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Porträt: Walther
Christoph Zimmerli.
1945 in der Schweiz geboren,
Philosoph und Bildungsmanager und seit kurzem Präsident der privaten
Universität Witten-Herdecke. Ein Mittler zwischen Technologie und
Gesellschaft, für den die Philosophie überall hingehört
- und dabei vor allem eine Funktion hat:
Zimmerli:
"Philosophie ist wie eine öffentliche Kläranlage. Damit
ist gemeint, dass Philosophie zunächst einmal, gerade wenn viele
unterschiedliche Orientierungen vorhanden sind, die Funktion hat, Ordnung
zu schaffen und zu sortieren."
Denken lernen...
Die Fähigkeit, zu differenzieren, zu analysieren - und dabei das
Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Ausbildung dieser Fähigkeit
ist für den Bildungskritiker Zimmerli eine der zentralen Herausforderungen,
denen er sich als Universitätspräsident zu stellen hat.
Zimmerli:
"Es gibt wenige Universitäten, an denen das Überschreiten
der Grenzen des eigenen Faches, das Übertragen von Modellen des eigenen
Faches auf andere Fragen, geübt wird und systematisch trainiert werden
kann. Ich glaube, dass das der Sinn dessen war, was in den traditionellen
Universitäten das Interdisziplinäre oder das Studium Generale
hieß. Das ist ja jetzt weitgehend verschwunden."
Orientierung geben...
Information ist jederzeit verfügbar, die Demokratie ermöglicht
fast jede Lebensform, Reisen und Kontakt mit anderen Kulturen sind eine
Selbstverständlichkeit. Kulturen verlieren ihre Homogenität,
Wertvorstellungen stehen zur Disposition.
Zimmerli:
"Es gibt zu viele Orientierungen. Es ist nicht so, dass es keine
Orientierungen mehr gäbe, sondern jede einzelne Spezialisierung und
ihre Kompensation oder ihr Gegenbild liefert eine andere Orientierung,
so dass es ganz viele verschiedene Orientierungen gibt - und statt der
einen, einheitlichen Weltsicht erleben wir eben den Übergang in ein
pluralistisches Weltbild, das uns aufgrund der Vielheit der Orientierungen,
auch der normativen Orientierungen, Schwierigkeiten macht."
Grenzgänger...
Nichts kann mehr voneinander getrennt gesehen werden. Andererseits sind
Spezialisten gefragt, die immer komplexer werdende Sachgebiete beherrschen.
Spezialisten, die nach Zimmerlis Auffassung in der Lage sein müssen,
vernetzt zu denken, Konsequenzen ihrer Entscheidungen und Handlungen zu
überschauen. Zu der fachlichen kommt die soziale Kompetenz, die zunehmend
eine kulturelle sein wird. Denn Globalisierung fordert die Fähigkeit,
zu verstehen, welche Werte und Vorstellungen hinter fremdem Handeln und
Verhalten stehen. Wird Identität nur noch ein Flickenteppich fachlichen
Wissens und der benötigten Verhaltensweisen sein?
Zimmerli:
"Entgegen einem weitverbreiteten postmodernen Vorurteil bin ich nicht
der Auffassung, dass das bedeutet, dass wir postmoderne Patchworkidentities
von Personen brauchen, die alle möglichen Charaktereigenschaften
in sich verbinden, sondern ich glaube, gerade unter Pluralismusbedingungen
ist es unglaublich wichtig, dass Personen unverwechselbar sind, also selber
starke Persönlichkeiten sind."
Drei zentrale Punkte sieht
Zimmerli als Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der nächsten
Generation: Eigenständiges Handeln, fachliche und interkulturelle
Kompetenz und Persönlichkeitsbildung.
Zimmerli:
"Wir müssen Studierende jetzt schon mit der Situation vertraut
machen, dass sie in fünf Jahren in Zusammenhängen leben werden,
in denen viele verschiedene Kulturen als ihr eigenes Umfeld da sind. Wenn
sie in global tätigen Wirtschaftsunternehmen angestellt sein werden,
werden sie konfrontiert sein mit den asiatischen oder afrikanischen Kulturkontexten,
und das bedeutet, dass wir transkulturell ausbilden müssen."
Wissen wollen...
Der Philosoph, der den Einfluss technischer Systeme auf die Gesellschaft
auszuloten sucht, definiert die Wissensgesellschaft anders, als sie manchem
Technokraten lieb sein kann. Die rasante Vermehrung des Fachwissens führt
für ihn nicht automatisch zur Lösung, sondern im Gegenteil eher
zur Vergrößerung gesellschaftlicher Probleme.
Zimmerli:
"Ich selber bin ja ein Vertreter der These, das wir nicht so sehr
ein Wissens- sondern mehr ein Nichtwissensmanagement betreiben. Das heißt,
unter Management versteht man dann alle möglichen Verfahren und Techniken,
wie man mit der Tatsache umgeht, das man eben nicht alles weiß.
Je multidisziplinärer oder transdisziplinärer wir arbeiten,
desto größer werden die Bestände, von denen wir wissen,
dass wir kein gesichertes Wissen über sie verfügen, und für
diese Bereiche brauchen wir Managementmethoden. Wir müssen wissen,
wie wir damit umgehen. Wir können nicht schlicht sagen, alles das,
worüber wir nichts wissen, da dürfen wir auch nichts tun. Dann
müssten wir fast alles unterlassen und je weiter die Wissenschaft
und Technik voranschreitet, desto größer werden die Bereiche,
von denen wir wissen, das wir über sie nichts wissen."
Anspruch und Wirklichkeit...
Der lehrende Philosoph ist jetzt Bildungsmanager.
Lehren will er auch hier, neben seinen Veröffentlichungen, Vorträgen,
Büchern, Gastprofessuren von Südafrika bis Japan. Walther Christoph
Zimmerli ist Pragmatiker.
Mit dem Machbaren aber wird er sich nicht begnügen.
Zimmerli:
"Wir werden sehen, ob sich diese Vorstellungen, die ich habe, mit
dem Alltag in Witten bringt vereinbaren lassen oder nicht. Notfalls muss
der Alltag geändert werden."
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