte. Da ist zunächst einmal die Schönheit dieser Objekte, die oft wirklich phantastisch sind. Die Vorstellung, dass aus diesen zerbrechlichen Tieren fossile Zeugen der Zeit werden, ist schon faszinierend. Manchmal handelt es sich um sehr, sehr alte Insekten, die sich über einen Zeitraum von Zehntausenden, ja sogar Hunderttausenden von Jahren gut erhalten haben. Dank dieser Tiere unternehmen wir Reisen durch Raum und Zeit, denn man kann fossile Insektenarten entdecken, die es heute nur noch im indo-malaisischen Raum, in Australien oder Südamerika gibt. So kann man in Frankreich oder in Europa Tiere bestaunen, die es in unseren Breiten überhaupt nicht mehr gibt. Es ist ein wenig so, als würde man einen fremden Planeten entdecken. Eine Reise zum Mars."

In der nächsten Woche, am 9. November, trifft sich Archimedes noch einmal mit André Nel, dieses Mal vor Ort, um sich auf die Suche nach in Bernstein eingeschlossenen fossilen Insekten zu machen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E