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Archimède  23. November 1999
 

Hepatitis-C - Der Leber-Killer

Der gefährlichste aller Gelbsucht-Erreger, das Hepatitis-C-Virus, wurde erst vor 10 Jahren entdeckt. Es ist so gefährlich wie das Aids-Virus, übertragen wird es durch Blutkontakt oder -transfusionen. Jahrzehntelang kann sich das Virus ruhig verhalten, bis es plötzlich losschlägt.

Fast eine Million Deutsche sind mit dem Erreger infiziert. Anfangs fühlt man sich allenfalls müde und schläfrig, in der akuten Phase kann es dann zu Leberentzündungen, zu Zirrhose und zum Leberzellkrebs kommen. Eine gesunde Leber wird dabei nahezu völlig zerstört. Sie kann das Blut nicht mehr reinigen, der Patient stirbt langsam an einer Vergiftung.

Volker Jung, Patient:
"Bei mir ist die Leber schon leicht angegriffen durch das Virus, es ist schon eine kleine Zirrhose. Die Körperkraft lässt nach, man ist oft müde, schlapp. das ist ganz subtil, das kann man nicht richtig festmachen, das schleicht sich so ein. Man merkt, dass man weniger Energie hat, als man das gewöhnt ist."

Helena Schneider, Patientin:
"Es ist eine sehr heimtückische, sehr schleichende Erkrankung. Ich hab's nicht gemerkt. Hätte ich Schmerzen gehabt, wäre es vielleicht ein bisschen leichter gewesen. Ich habe es so nicht gemerkt, mir war nicht bewusst, dass ich krank bin."

Hepatitis A und B kann man inzwischen behandeln. Das Virus des Typs C konnte man noch nie unter dem Mikroskop sehen. Es scheint so unsichtbar zu sein wie die Erkrankung, die es auslöst.

Prof. Peter R. Galle, Universität Mainz:
"Die Patienten sind ja über einen sehr langen Zeitraum ihrer Erkrankung nicht sichtbar erkrankt. Es gibt keinen Einstieg in die Erkrankung, meistens keine Gelbsucht. Der Patient hat in aller Regel diese Erkrankung schon über mehrere Jahre bevor sie überhaupt auffällt. Es ist ein Patient, der nicht sichtbar erkrankt ist. Er ist nicht gelb, ist durchaus leistungsfähig, steht im Berufsleben, es sind ja oft auch junge Patienten. Die Undramatik und der relativ lange Weg von 20, 30, 40 Jahren bis hin zur komplizierten Erkrankung, lässt die Gefahr gar nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung treten, mit der Folge, dass natürlich eine große Anzahl Erkrankter immer auch ein großes Reservoir an möglichen Überträgern der Erkrankung bedeutet."

Die einzige Therapie, die zumindest bei einem Drittel der Erkrankten Wirkung zeigt, ist das Medikament Interferon alpha. Damit soll die körpereigene Abwehr gestärkt werden. Natürliche Proteine, Interferone, schützen den Körper vor Virusinfektionen. Alle Körperzellen werden von anderen Zellen an ihrer speziellen Oberflächenstruktur erkannt. Wenn Zellen von einem Virus infiziert werden, verändern sich diese Strukturen so weit, dass normale Zellen von diesen kranken unterschieden werden können. Die Veränderung der Zellen führt außerdem zur Produktion großer Mengen von Interferon. Dieses Interferon aktiviert nun Killerzellen des Immunsystems, die die veränderten Hinweiszeichen auf die erkrankten Zellen erkennen können, diese kranken Zellen ansteuern und sie zerstören. Durch diesen Mechanismus kann die Verbreitung der Krankheit verhindert werden.

Weltweit arbeiten Forscher an neuen Wegen zur Behandlung. Ralf Bartenschlager von der Universität Mainz ist es vor kurzem zum ersten Mal gelungen, eine verstümmelte Form des Hepatitis C-Virus im Labor nach zu züchten. An ihm will er neue Therapien zur Behandlung erproben.

Dr. Ralf Bartenschlager, Universität Mainz:
"Wir haben Teile des Virus in Zellkultur vermehren können, indem wir das Hepatitis C-Genom verändert haben. Der Ausgangspunkt für diese Methode war letztendlich die Leber eines chronisch infizierten Hepatitis C-Patienten. Aus ihr haben wir zunächst die Gesamt-Nukleinsäuren aller Zellen einschließlich naturlich der Hepatitis C-Virus-RNS isoliert und in diesem Gesamtgemisch kommt in sehr geringen Mengen das Erbgut des Hepatitis C-Virus vor. Dieses Erbgut haben wir dann zunächst im Reagenzglas vermehrt, mit Hilfe einer Technik, die man als Polymerase-Kettenreaktion bezeichnet. Nachdem es in entsprechend grosser Anzahl vorhanden war, konnten wir es in sogenannte Genfähren, auch Vektoren genannt, einschleusen. Diese Genfähren werden dann in Bakterien eingeschleust und in den Bakterien kommt diese Genfähre zur Vermehrung, sodass wir letztendlich, nachdem dieser ganze Prozess durchlaufen ist, große Mengen des Hepatitis C-Virus-Erbguts erhalten haben."

Danach wurde im Labor der Teil des Erbguts, welches für die Vermehrung des Hepatitis C-Virus zuständig ist, gentechnisch verändert, vermehrt und analysiert.

Dr. Ralf Bartenschlager, Universität Mainz:
"Genau dieser Teil, den wir in der Zellkultur zur Vermehrung bringen konnten, enthält die Hauptangriffsziele für antivirale Therapien. Wir können damit sehr gut ein Zellkultursystem entwickeln, das für Therapieentwicklung in Frage kommt und sicherlich auch relevant ist."

Wie bei dem Aids-Virus HIV besteht bei HCV, dem Hepatitis C-Virus, das Problem, dass die Forscher nicht gegen ein einzelnes Virus, sondern gegen ein Heer von Viren unterschiedlicher Form ankämpfen müssen.

Dr. Ralf Bartenschlager, Universität Mainz:
"Das Hauptproblem der HCV-Impfstoffentwicklung besteht in der grossen Variabilität des Virus. Das Hepatitis C-Virus ist kein konstantes Virus, sondern es kommt als ganzer Schwarm von Varianten vor. Man unterscheidet verschiedenste Genotypen. Das ist eine Problematik, wie wir sie bei HIV kennen. Diese extrem hohe Variabilität macht es sicherlich schwierig einen vernünftigen Impfstoff zu entwickeln."

Und genau das versucht die Pharmafirma Chiron im italienischen Siena.

Dr. Rino Rappuoli, Chiron, Siena:
"Wir arbeiten mit Teams in der ganzen Welt zusammen an der Suche nach Molekülen, die an der Virusinfektion und am Ausbruch der Krankheit beteiligt sind. Wir wollen damit auch die erkrankten Patienten behandeln. Auch ihnen würden die Substanzen nützen, die das Virus daran hindern, andere Zellen zu infizieren.
Wir haben uns langfristig zum Ziel gesetzt, einen Impfstoff zu entwickeln, um damit das Virus und die Krankheit endgültig vom Antlitz der Erde zu verbannen."

Eine wirkungsvolle Therapie, die mehr Patienten erreicht, wäre zunächst wichtiger. Das Endziel Impfstoff liegt aber noch in weiter Ferne.

Dr. Ralf Bartenschlager, Universität Mainz:
"Im Prinzip gehen wir denselben Weg, den man bei der Hepatitis B-Virus-Schutzimpfung beschritten hat. Und der ist sehr erfolgreich. Man hat das Hauptoberflächenprotein des Virus gentechnisch hergestellt, in Hefezellen, und diesen Impfstoff setzt man auf breiter Basis ein. Das Gleiche könnte man auch für Hepatitis C-Viren machen. Auch da gibt es ein beziehungsweise zwei Oberflächenproteine, Oberflächenstrukturen, die das Virus besitzt, von denen man ausgehen muss, dass sie an der Bindung an die Wirtszelle beteiligt sind. Wenn es gelänge, Antikörper zu entwickeln, die das Anheften an die Wirtszelle verhindern, hätte man einen Impfschutz erreicht."

Licht am Ende des Tunnels: Mit der Züchtung des Hepatitis C-Virus ist der Anfang gemacht. Aber die Forscher wissen, dass die meiste Arbeit noch vor ihnen liegt.

  © 1999 ARTE G.E.I.E