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Archimède

 09. November 1999

 

Zeichne mir ein Schiff

La Rochelle, Heimathafen der Charente-Maritime 2, eines hochentwickelten Katamarans aus den 90er- Jahren.

In dieser Stadt, deren Vergangenheit eng mit dem Schiffsbau verbunden ist, entstehen gegenwärtig Pläne für eine neue Katamaran-Generation. Diese Boote sollen an "The Race"
teilnehmen, einem Rennen rund um den Erdball, das am 31. Dezember 2000 gestartet werden soll.
Für die Entwicklung dieser Giganten der Meere ist das Wissen ganz unterschiedlicher technologischer Bereiche erforderlich, denn eines steht fest: Das eigentliche Rennen
beginnt in den Forschungslabors!

Jean-Yves Bernot
Das Bootsrennen geht um die ganze Welt. Das heißt, man startet im Mittelmeer, fährt den Südatlantik hinunter, passiert das Kap der Guten Hoffnung, steuert Neuseeland an, fährt bis zum Kap Horn und nimmt schließlich wieder Kurs auf Europa, in Richtung Gibraltar. Dabei hat man gegen alle nur denkbaren Windbedingungen zu kämpfen. Man durchquert die unterschiedlichsten klimatischen Zonen der Erde, trifft auf Passatwinde und gerät sowohl in unruhige Gewässer als auch in eher ruhige Gefilde. Wir müssen also den bestmöglichen Kompromiss finden, um alle diese Möglichkeiten abzudecken.
Alle realen Situationen - in erster Lnie in bezug auf die Windverhältnisse - wurden im Computer erfasst. Man erhält dann verschiedene Graphiken, wie z.B. diese Darstellung der Windverteilung im Südatlantik. Man kann an der Stelle zwischen 9 und 11 Knoten Windstärke eine deutliche Spitze erkennen, das heißt, der Wind in diesem Sektor ist nicht besonders stark. Es ist äußerst wichtig, das Boot optimal auf diesen Spitzenwert anzupassen. Schaut man sich hingegen die Zonen starken Windes jenseits des Äquators an muss man den sehr starken Winden Rechnung tragen und hinsichtlich der Segel ganz besondere Vorkehrungen treffen.

Die Aufgabe ist es also, einen guten Kompromiss zu finden, damit die Antlantikstrecke gewonnen wird und man angesichts der Verhältnisse jenseits des Äquators nicht allzuviel Zeit verliert. Außerdem muss das Boot natürlich sicher sein, denn wie immer bei solchen Rennen kommt es nicht zuletzt auch darauf an, das Ziel unbeschadet zu erreichen.

Gilles Ollier
Wir haben versucht, für dieses Projekt eine sogenannte
"multidisziplinäre" Mannschaft zusammenzustellen, mit Leuten, die in ihrem jeweiligen Fachbereich äußerst kompetent sind. Ich bin verantwortlich für das Gesamtprojekt, aber man kann schließlich nicht auf jedem Gebiet Experte sein. Daher sind an der Konzeption des Katamarans "Progress" sowohl Spezialisten der Aero- und Hydrodynamik
beteiligt als auch Meteorologen und Schiffsbauer.

Philippe Pallu de la Barrière
Wichtig ist vor allem, dass das Boot nie außer Kontrolle geraten kann. Es muss immer gut im Wasser liegen, seine Trimmlage muss stimmen. Aber das wird ein hartes Stück Arbeit!
Zunächst einmal muss man wissen, dass bei einem Segelboot zwei ganz unterschiedliche Medien von Bedeutung sind, das ist zum einen die Luft - also der Wind - und auf der anderen Seite das Wasser, in dem sich der Bootsrumpf bewegt.
Nehmen wir einmal an, der Wind trifft von vorne auf die Segel, die in ihrer Funktionsweise den Tragflügeln von Flugzeugen ähnlich sind. Dadurch entsteht eine aerodynamische Kraft, die ungefähr im rechten Winkel zur einfallenden Windrichtung wirkt. Nun, dieses Phänomen ist nicht so einfach zu verstehen, gilt aber immer und für jeden Punkt der Linie. Sie ist nicht unmittelbar dazu geeignet, das Boot anzutreiben, weil sie eben nicht nach vorne gerichtet ist.
In Wirklichkeit setzt sie sich jedoch aus zwei Teilen zusammen, wobei eine Komponente in Fahrtrichtung zeigt und die andere eher geeignet ist, das Boot zur Seite abzudrängen. Schaut man sich das Ganze von hinten an, erkennt man, dass die Kraft, die das Boot zur Seite drückt auf einer bestimmten Höhe ansetzt. Eines der Hauptprobleme bei einer solchen Konstruktion ist also, das Kentern des Bootes zu verhindern. Diese Gefahr ist um so größer, je höher diese Kraft ansetzt.
Warum also kentert ein solcher Katamaran nicht? Weil er ein gewisses Gewicht besitzt, und dieses Gewicht - ich unterstelle einmal, dass sich der Schwerpunkt in der Mitte des Bootes befindet - verhält sich entsprechend dem Archimedischen Prinzip, denn die Schwimmer befinden sich im Wasser. Dadurch entsteht ein Kräftepaar, das sich der anderen Kraft, die das Boot zum kentern bringen könnte, entgegenstellt. Die Größe dieser gegensteuernden Kraft ist abhängig vom Abstand zwischen dem Rumpf und dem Schwerpunkt des Bootes. Je größer das Boot, desto stärker das Kräftepaar, das dem Kentern entgegenwirkt und somit für sein aerodynamisches Gleichgewicht sorgt. Davon hängt auch ab, wie groß die Oberfläche der Segel sein kann usw.

Die beiden Medien, in denen sich das Boot bewegt, sind sehr unterschiedlich. Luft wiegt ungefähr ein Kilogramm pro Kubikmeter, Wasser hingegen 1000 Kilogramm pro Kubikmeter. Damit erklärt sich auch, dass man großflächige Segel benötigt, um entsprechend starke aerodynamische Kräfte entstehen zu lassen, während schon ein kleiner
Schwimmer zur Herstellung des Gleichgewichts ausreicht.

Gilles Ollier
Der Grundriss des Segels ist mit Sicherheit das strategischste Element der Planung. Als erstes versuchen wir festzustellen, wie stark das Material beansprucht wird. Mit Hilfe von Skizzen aus der frühen Planung, in der die geometrischen Abmessungen der Segel und die daraus resultierenden Materialbeanspruchungen festgehalten sind, ist man in der Lage, sich ein Bild über die Kräfteverteilung zu machen. Mit einer speziellen Software können wir dann die Leistungsfähigkeit des Bootes in Abhängigkeit der verschiedenen Konfigurationen ermitteln.

Julien Valette
Mit einer solchen Computersimulation können wir die aerodynamische Leistungsfähigkeit der verschiedenen Segel vorhersagen. Wenn wir wissen, welche Kräfte auf das Segel wirken und wo sie ansetzen, können wir das für die jeweilige Anforderung am besten geeignete Tuch auswählen.
Es sollte so leicht wie möglich, aber gleichzeitig äußerst widerstandsfähig sein. Und das Wissen darum, aus welcher Richtung die Kräfte einwirken, erleichtert uns die Entscheidung, wie das Segeltuch gespannt werden muß, denn diese Gewebe sind nicht in jeder Ausrichtung
gleichermaßen belastbar.

J. Verdrenne
Ein Boot bei vollkommen glatter See erzeugt eine Bugwelle, und die dafür aufgewendete Energie schafft einen Widerstand, der das Boot an seiner Fahrt hindert. Entlang des Bugs steigt das Wasser am Rumpf einem Überdruck entsprechend ein wenig nach oben, in der Mitte entsteht ein Unterdruck und damit ein Wellental, und nach hinten schließlich steigt das Wasser wieder an. Je stärker die Verformung der Welle, desto mehr Energie wird für ihre Erzeugung benötigt und desto stärker wird das
Boot in seiner Fahrt behindert. Auf dem Computer können wir das gesamte Wellenfeld unter dem Bootskiel und hinter dem Boot sehen (...) Mit Hilfe eines solchen Programms kann man sehr viel Zeit sparen, denn jedes Experiment am Modell dauert lange und ist sehr kostspielig. Diese Arbeitsweise eröffnet den Schiffsbauingenieuren eine zusätzliche Dimension hinsichtlich der Bootsarchitektur, denn nun haben sie eine viel genauere Vorstellung davon, welche Punkte verbessert werden müssen, um die Boote schneller zu machen.

Während der Modellexperimente im Versuchsbecken überwachen Hunderte von Mess-Sonden das Verhalten des Bootes. Diese Tests dauern einige Tage und werden anhand nur eines Schwimmkörpers durchgeführt, weil man bei
einem Katamaran davon ausgehen kann, dass sich beide Rümpfe durch ihre Entfernung voneinander gegenseitig nicht beeinflussen.
Tausende von Messdaten werden zusammengetragen und analysiert, um den Rumpf mit dem besten Profil zu ermitteln, das heißt, den Schwimmer, der bei jeder Geschwindigkeit optimale Ergebnisse hinsichtlich Trimmlage und Wasserdurchdringung erzielt. Außerdem sollte er bei seiner Fahrt das Wasser möglichst wenig aufwühlen.

G. Delhomeau
Den größten Einfluß auf die Versuchsergebnisse im Wasserbecken hat in erster Linie die Form des Rumpfes. Wichtig ist außerdem die Drift, das ist der Winkel zwischen der Längsachse des Bootes und seiner Vorwärtsrichtung.
Ein weiterer Parameter ist die Wasserverdrängung des Schwimmers, der dem Gewicht des Rumpfes entspricht. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, denn bei einem Katamaran liegt immer einer der beiden Rumpfteile tiefer im Wasser als der andere. Daher müssen wir alle Eindringtiefen, die möglich sind, erfassen.

J. Vedrenne
Wenn das Boot fährt, hat es eine gewisse Trimmlage - also eine Neigung zur Längsrichtung - die sich ständig verändert. Um im Becken realistische Neigungswinkel nachbilden zu können, legen wir Gewichte ins Rumpfinnere, die wir dann in Bewegung versetzen. Damit können wir im Versuchsbecken die realen Positionen exakt simulieren.

G. Delhomeau
Wir machen Versuche mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, die zwischen 15 und 20 Knoten liegen. Zwanzig Knoten, das sind ungefähr 30 km/h, 25 Knoten etwa 50 km/h7. Das ist schon ein recht hohes Tempo.

Gilles Ollier
Nach den ersten Versuchstagen, in denen wir den Schwimmer im Becken getestet haben, können wir schon auf einige Ergebnisse zurückgreifen. Wir haben mit unserem Modell wohl die richtige Wahl getroffen. Das Boot zieht nicht viel Wasser mit sich, und die Bugwelle ist sehr schwach
ausgeprägt. Auch der Trimm scheint sehr stabil zu sein, denn selbst bei einer Buglage hat sich das Modell gut verhalten. Es ist noch ein wenig zu früh, um Vergleichsangaben hinsichtlich der rechnerisch ermittelten Werten zu machen. Ich habe den Eindruck, dass es einige kleine Abweichungen gibt, aber sie sind wohl minimal und bewegen sich im
prozentualen Bereich. Ich denke, es läuft alles sehr gut.


Der Entwurf eines Katamarans ist - wie übrigens bei jedem Segelboot - immer ein Kompromiss zwischen den beiden Medien Luft und Wasser. Im Augenblick hat man noch die erste Etappe vor sich - die der Konstruktion. Der wirklich entscheidende Endlauf aber wird erst im Jahr 2001 stattfinden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E