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Viel Spaß
beim Suchen!
April 99, ein stillgelegter
Steinbruch in der Nähe von Orange, im Süden Frankreichs.
Hier suchen Paläontologen
nach in Bernstein eingeschlossenen fossilen Insekten. Sie
hoffen auf Tiere zu stoßen, die vor 90 Millionen Jahren lebten,
noch bevor die Dinosaurier und mit ihnen mehr als 80 % der damals auf
der Erde lebenden Organismen ausstarben.
André Nel
Vor 90 Millionen Jahren gab es hier - unter dem Einfluß eines feucht-heißen
Klimas - ein wohl recht üppiges Waldgebiet. Alles was davon übriggeblieben
ist, sind zwei Schichten Braunkohle. Eine ziemlich dicke, die mit Sandstein
bedeckt ist und eine zweite, bestehend aus sehr vielen Holzpartikeln und
fossilen Baumstämmen. Darauf folgt eine letzte Schicht Sandstein,
also Sand, der zu Stein geworden ist.
Bernstein ist nichts anderes als Harz, das von den Bäumen, die hier
wuchsen, abgesondert wurde. Genauso wie die Äste, die Stämme
und die Blätter hat sich auch dieses Harz im Laufe der Zeit versteinert.
Das Entstehen fossiler Insekten in einem Material wie Bernstein ist eigentlich
ein recht einfacher Vorgang. Die Tiere bleiben auf einem Ast oder einem
Baumstamm mit einem Bein, den Flügeln oder irgendeinem anderen Körperteil
an einem Stückchen Harz kleben. Dann
müssen allerdings ganz besondere Umstände eintreten, damit daraus
ein Fossil wird. Wenn sie nicht unmittelbar danach mit einem weiteren
Stückchen Harz sozusagen versiegelt werden, tun sich andere Insekten
an ihnen gütlich. Sehr oft findet man an der Oberfläche solcher
Bernsteintropfen Spuren von Insektenbeinen oder -flügeln. Manchmal
kann man im Innern nur noch die Beine ausmachen, aber kein Insekt. Die
übrigen Teile des Tieres sind also offensichtlich gefressen worden.
Über dem Ganzen können zwei, drei, vier, fünf, sogar bis
zu zehn oder zwanzig
Bernsteinschichten liegen. Der Tropfen wird immer schwerer, bis er sich
schließlich unter seinem Eigengewicht oder durch einen Windstoß
löst und zu Boden oder ins Wasser fällt, wobei letzteres am
günstigsten ist, weil er von dort aus in Sedimentschichten mitgerissen
wird, in denen die
Bedingungen für eine Versteinerung sehr vorteilhaft sind. Nachdem
sich der Bernsteintropfen nun in der Sedimentschicht befindet, nimmt die
Geschichte sozusagen ihren Lauf. Die Insekten bleiben meistens nicht so
wie sie sind, sie trocknen aus, weil das Harz Wasser absorbiert und dem
Tier die Flüssigkeit entzieht; so wird es mumifiziert.
Um zu schauen, ob sich Tiere
darin befinden, muss man das Stückchen Bernstein manchmal polieren.
Aber in nur etwa 10 bis 20% der Bernsteinstücke - das hängt
von der jeweiligen Fundstelle ab - findet man fossile Insekten. Man hat
also relativ viele Fundstücke unter dem Mikroskop, in denen es nichts
zu entdecken gibt. Man muss die einzelnen Teile schon sehr genau untersuchen,
denn sie können Blasen enthalten, die die Sicht auf möglicherweise
vorhandene Fossilien versperren. Die Fossilien spielen Verstecken mit
uns...
Der Nachteil dabei ist, dass
man sich zuweilen auch die Finger poliert. In manchen Stücken finden
sich ganze Ansammlungen, das sind dann die wirklich interessanten Funde.
Die Forscher dieses Wissenschaftszweiges
verfolgen ganz andere Ziele als ein Bernsteinhändler oder ein Sammler
fossiler Stücke. Bernstein ist eine sehr praktische "Verpackung",
denn darin konservieren sich die vollständig erhaltenen Organismen
über mehrere Millionen oder sogar Zehnmillionen von Jahren. Andererseits
ist das "Verpackungsmaterial" auch hinderlich, denn es muss
so wenig wie möglich davon vorhanden sein, damit man so viel wie
möglich erkennen kann. Bei einigen großen Stücken hat
man zunächst Probleme festzustellen, ob sich in ihrem Innern überhaupt
etwas befindet. Dann ist man gezwungen, sie zu zerteilen.
Das alles macht deutlich, dass es sehr, sehr lange dauert, bis man alle
Fundstücke einer solchen Ausgrabung gesichtet hat. Oh, dieses hier
ist sehr hübsch... Das ist der Flügel einer Trichoptera.
Die
interessanten Insekten werden sorgfältig von ihrer
Bernsteinumhüllung befreit, bevor sie - um vor Luft geschützt
zu sein - in ein anderes Harz eingebettet werden: Kanadabalsam.
Dieses natürliche
Harz hat seine Wirksamkeit bereits unter Beweis gestellt: Mikroskopische
Präparate, die im vorigen Jahrhundert darin konserviert wurden, befinden
sich noch immer in einem hervorragenden Zustand.
André Nel
Bernstein ist ein Material, das sich ziemlich schnell zersetzt, wenn es
mit Luft in Kontakt kommt. Es wird rissig... Innere Spannungen führen
schon nach wenigen Jahren zu einer regelrechten Materialexplosion. Deshalb
muss man Bernstein in einem anderen Harz luftdicht verschließen.
In einem nächsten Schritt
wird das Tier genau untersucht und
beschrieben. Man betrachtet es mit einem Binokular und versucht, es mit
heute lebenden Insekten zu vergleichen. Bei einigen Exemplaren ist das
recht einfach. Andere Tiere - zum Beispiel dieser Ohrenzwicker hier -
gehören einer ausgestorbenen Art an. Solche Stacheln auf den Scheren,
wie man sie bei ihm sehen kann, sind bei dieser Gattung Insekten heute
nicht mehr zu finden. Man kann auch ganz außergewöhnliche Fossilien
entdecken, wie dieses hier - es handelt sich um die Haut einer Larve,
in diesem speziellen Fall um die eines flügellosen Insekts, von dem
nur sehr wenige fossile Funde existieren. Es gibt davon überhaupt
nur zwei oder drei Exemplare.
Bei der Ausarbeitung einer Studie werden zunächst Zeichnungen und
Photographien erstellt, bevor man eine Beschreibung des Tiers anlegt,
die dann im folgenden als Vergleichsgrundlage dient. Bei diesen Vergleichen
werden schon existierende Arbeiten über andere Insekten und Termiten
herangezogen, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob
unser Fossil möglicherweise mit einem heute lebenden Insekt oder
einem anderen fossilen Insekt verwandt ist.
André Nel
Die Funde in der Fossiliengrube von Orange stammen hauptsächlich
aus dem mittleren Kreidezeitalter. Der Ort ist erst seit etwa zwei Jahren
bekannt. Bei Ausgrabungen, die hier durchgeführt wurden, hat man
ungefähr 100 verschiedene Exemplare fossiler Insekten entdeckt. Das
ist
nicht schlecht, andererseits aber haben sich andere Fundorte in Frankreich
als ergiebiger erwiesen. Aber man kann die Arbeiten hier auch noch intensivieren.
Nahezu alle der 100 verschiedenen Insektenarten, die hier gefunden wurden,
sind bisher völlig unbekannt. Sie stellen ein eigenes Universum dar,
ein Fenster in eine völlig unbekannte Vergangenheit, in eine neue
Welt.
Unser historisches Wissen hinsichtlich des Lebens auf der Erde weist riesige
Lücken auf, aber jedes dieser kleinen Fenster bietet uns neue Informationen,
die in einigen Fällen von großer Bedeutung sein können.
Das hängt immer von den Fossilien ab, die gefunden wurden. So
können wir beispielsweise anhand des fossilen Fundes einer Wespe
nachweisen, dass es diese Wespenfamilie schon vor 90 Millionen Jahren
gegeben hat. Vorher war nur bekannt, dass sie im Tertiär - also nach
dem Aussterben der Dinosaurier - existierte. Jetzt weiß man, dass
es sie auch schon vorher gab. Die Tatsache alleine, dass hier in Orange
eine Wespe aus der mittleren Kreidezeit gefunden wurde, ist keine großartige
Erkenntnis. Auch nicht, dass sie einer heute lebenden Insektenfamilie
angehört, deren ältester Vertreter bereits im Kreidezeitalter
existierte. Das ist nur ein Mosaiksteinchen.
Das eigentlich Interessante
ist, diese Untersuchungen auf andere Gattungen und Artenfamilien auszudehnen,
um zu erfahren, ob alle Insekten diese Krise in der Oberen Kreidezeit
vor 65 Millionen Jahren durchlebten, die für so viele Wirbeltiere
wie beispielsweise die Dinosaurier ein tödliches Ende nahm. Es scheint
so, als hätten die
Insekten keine Probleme gehabt, diese Katastrophe zu überstehen.
Wenn man genügend Informationen gesammelt hat, kann man vielleicht
die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen, aber für diese Arbeit
benötigt
man einen langen Atem. Es wird enorm viel Zeit in Anspruch nehmen, die
Tiere zu bestimmen und zu beschreiben. Danach weiß man vielleicht,
ob am Ende des Kreidezeitalters einige Insekten ausgestorben sind oder
nicht.
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