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Archimède 09. November 1999
 

Viel Spaß beim Suchen!

April 99, ein stillgelegter Steinbruch in der Nähe von Orange, im Süden Frankreichs.

Hier suchen Paläontologen nach in Bernstein eingeschlossenen fossilen Insekten. Sie hoffen auf Tiere zu stoßen, die vor 90 Millionen Jahren lebten, noch bevor die Dinosaurier und mit ihnen mehr als 80 % der damals auf der Erde lebenden Organismen ausstarben.

André Nel
Vor 90 Millionen Jahren gab es hier - unter dem Einfluß eines feucht-heißen Klimas - ein wohl recht üppiges Waldgebiet. Alles was davon übriggeblieben ist, sind zwei Schichten Braunkohle. Eine ziemlich dicke, die mit Sandstein bedeckt ist und eine zweite, bestehend aus sehr vielen Holzpartikeln und fossilen Baumstämmen. Darauf folgt eine letzte Schicht Sandstein, also Sand, der zu Stein geworden ist.
Bernstein ist nichts anderes als Harz, das von den Bäumen, die hier wuchsen, abgesondert wurde. Genauso wie die Äste, die Stämme und die Blätter hat sich auch dieses Harz im Laufe der Zeit versteinert.
Das Entstehen fossiler Insekten in einem Material wie Bernstein ist eigentlich ein recht einfacher Vorgang. Die Tiere bleiben auf einem Ast oder einem Baumstamm mit einem Bein, den Flügeln oder irgendeinem anderen Körperteil an einem Stückchen Harz kleben. Dann
müssen allerdings ganz besondere Umstände eintreten, damit daraus ein Fossil wird. Wenn sie nicht unmittelbar danach mit einem weiteren Stückchen Harz sozusagen versiegelt werden, tun sich andere Insekten an ihnen gütlich. Sehr oft findet man an der Oberfläche solcher Bernsteintropfen Spuren von Insektenbeinen oder -flügeln. Manchmal kann man im Innern nur noch die Beine ausmachen, aber kein Insekt. Die übrigen Teile des Tieres sind also offensichtlich gefressen worden. Über dem Ganzen können zwei, drei, vier, fünf, sogar bis zu zehn oder zwanzig
Bernsteinschichten liegen. Der Tropfen wird immer schwerer, bis er sich schließlich unter seinem Eigengewicht oder durch einen Windstoß löst und zu Boden oder ins Wasser fällt, wobei letzteres am günstigsten ist, weil er von dort aus in Sedimentschichten mitgerissen wird, in denen die
Bedingungen für eine Versteinerung sehr vorteilhaft sind.
Nachdem sich der Bernsteintropfen nun in der Sedimentschicht befindet, nimmt die Geschichte sozusagen ihren Lauf. Die Insekten bleiben meistens nicht so wie sie sind, sie trocknen aus, weil das Harz Wasser absorbiert und dem Tier die Flüssigkeit entzieht; so wird es mumifiziert.

Um zu schauen, ob sich Tiere darin befinden, muss man das Stückchen Bernstein manchmal polieren. Aber in nur etwa 10 bis 20% der Bernsteinstücke - das hängt von der jeweiligen Fundstelle ab - findet man fossile Insekten. Man hat also relativ viele Fundstücke unter dem Mikroskop, in denen es nichts zu entdecken gibt. Man muss die einzelnen Teile schon sehr genau untersuchen, denn sie können Blasen enthalten, die die Sicht auf möglicherweise vorhandene Fossilien versperren. Die Fossilien spielen Verstecken mit uns...

Der Nachteil dabei ist, dass man sich zuweilen auch die Finger poliert. In manchen Stücken finden sich ganze Ansammlungen, das sind dann die wirklich interessanten Funde. Die Forscher dieses Wissenschaftszweiges
verfolgen ganz andere Ziele als ein Bernsteinhändler oder ein Sammler fossiler Stücke. Bernstein ist eine sehr praktische "Verpackung", denn darin konservieren sich die vollständig erhaltenen Organismen über mehrere Millionen oder sogar Zehnmillionen von Jahren. Andererseits ist das "Verpackungsmaterial" auch hinderlich, denn es muss so wenig wie möglich davon vorhanden sein, damit man so viel wie möglich erkennen kann. Bei einigen großen Stücken hat man zunächst Probleme festzustellen, ob sich in ihrem Innern überhaupt etwas befindet. Dann ist man gezwungen, sie zu zerteilen
.
Das alles macht deutlich, dass es sehr, sehr lange dauert, bis man alle Fundstücke einer solchen Ausgrabung gesichtet hat. Oh, dieses hier ist sehr hübsch... Das ist der Flügel einer Trichoptera.

Die interessanten Insekten werden sorgfältig von ihrer
Bernsteinumhüllung befreit, bevor sie - um vor Luft geschützt zu sein - in ein anderes Harz eingebettet werden: Kanadabalsam.
Dieses natürliche Harz hat seine Wirksamkeit bereits unter Beweis gestellt: Mikroskopische Präparate, die im vorigen Jahrhundert darin konserviert wurden, befinden sich noch immer in einem hervorragenden Zustand.

André Nel
Bernstein ist ein Material, das sich ziemlich schnell zersetzt, wenn es mit Luft in Kontakt kommt. Es wird rissig... Innere Spannungen führen schon nach wenigen Jahren zu einer regelrechten Materialexplosion. Deshalb muss man Bernstein in einem anderen Harz luftdicht verschließen.

In einem nächsten Schritt wird das Tier genau untersucht und
beschrieben. Man betrachtet es mit einem Binokular und versucht, es mit heute lebenden Insekten zu vergleichen. Bei einigen Exemplaren ist das recht einfach. Andere Tiere - zum Beispiel dieser Ohrenzwicker hier - gehören einer ausgestorbenen Art an. Solche Stacheln auf den Scheren, wie man sie bei ihm sehen kann, sind bei dieser Gattung Insekten heute nicht mehr zu finden. Man kann auch ganz außergewöhnliche Fossilien entdecken, wie dieses hier - es handelt sich um die Haut einer Larve, in diesem speziellen Fall um die eines flügellosen Insekts, von dem nur sehr wenige fossile Funde existieren. Es gibt davon überhaupt nur zwei oder drei Exemplare.

Bei der Ausarbeitung einer Studie werden zunächst Zeichnungen und Photographien erstellt, bevor man eine Beschreibung des Tiers anlegt, die dann im folgenden als Vergleichsgrundlage dient. Bei diesen Vergleichen werden schon existierende Arbeiten über andere Insekten und Termiten herangezogen, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob unser Fossil möglicherweise mit einem heute lebenden Insekt oder einem anderen fossilen Insekt verwandt ist.

André Nel
Die Funde in der Fossiliengrube von Orange stammen hauptsächlich aus dem mittleren Kreidezeitalter. Der Ort ist erst seit etwa zwei Jahren bekannt. Bei Ausgrabungen, die hier durchgeführt wurden, hat man ungefähr 100 verschiedene Exemplare fossiler Insekten entdeckt. Das ist
nicht schlecht, andererseits aber haben sich andere Fundorte in Frankreich als ergiebiger erwiesen. Aber man kann die Arbeiten hier auch noch intensivieren. Nahezu alle der 100 verschiedenen Insektenarten, die hier gefunden wurden, sind bisher völlig unbekannt. Sie stellen ein eigenes Universum dar, ein Fenster in eine völlig unbekannte Vergangenheit, in eine neue Welt.
Unser historisches Wissen hinsichtlich des Lebens auf der Erde weist riesige Lücken auf, aber jedes dieser kleinen Fenster bietet uns neue Informationen, die in einigen Fällen von großer Bedeutung sein können. Das hängt immer von den Fossilien ab, die gefunden wurden.
So können wir beispielsweise anhand des fossilen Fundes einer Wespe nachweisen, dass es diese Wespenfamilie schon vor 90 Millionen Jahren gegeben hat. Vorher war nur bekannt, dass sie im Tertiär - also nach dem Aussterben der Dinosaurier - existierte. Jetzt weiß man, dass es sie auch schon vorher gab. Die Tatsache alleine, dass hier in Orange eine Wespe aus der mittleren Kreidezeit gefunden wurde, ist keine großartige Erkenntnis. Auch nicht, dass sie einer heute lebenden Insektenfamilie angehört, deren ältester Vertreter bereits im Kreidezeitalter existierte. Das ist nur ein Mosaiksteinchen.
D
as eigentlich Interessante ist, diese Untersuchungen auf andere Gattungen und Artenfamilien auszudehnen, um zu erfahren, ob alle Insekten diese Krise in der Oberen Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren durchlebten, die für so viele Wirbeltiere wie beispielsweise die Dinosaurier ein tödliches Ende nahm. Es scheint so, als hätten die
Insekten keine Probleme gehabt, diese Katastrophe zu überstehen. Wenn man genügend Informationen gesammelt hat, kann man vielleicht die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen, aber für diese Arbeit benötigt
man einen langen Atem. Es wird enorm viel Zeit in Anspruch nehmen, die Tiere zu bestimmen und zu beschreiben. Danach weiß man vielleicht, ob am Ende des Kreidezeitalters einige Insekten ausgestorben sind oder nicht.

  © 1999 ARTE G.E.I.E