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Der aufrechte
Gang
Noé
Ich hab' da eine Frage: Anfangs - in der Prähistorie - gingen die
Menschen gebeugt. Warum ist es ihnen nicht in den Sinn gekommen, sich
aufzurichten? Konnten sie es nicht oder haben sie einfach nicht daran
gedacht?
Anne
Das ist eine hübsche Frage. Ich will versuchen, sie zu beantworten.
Nun, sie konnten es nicht, weil ihr Skelett damals noch etwas anders aussah
als unseres heute. Wenn ich dir zum Beispiel sagen würde, drehe deinen
Kopf ganz nach hinten - um 180° - ohne dein Becken zu verschieben,
könntest du das?
Noé
Nein, aber bei den Flamingos geht es...
Anne
Ja, genau! Du hast eben einen anderen Hals als ein Flamingo! Und die Australopithecinen
- die gebeugten Menschen, von denen du eben gesprochen hast - waren auch
noch keine richtigen Menschen. Sie hatten noch nicht genug Gehirn, um
denken zu können.
Noé
Sie haben fast ausgesehen wie Schimpansen!
Anne
Was ist denn deiner Meinung nach der Hauptunterschied zwischen einem Schimpansen
und einem Menschen?
Noé
Das Wichtigste ist das Gehirn. Menschen haben ein viel größeres
Gehirn als Schimpansen.
Anne
Völlig richtig! Denn die Wissenschaftler haben festgelegt, dass man
mindestens ein 650 cm3 großes Gehirn haben muß, um zu der
Spezies Mensch gerechnet zu werden. Weißt du eigentlich, wie groß
unser Gehirn heute ist?
Noé
Euh, nein...
Anne
1450 cm3. Das der ältesten Australopithecinen hatte nur ein Volumen
von ungefähr 450 cm3. Vor vier Millionen Jahren war es also etwa
so groß wie das Gehirn eines heutigen Schimpansen. Und mit so einem
kleinen Gehirn kann man nicht so intelligent sein wie ein Mensch.
Noé
Wenn man ihnen also die Frage stellen würde, wieviel ist eins und
eins - und nehmen wir mal an, sie könnten sprechen - würden
sie dann... sagen wir mal...antworten... 3240, anstatt 2? Meinst du es
so?
Anne
Nein. Das würde ja bedeuten, dass sie einen Fehler machten. Das ist
wieder etwas ganz anderes!
Noé
Ich würde gerne eines wissen: Anfangs waren die ersten
Australopithecinen mit den Affen befreundet. Aber warum haben sich die
Affen nicht weiterentwickelt und sind genauso intelligent geworden wie
die Menschen? Sie haben es nicht geschafft, sich Häuser zu bauen
wie wir oder sich das Fell zu rasieren..., solche Sachen eben. Warum haben
sich die Affen denn anders entwickelt als die Menschen?
Anne
Du wirst noch ein richtiger Affenspezialist, wenn das so weiter geht!
Die Tatsache, dass der Mensch aufrecht auf zwei Beinen gehen kann, der
Schimpanse aber nicht, liegt einfach daran, dass sich beide völlig
unterschiedlich entwickelt haben. Wir kommen immer wieder auf diesen
Punkt zurück: Der Schimpanse kann sich eben nicht gerade aufrecht
halten!
Noé
Aber sich aufrecht halten, reicht nicht. Ich habe eine Katze, und wenn
ich ihr ein Stückchen Fleisch hinhalte, schafft sie es, Männchen
zu machen wie ein Hund. Aber sprechen kann sie deswegen noch lange nicht.
Anne
Nein, das ist klar.
Der Schädel deiner Katze sitzt nämlich ganz anderes auf der
Wirbelsäule als unserer. Ihr Schädel liegt nämlich in der
Verlängerung der Wirbelsäule... Das
kann man in etwa mit einer Haarbürste und einem Besen vergleichen.
Bei beiden könnte man sagen, der Stiel ist der Körper und die
Bürste der Kopf. Bei dem einen liegt der Kopf in der Verlängerung
der Wirbelsäule: Das ist die Katze; bei dem anderen sitzt er im rechten
Winkel darauf: Das ist der Mensch. Und diese Kopfposition ist die Voraussetzung
für eine ganz wichtige Sache - die Entwicklung des Kehlkopfes. Der
Kehlkopf ist das eigentliche Sprechorgan.
Noé
Die Natur hat uns die Sprache gegeben, den Tieren aber nicht, außer
einem einzigen: dem Papagei. Alle Tiere versuchen zu sprechen, aber sie
schaffen es nicht. Deshalb schreien sie nur. Zum Beispiel: "Hallo
Schätzchen!"
Anne
Ich habe einen Schimpansen aber noch nicht oft "Hallo Schätzchen"
rufen hören, oder? Tiere sprechen nicht wirklich. Und diejenigen,
die es tun oder zumindest tun könnten - wie dein Sperling oder dein
Papagei - artikulieren sich nicht bewusst in dem Sinne, wie wir Menschen
Sprache
auffassen. Verstehst du?
Genauso erfindet der Mensch Dinge, die ein Schimpanse eben nicht erfindet.
Ein Schimpanse kann zwar einige Werkzeuge zum unmittelbaren Gebrauch herstellen,
aber er ist nicht in der Lage, daraus eine Wissenschaft zu machen, so
wie wir das getan haben.
Noé
Ah... ja... Er zerbricht sich nicht den Kopf..., der Schimpanse, er übernimmt
einfach die Ideen der Menschen (...)
Der prähistorische Mensch hat einen Behälter erfunden - innen
hohl, aber ohne Löcher, damit das Wasser nicht herausläuft.
Damit kann man trinken, ohne sich bücken zu müssen. Man führt
den Rand des Behälters an die Lippen, und das Wasser fließt
in den Mund hinein. Ein Schimpanse hätte so etwas nicht erfinden
können, aber er benutzt es.
Anne
Hum, ja... Schrift, Malerei, Knochenschnitzereien, und die Werkzeuge,
all das konnte der Mensch nur erfinden und entwickeln, weil er sich auf
zwei Beinen fortbewegt und seine Hände für andere Dinge frei
hat, z.B. um sich künstlerisch zu betätigen...
Noé
Mit meinen Händen schreibe ich..., oder gebe Zeichen. Der Großvater
meines Freundes sagt immer, dass man ohne Hände überhaupt nichts
machen kann, dass sie unser schönstes Werkzeug sind.
Anne
Und weißt du, je geschickter du mit deinen Händen umgehst,
und je stärker das Gehirn deine Hände unter Kontrolle hat, desto
besser entwickelt es sich, das heißt, um so größer wird
es. Es steht ihm ja nun genügend Platz zur Verfügung, denn -
wie ich dir ja schon erklärt habe - sitzt dein Kopf auf der Wirbelsäule
und nicht mehr in ihrer Verlängerung, wie das beim Schimpansen der
Fall ist.
Noé
Ah! Na sicher, jetzt weiß ich! Nun ist mir alles klar! Darum habe
ich einen so großen Kopf...
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