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Archimède

 01. August 2000

 

Praxis: Mikroalgen

Claude Gudin ist Biologe. Seine Studien widmet er mikroskopisch kleinen Pflanzen, die bisher wenig erforscht sind: den Mikroalgen.

Claude Gudin
"Mikroalgen finden sich überall, und sobald die äußeren Bedingungen günstig sind - das heißt, sobald sowohl viel Feuchtigkeit als auch genügend Licht vorhanden sind - zeigt sich diese Welt und wird für unser Auge sichtbar. Von Zeit zu Zeit wird man sich dann der Tatsache bewusst, wie gewaltig diese unsichtbare mikroskopisch kleine Welt in Wirklichkeit ist."

Mikroalgen verfügen in der Tat über eine riesige Farbpalette. Aber hinter ihren schönen Farben verbergen sich möglicherweise Substanzen, aus denen in Zukunft Medikamente entwickelt werden können.

Claude Gudin
"Nehmen wir das Wunder des sogenannten Blutregens, der seinen Namen ganz zurecht trägt: In Wirklichkeit handelt es sich aber nur um eine weitere spezielle Mikroalgenart, mit der die Natur unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Wenn nach einem schönen, sonnigen Tag starke Gewitterregen niedergehen, beginnen sich die wenigen Haematococcus pluvialis in Wasserbecken stark zu vermehren. Wenn man mit dem Finger darüber fährt, erhält man eine Art "blutigen" Abstich, dessen leicht ölige Struktur in der Tat sehr an Blut erinnert. Ein Carotinoid namens Astaxanthin ist für die Farbe des 'Haematococcus pluvialis' verantwortlich."

Mikroalgen sind so alt wie die Welt. Sie besiedeln unseren Planeten seit 3/1 Milliarden Jahren. Claude Gudin hat die wichtigsten und seltensten Exemplare gesammelt, um ihre Züchtung zu erleichtern. In den Räumen der Pharmazeutischen Gesellschaft Thallia in Tarbes bewahrt er seine Schätze auf.

Claude Gudin
"Herzlich willkommen in meinem geheimen Garten. Man kann schon von einem Garten sprechen, denn hier bewahre ich meine Sammlung von Mikroalgen auf. Man muss wissen, dass es in der Natur etwa 30.000 verschiedene Arten Mikroalgen und Cyanobakterien gibt. Ungefähr 500 davon haben wir hier zusammengetragen. Wenn wir die einzelnen Gattungen miteinander klonen, kommen wir immerhin auf etwa 7000 Kulturen; das ist schon eine ganz beträchtliche Sammlung.
Das hier ist ein richtiger botanischer Garten, denn Algen und Cyanobakterien sind pflanzliche Mikroorganismen, die man entweder in Röhrchen oder als Gelose in Flakons aufbewahrt. Natürlich werden sie auf ihrem Nährboden regelmäßig pikiert - wie alle Kleinpflanzen - damit sie nicht absterben. Und selbstverständlich geschieht dies äußerst sorgfältig unter mikrobiologisch einwandfreien Bedingungen, damit die Kulturen so rein wie irgend möglich bleiben.
Wozu soll diese Sammlung nun dienen? Am besten ist sie wohl mit den Andalusischen Gärten vergleichbar, in denen vor 1000 Jahren medizinische Heilpflanzen gezüchtet wurden. Und tatsächlich haben auch wir ein neues Herbarium entdeckt, aus dem wir schöpfen wollen; in diesem Falle besteht es aus Mikroalgen. Vielleicht sind in diesen Mikroorganismen Aktivstoffe nachweisbar, die zur Herstellung neuer Medikamente genutzt werden können.

Als erstes zeige ich Ihnen eine Blutalge. Wie sie sehen, ist sie imstande, mit ihren beiden Geißeln in der Nährlösung zu schwimmen. Außerdem sieht man deutlich, dass es sich eigentlich um eine grüne Zelle handelt. In der Mitte taucht zwar ein kleiner roter Punkt auf, alles in allem aber ist die Zelle grün. Diese Alge ist im Grunde genommen also eine Grünalge, die allerdings sehr empfindlich auf ein Übermaß an Licht reagiert. Um das anfällige, lichtempfindliche Chlorophyll in ihrer Zelle zu schützen, schafft sie sich eine Art Sonnenbrille oder Sonnenfilter, denn wenn das Wasser nach und nach verdampft, ist sie einer immer stärkeren Lichteinstrahlung ausgesetzt. Zu diesem Zweck produziert die Alge einen roten Farbstoff - ein Carotinoid - so dass ihre Farbe von Grün nach Rot wechselt und sich die Zelle in eine regelrechte "Blutlache" verwandelt.

In dem Präparat, das ich im Augenblick untersuche - es handelt sich um ein sogenanntes Chlamydomonas - sind kleine eiförmige Zellen auszumachen. Das Außergewöhnliche an dieser Mikroalge aber ist, dass sich am Ansatz ihrer Geißeln ein kleines rotes Auge befindet, das man bei starker Vergrößerung gut erkennen kann. Dieses Auge nennt man Stigma. Besonders aufregend an der Sache ist, dass dieses Auge chemisch betrachtet aus einem Carotinoid namens Rhodopsin besteht. Mit genau diesem Carotinoid ist aber auch unsere Netzhaut ausgekleidet, die ja sozusagen den lichtempfindlichen Teil unseres Auges darstellt. Sie ist eine Art Empfänger, mit dessen Hilfe wir überhaupt in der Lage sind, uns in diesem Augenblick gegenseitig zu sehen und mehr oder weniger ein Bild abzuspeichern. Wenn ich also nun in dieses Mikroskop schaue und dort unten - am Ansatz der Geißeln - das kleine rote Auge betrachte, stellt sich mir die berechtigte Frage: Wer schaut hier eigentlich wen an? Auf dem kurzen Weg von einigen Dezimetern liegen in Wirklichkeit zwei bis drei Milliarden Jahre. Ein geradezu unglaublicher Zeitraffereffekt, und darin liegt auch die Faszination dieser Welt der Mikroalgen.

Meine Lieblingsalge habe ich mir allerdings bis zum Schluss aufgehoben. Auf das Studium ihrer Zellstrukturen habe ich praktisch 20 Jahre meines Lebens verwandt. Diese Mikroalge heißt Porphyridium cruentum, es ist eine kleine Rhodophyta von nur 20 Mikrometern Durchmesser - also 20 Tausendstel Millimeter. Sie ist wunderschön. In einem Porphyridium cruentum findet sich ein weiterer Farbstoff des Typs Carotinoid, der ganz außerordentlich wertvoll ist.
Es handelt sich um Zeaxanthin - ein orangegelber Farbstoff. Warum ist dieses Zeaxanthin nun so interessant? Auch hierbei geht es wieder um unser Auge. Für das farbliche Sehen benötigt es zwei Substanzen, nämlich Lutein und Zeaxanthin. Wenn der Mensch älter wird, kommt es durch einen Mangel an Zeaxanthin bisweilen zu einer Makuladegeneration der Netzhaut, die einen fortschreitenden Verlust des Augenlichts nach sich zieht und sogar zur Blindheit führen kann. Eine zusätzliche Versorgung des Auges mit Zeaxanthin, könnte den Krankheitsverlauf möglicherweise verlangsamen."

Zur Herstellung eines Zeaxanthin-Konzentrats im industriellen Maßstab hat Claude Gudin ein Verfahren entwickelt, mit dem das Wachstum von Porphyridium cruentum optimiert werden kann:
In 550 Meter langen Röhren aus Plexiglas fließen 2.500 Liter mit Algen angereicherter Nährlösung, in der sich 25 kg dieser Mikroorganismen entwickeln. Das heißt: in jedem Milliliter dieser roten Suppe wachsen 10 Millionen Mikroalgen.

Claude Gudin
"In den Röhren wird so viel Sonne wie möglich eingefangen, denn für die Photosynthese benötigen die Mikroalgen sehr viel Licht. Bei der Photosynthese wird Kohlendioxyd gebunden und in lebende Materie verwandelt. Wir können hier sozusagen live einer solchen Photosynthese beiwohnen, und das ist schon eine ganz seltene und einzigartige Sache. Der weiße Schaum, der sich an den Röhren absetzt, entsteht dadurch, dass eine zähflüssige Substanz in die Biomasse abgesondert wird und dort in Verbindung mit dem Sauerstoff, der bei der Photosynthese entsteht, emulgiert.
Man sieht also das biologische Produkt der Photosynthese - die Biomasse, die lebende Materie - und gleichzeitig den Sauerstoff, der durch sie entstanden ist. Was man natürlich nicht erkennen kann, ist das Kohlendioxyd, das den Mikrokulturen beigemischt wird; es zersetzt sich.


Das Neuartige an diesem photochemischen Reaktor ist, dass kontinuierlich Biomasse produziert werden kann. Das bedeutet, man fügt ständig eine gewisse Menge flüssige Nährlösung hinzu, während gleichzeitig die entsprechende Menge an Biomasse in einen Sammelbottich abfließt. (...)
Von dort aus gelangt die Mischung in eine Zentrifuge, in der die Masse aus Mikroalgen von den restlichen Substanzen getrennt wird und dank eines speziellen Trockenverfahrens ein rotes Puder hergestellt wird, das ganz besonders reich an Zeaxanthin ist.
Der gesamte Prozess ist also relativ einfach. Weniger einfach hingegen ist die ständige Kontrolle aller Parameter, wie Temperatur, PH-Wert, Qualität der Mineralsalze und aller Zusatzprodukte, die Überprüfung des Endprodukts und der CO2-Zufuhr. Diese ganzen Werte werden registriert, bis man schließlich in der Lage ist, mikrobiologisch einwandfreie Kulturen mit einem kontrollierten Durchschnittsalter herzustellen."

Im Augenblick gibt dieses Verfahren nur einen Vorgeschmack auf die große Palette an pharmazeutischen Produkten, die auf diese Weise industriell hergestellt werden könnten. Noch steckt dieser Sektor in den Kinderschuhen, aber über eine solche Produktion von Biomasse wird es vielleicht möglich sein, alle verborgenen Wirkstoffe zu verwerten, die in den 30.000 verschiedenen Arten des Herbariums schlummern.

  © 1999 ARTE G.E.I.E