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Archimède

 23. November 1999

 

Porträt: Walther Christoph Zimmerli.

1945 in der Schweiz geboren, Philosoph und Bildungsmanager und seit kurzem Präsident der privaten Universität Witten-Herdecke. Ein Mittler zwischen Technologie und Gesellschaft, für den die Philosophie überall hingehört - und dabei vor allem eine Funktion hat:

Zimmerli:
"Philosophie ist wie eine öffentliche Kläranlage. Damit ist gemeint, dass Philosophie zunächst einmal, gerade wenn viele unterschiedliche Orientierungen vorhanden sind, die Funktion hat, Ordnung zu schaffen und zu sortieren."

Denken lernen...
Die Fähigkeit, zu differenzieren, zu analysieren - und dabei das Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Ausbildung dieser Fähigkeit ist für den Bildungskritiker Zimmerli eine der zentralen Herausforderungen, denen er sich als Universitätspräsident zu stellen hat.

Zimmerli:
"Es gibt wenige Universitäten, an denen das Überschreiten der Grenzen des eigenen Faches, das Übertragen von Modellen des eigenen Faches auf andere Fragen, geübt wird und systematisch trainiert werden kann. Ich glaube, dass das der Sinn dessen war, was in den traditionellen Universitäten das Interdisziplinäre oder das Studium Generale hieß. Das ist ja jetzt weitgehend verschwunden."

Orientierung geben...
Information ist jederzeit verfügbar, die Demokratie ermöglicht fast jede Lebensform, Reisen und Kontakt mit anderen Kulturen sind eine Selbstverständlichkeit. Kulturen verlieren ihre Homogenität, Wertvorstellungen stehen zur Disposition.

Zimmerli:
"Es gibt zu viele Orientierungen. Es ist nicht so, dass es keine Orientierungen mehr gäbe, sondern jede einzelne Spezialisierung und ihre Kompensation oder ihr Gegenbild liefert eine andere Orientierung, so dass es ganz viele verschiedene Orientierungen gibt - und statt der einen, einheitlichen Weltsicht erleben wir eben den Übergang in ein pluralistisches Weltbild, das uns aufgrund der Vielheit der Orientierungen, auch der normativen Orientierungen, Schwierigkeiten macht."

Grenzgänger...
Nichts kann mehr voneinander getrennt gesehen werden. Andererseits sind Spezialisten gefragt, die immer komplexer werdende Sachgebiete beherrschen. Spezialisten, die nach Zimmerlis Auffassung in der Lage sein müssen, vernetzt zu denken, Konsequenzen ihrer Entscheidungen und Handlungen zu überschauen. Zu der fachlichen kommt die soziale Kompetenz, die zunehmend eine kulturelle sein wird. Denn Globalisierung fordert die Fähigkeit, zu verstehen, welche Werte und Vorstellungen hinter fremdem Handeln und Verhalten stehen. Wird Identität nur noch ein Flickenteppich fachlichen Wissens und der benötigten Verhaltensweisen sein?

Zimmerli:
"Entgegen einem weitverbreiteten postmodernen Vorurteil bin ich nicht der Auffassung, dass das bedeutet, dass wir postmoderne Patchworkidentities von Personen brauchen, die alle möglichen Charaktereigenschaften in sich verbinden, sondern ich glaube, gerade unter Pluralismusbedingungen ist es unglaublich wichtig, dass Personen unverwechselbar sind, also selber starke Persönlichkeiten sind."

Drei zentrale Punkte sieht Zimmerli als Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der nächsten Generation: Eigenständiges Handeln, fachliche und interkulturelle Kompetenz und Persönlichkeitsbildung.

Zimmerli:
"Wir müssen Studierende jetzt schon mit der Situation vertraut machen, dass sie in fünf Jahren in Zusammenhängen leben werden, in denen viele verschiedene Kulturen als ihr eigenes Umfeld da sind. Wenn sie in global tätigen Wirtschaftsunternehmen angestellt sein werden, werden sie konfrontiert sein mit den asiatischen oder afrikanischen Kulturkontexten, und das bedeutet, dass wir transkulturell ausbilden müssen."

Wissen wollen...
Der Philosoph, der den Einfluss technischer Systeme auf die Gesellschaft auszuloten sucht, definiert die Wissensgesellschaft anders, als sie manchem Technokraten lieb sein kann. Die rasante Vermehrung des Fachwissens führt für ihn nicht automatisch zur Lösung, sondern im Gegenteil eher zur Vergrößerung gesellschaftlicher Probleme.

Zimmerli:
"Ich selber bin ja ein Vertreter der These, das wir nicht so sehr ein Wissens- sondern mehr ein Nichtwissensmanagement betreiben. Das heißt, unter Management versteht man dann alle möglichen Verfahren und Techniken, wie man mit der Tatsache umgeht, das man eben nicht alles weiß. Je multidisziplinärer oder transdisziplinärer wir arbeiten, desto größer werden die Bestände, von denen wir wissen, dass wir kein gesichertes Wissen über sie verfügen, und für diese Bereiche brauchen wir Managementmethoden. Wir müssen wissen, wie wir damit umgehen. Wir können nicht schlicht sagen, alles das, worüber wir nichts wissen, da dürfen wir auch nichts tun. Dann müssten wir fast alles unterlassen und je weiter die Wissenschaft und Technik voranschreitet, desto größer werden die Bereiche, von denen wir wissen, das wir über sie nichts wissen."

Anspruch und Wirklichkeit...
Der lehrende Philosoph ist jetzt Bildungsmanager.
Lehren will er auch hier, neben seinen Veröffentlichungen, Vorträgen, Büchern, Gastprofessuren von Südafrika bis Japan. Walther Christoph Zimmerli ist Pragmatiker.
Mit dem Machbaren aber wird er sich nicht begnügen.

Zimmerli:
"Wir werden sehen, ob sich diese Vorstellungen, die ich habe, mit dem Alltag in Witten bringt vereinbaren lassen oder nicht. Notfalls muss der Alltag geändert werden."

  © 1999 ARTE G.E.I.E