Zurück       Diese Woche      Archiv      Diskussionsforum     
Archimède 09. November 1999
 

Der aufrechte Gang

Noé
Ich hab' da eine Frage: Anfangs - in der Prähistorie - gingen die Menschen gebeugt. Warum ist es ihnen nicht in den Sinn gekommen, sich aufzurichten? Konnten sie es nicht oder haben sie einfach nicht daran gedacht?

Anne
Das ist eine hübsche Frage. Ich will versuchen, sie zu beantworten. Nun, sie konnten es nicht, weil ihr Skelett damals noch etwas anders aussah als unseres heute. Wenn ich dir zum Beispiel sagen würde, drehe deinen Kopf ganz nach hinten - um 180° - ohne dein Becken zu verschieben, könntest du das?

Noé
Nein, aber bei den Flamingos geht es...

Anne
Ja, genau! Du hast eben einen anderen Hals als ein Flamingo! Und die Australopithecinen - die gebeugten Menschen, von denen du eben gesprochen hast - waren auch noch keine richtigen Menschen. Sie hatten noch nicht genug Gehirn, um denken zu können.

Noé
Sie haben fast ausgesehen wie Schimpansen!

Anne
Was ist denn deiner Meinung nach der Hauptunterschied zwischen einem Schimpansen und einem Menschen?

Noé
Das Wichtigste ist das Gehirn. Menschen haben ein viel größeres Gehirn als Schimpansen.

Anne
Völlig richtig! Denn die Wissenschaftler haben festgelegt, dass man mindestens ein 650 cm3 großes Gehirn haben muß, um zu der Spezies Mensch gerechnet zu werden. Weißt du eigentlich, wie groß unser Gehirn heute ist?

Noé
Euh, nein...

Anne
1450 cm3. Das der ältesten Australopithecinen hatte nur ein Volumen von ungefähr 450 cm3. Vor vier Millionen Jahren war es also etwa so groß wie das Gehirn eines heutigen Schimpansen. Und mit so einem kleinen Gehirn kann man nicht so intelligent sein wie ein Mensch.

Noé
Wenn man ihnen also die Frage stellen würde, wieviel ist eins und eins - und nehmen wir mal an, sie könnten sprechen - würden sie dann... sagen wir mal...antworten... 3240, anstatt 2? Meinst du es so?

Anne
Nein. Das würde ja bedeuten, dass sie einen Fehler machten. Das ist wieder etwas ganz anderes!

Noé
Ich würde gerne eines wissen: Anfangs waren die ersten
Australopithecinen mit den Affen befreundet. Aber warum haben sich die Affen nicht weiterentwickelt und sind genauso intelligent geworden wie die Menschen? Sie haben es nicht geschafft, sich Häuser zu bauen wie wir oder sich das Fell zu rasieren..., solche Sachen eben. Warum haben sich die Affen denn anders entwickelt als die Menschen?

Anne
Du wirst noch ein richtiger Affenspezialist, wenn das so weiter geht! Die Tatsache, dass der Mensch aufrecht auf zwei Beinen gehen kann, der Schimpanse aber nicht, liegt einfach daran, dass sich beide völlig unterschiedlich entwickelt haben. Wir kommen immer wieder auf diesen
Punkt zurück: Der Schimpanse kann sich eben nicht gerade aufrecht halten!

Noé
Aber sich aufrecht halten, reicht nicht. Ich habe eine Katze, und wenn ich ihr ein Stückchen Fleisch hinhalte, schafft sie es, Männchen zu machen wie ein Hund. Aber sprechen kann sie deswegen noch lange nicht.

Anne
Nein, das ist klar.
Der Schädel deiner Katze sitzt nämlich ganz anderes auf der Wirbelsäule als unserer. Ihr Schädel liegt nämlich in der Verlängerung der Wirbelsäule... Das kann man in etwa mit einer Haarbürste und einem Besen vergleichen. Bei beiden könnte man sagen, der Stiel ist der Körper und die Bürste der Kopf. Bei dem einen liegt der Kopf in der Verlängerung der Wirbelsäule: Das ist die Katze; bei dem anderen sitzt er im rechten Winkel darauf: Das ist der Mensch. Und diese Kopfposition ist die Voraussetzung für eine ganz wichtige Sache - die Entwicklung des Kehlkopfes. Der Kehlkopf ist das eigentliche Sprechorgan.

Noé
Die Natur hat uns die Sprache gegeben, den Tieren aber nicht, außer einem einzigen: dem Papagei. Alle Tiere versuchen zu sprechen, aber sie schaffen es nicht. Deshalb schreien sie nur. Zum Beispiel: "Hallo Schätzchen!"

Anne
Ich habe einen Schimpansen aber noch nicht oft "Hallo Schätzchen" rufen hören, oder? Tiere sprechen nicht wirklich. Und diejenigen, die es tun oder zumindest tun könnten - wie dein Sperling oder dein Papagei - artikulieren sich nicht bewusst in dem Sinne, wie wir Menschen Sprache
auffassen. Verstehst du?
Genauso erfindet der Mensch Dinge, die ein Schimpanse eben nicht erfindet. Ein Schimpanse kann zwar einige Werkzeuge zum unmittelbaren Gebrauch herstellen, aber er ist nicht in der Lage, daraus eine Wissenschaft zu machen, so wie wir das getan haben.

Noé
Ah... ja... Er zerbricht sich nicht den Kopf..., der Schimpanse, er übernimmt einfach die Ideen der Menschen (...)
Der prähistorische Mensch hat einen Behälter erfunden - innen hohl, aber ohne Löcher, damit das Wasser nicht herausläuft. Damit kann man trinken, ohne sich bücken zu müssen. Man führt den Rand des Behälters an die Lippen, und das Wasser fließt in den Mund hinein. Ein Schimpanse hätte so etwas nicht erfinden können, aber er benutzt es.

Anne
Hum, ja... Schrift, Malerei, Knochenschnitzereien, und die Werkzeuge, all das konnte der Mensch nur erfinden und entwickeln, weil er sich auf zwei Beinen fortbewegt und seine Hände für andere Dinge frei hat, z.B. um sich künstlerisch zu betätigen...

Noé
Mit meinen Händen schreibe ich..., oder gebe Zeichen. Der Großvater meines Freundes sagt immer, dass man ohne Hände überhaupt nichts machen kann, dass sie unser schönstes Werkzeug sind.

Anne
Und weißt du, je geschickter du mit deinen Händen umgehst, und je stärker das Gehirn deine Hände unter Kontrolle hat, desto besser entwickelt es sich, das heißt, um so größer wird es. Es steht ihm ja nun genügend Platz zur Verfügung, denn - wie ich dir ja schon erklärt habe - sitzt dein Kopf auf der Wirbelsäule und nicht mehr in ihrer Verlängerung, wie das beim Schimpansen der Fall ist.

Noé
Ah! Na sicher, jetzt weiß ich! Nun ist mir alles klar! Darum habe ich einen so großen Kopf...

  © 1999 ARTE G.E.I.E