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Archimède

 23. November 1999

 

Kampf dem Bücherzerfall!

Seit Jahrhunderten haben Archive und Bibliotheken die Aufgabe, Wissen und Informationen zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten. Aber das kulturelle Erbe der Menschheit ist in Gefahr: Immer mehr überlieferte Schriften sind vom Verfall bedroht.

Papier hat sich über mehrere hundert Jahre als zuverlässiger Datenträger durchgesetzt. Und trotzdem zerfallen die Druckerzeugnisse, besonders die, die in den letzten 150 Jahren in maschineller Produktionsweise hergestellt worden sind.
Seit Jahrzehnten kämpft der Konservator Wolfgang Wächter gegen den fortschreitenden Zerfall an. Im Leipziger "Zentrum für Bucherhaltung" weiß man um die Tragweite dieses Problems:

Dr. Wächter:
"Wir wissen, dass gegenwärtig etwa 25 bis 30 % der Bestände in den Bibliotheken einen Zustand erreicht haben, der die Benutzung unmöglich macht."

Papiererhaltung ist Handarbeit an Einzelobjekten. Buch für Buch, Seite für Seite lassen sich beschädigte Schriften nur mühsam wiederherstellen. Das kostet Zeit - zu viel Zeit. Bis ein Buch wiederhergestellt ist, sind zehn andere unrettbar zerfallen.

Dr. Wächter:
"Die normale große Bibliothek mit ihren üblicherweise 2 bis 3 vorhandenen Restaurationsstellen brauchte, wenn dort rund um die Uhr gearbeitet würde, kein Sonntag, kein Feiertag und kein Urlaub gewährt werden müsste, etwa 500 Jahre, um den Bestand einmal durchzuarbeiten."

Es sind vor allem Mikroorganismen, die die Substanz der Bücher zerstören. Um dem Bakterienbefall zuvorzukommen, wurde in Leipzig vor fünf Jahren die erste deutsche Massenentsäuerungsanlage in Betrieb genommen. Konservatoren wie Joachim Liers schaffen es immerhin 200.000 Bücher pro Jahr in der Behandlungskammer zu entsäuern. Die Massenentsäuerung ist ein präventives Verfahren. Durch die Tränkung in einer Chemikalie wird die Altersbeständigkeit der Papiere verbessert, der saure Zerfall maschinell gebundener Bücher wird gestoppt.

Dr. Liers:
"Der gesamte Prozess dauert in etwa 3 Tage, das liegt daran, dass das Vortrocknen des Papiers ein sehr langwieriger Prozess ist. Da wir die Trocknung sehr schonend für das Buchmaterial gestalten müssen. Wir können die Bücher bis maximal 40 Grad erwärmen, können sie sozusagen auch nur bei dieser Temperatur trocknen."

Sind Bücher erst einmal durch Säure, Tintenfraß oder Schimmel geschädigt, müssen sie auseindergenommen und seitenweise behandelt werden. Mit Hilfe der sogenannten Papierspaltung lassen sich beschädigte Papiere, Blatt für Blatt, weitgehend konservieren und teilweise wiederherstellen.

Dr. Wächter:
"Papierspaltung ist als Möglichkeit seit über 100 Jahren in der Literatur beschrieben und in vielen Varianten bekannt, aber immer auf das einzelne Papierblatt bezogen."

Dabei wird das zu spaltende Dokument beidseitig mit klebenden Trägerpapieren beschichtet, dann wird das Sandwich gepresst, damit das Bindemittel von beiden Seiten eindringen kann. Ist der Kleber trocken werden die Papiere langsam auseinander gezogen. Vorder- und Rückseite des Dokuments bleiben unbeschädigt an je einem Papier haften.

Dr. Wächter:
"Ich kann verlorengegangene physikalische oder mechanische Eigenschaften des Materials wiederherstellen und gleichzeitig ohne weiteren Aufwand den gesamten Chemismus der zukünftigen Alterung verlangsamen."

Papiere können so in ihrer Original-Erscheinungsform erhalten werden. Am Ende wird zwischen die gespaltenen Blätter von Innen ein hauchdünnes, mit Klebstoff versehenes Blatt eingefügt. Dabei nimmt jedes Blatt geringfügig an Volumen zu. Die Methode ist nicht unumstritten, es gibt Zweifel an der Dauerhaftigkeit und noch weiß niemand genau, ob sich nicht Pilze und Bakterien schon nach ein paar Jahren wieder in den entsäuerten Fasern festsetzen.

Die Leipziger Restauratoren arbeiten gemeinsam mit Mikrobiologen aus Stuttgart an einer neuen Methode. Mittels der Plasmatechnologie, also ionisierten Gasen, lassen sich vom Schimmel befallene Flächen wieder reinigen, Keime werden dabei zu fast hundert Prozent zerstört. Behandlungsdauer einer Seite: 3 Stunden.

Dr. Liers:
"Kurzfristig wird die Plasmatechnologie in der Lage sein, Einzelblätter zu behandeln, langfristig ist es durchaus auch möglich, dass es einmal zu einem Massenprozess werden kann. Das ist aber sehr perspektivisch gedacht."

Ein aussichtsloser Wettlauf mit der Zeit: Allein in der Deutschen Bücherei in Leipzig liegen 10 Millionen Bücher.

Dr. Wächter:
"Nun hat aber jedes Buch im Schnitt zweihundert Seiten. Dann müsste ich zehn Millionen mit zweihundert multiplizieren und käme auf die Anzahl der behandlungsbedürftigen Blätter. Das sind Größenordnungen, die eigentlich unvorstellbar sind. Und von solchen Bibliotheken gibt es nun viele, in Deutschland, Europa, der ganzen Welt."

Zur Zeit können die Bestände nur durch Verfilmung, Digitalisierung oder Verpackung bewahrt werden. Die Rettung aller Sammlungen ist eine Illusion.

  © 1999 ARTE G.E.I.E