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Archimède

 30. November 1999

 

Kollaps im Gehirn

Eva kann heute wieder Fahrrad fahren. Das ist ein kleines Wunder. Vor gut einem Jahr hatte sie einen schweren Schlaganfall - mit 21 Jahren.

Er kam wie aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung. Eva packte ihre Koffer für den Urlaub, der am nächsten Tag beginnen sollte - da passierte es:

Eva, Patientin:
Also ich hatte plötzlich sehr starke Kopfschmerzen so von hinten nach vorne pulsierend, mir ist sehr übel geworden und ich bin dann also schlagartig zusammengebrochen und war halbseitig gelähmt. Daraufhin bin ich gleich in die Klinik gebracht worden, dort auf die Notaufnahme. Die konnten mir allerdings nicht sagen was ich hab.
Erst am nächsten Morgen wurde ich von einem Neurologen untersucht der mich dann gleich auf die Neurologie überwiesen hat.

Eva ist heute immer noch in Behandlung. Sie wurde in den ersten Stunden nicht optimal versorgt, obwohl sie mit deutlichen Symptomen eingeliefert wurde, die auf einen Schlaganfall hinwiesen. Es kam zu 15 weiteren Hirninfarkten mit schwer-wiegenden Folgen.

Dr. Andreas Hetzel, Universität Freiburg:
Gerade bei jungen Patienten wird bei Kopfschmerzen viel mehr an Migräne gedacht und dabei werden die begleitenden, zum ersten Mal auftretenden Erscheinungen wie halbseitige Lähmungen, Doppelbilder oder Sprachstörungen, dass diese Frühzeichen übersehen werden. Und das führt dazu, dass häufig kein Neurologe zugezogen wird. Und das führt wiederum dazu, dass eben die notwendigen Behandlungen - gerade bei Jungen würde man da ja sehr invasiv vorgehen - dann nicht eingeleitet werden.

Schlaganfälle bei jungen Menschen sind keine Seltenheit. 5 von 100 000 Kindern sind betroffen und 10 Mal so viele Jugendliche. Eine Gruppe, die bislang kaum in Erscheinung trat und als nicht gefährdet galt. Und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr an. Ein Grund könnte eine verbesserte Diagnostik sein. Zusätzlich spielen Umweltfaktoren wie ungesunde Ernährung, Stress, Unruhe aber auch Drogen eine Rolle. Die häufigsten Ursachen bei jungen Menschen sind Verletzungen und Entzündungen der Hirngefäße, Blutgerinnsel, Herzfehler und Migräne. Bei Eva war es eine Entzündung der Hirngefäße.

Bei einem Schlaganfall sind die ersten Stunden entscheidend. Nur in dieser Zeitspanne können Folgeschäden im Gehirn wirkungsvoll verhindert werden. Wichtig ist daher, möglichst schnell das Ausmaß des Schadens zu bestimmen.

Dr. Andreas Hetzel, Universität Freiburg:
Es ist ganz entscheidend für die Behandlung der Patienten, dass wir sehr früh wissen, wie ausgedehnt diese Schädigung ist. Und mit modernen, mit kernspintomographischen Methoden, können wir schon in der ersten Stunde sehen, wieviel Hirngewebe durch die Durchblutungsstörung geschädigt worden ist. Und dadurch können wir dann bestimmen, ob wir mit dem Katheter das Gerinnsel auflösen, mit Medikamenten behandeln oder ob es notwendig ist, mit dem Laser an dieses Gerinnsel heranzugehen, um wirklich für den Patienten die optimale Behandlung durchführen zu können.

Je schneller jetzt die Behandlung beginnt, desto mehr Hirnzellen können gerettet werden. Deshalb wurden in Deutschland und Frankreich sogenannte stroke-units eingerichtet. Das sind Spezialstationen für die Erstversorgung von Schlaganfall-Patienten. In Deutschland wird das Netz gerade systematisch ausgebaut. Auch an der Neurologischen Klinik der Universität Freiburg gibt es eine stroke-unit. Hier wird im Wettlauf mit der Zeit gekämpft, um weitergehende Schädigungen des Gehirns zu verhindern. Zuerst muss der Schlaganfall gestoppt werden. In den ersten drei Stunden versucht man das mit der Lyse, einem Medikament, das Blutgerinnsel auflösen kann. In den stroke - units werden die Patienten ständig überwacht. Jede Veränderung wird von Monitoren angezeigt. Sie melden rechtzeitig, wenn ein weiterer Hirninfarkt droht.

Eva, Patientin:
Ich war zehn Tage in der Klinik, als ich plötzlich merkte, dass ich wieder ein taubes Gefühl kriege. Das habe ich gleich dem Arzt gesagt, der meinte aber, ich müsste mir keine Sorgen machen, das sei nur psychsomatisch. Gegen abend war ich dann wieder ganz linksseitig gelähmt, bin dann gleich in Kernspintomographen gekommen und da haben sie dann festgestellt: ich habe einen neuen Schlaganfall. Daraufhin bin ich gleich auf die Intensivstation gekommen.

Wie schon beim 1. Mal dachten die Ärzte wegen Evas Jugend nicht gleich an einen Schlaganfall. Kostbare Zeit wurde vertan. Eva war ein zweites Mal gelähmt. Die beginnende Durchblutungsstörung wurde nicht rechtzeitig erkannt und sie erlitt den 3. Schlaganfall. Jetzt erst kam sie in die stroke-unit. Es ist gar nicht ungewöhnlich, dass einem Schlaganfall noch ein zweiter oder dritter folgt. Wenn der Blutdruck schlagartig absinkt, löst der Monitor Alarm aus. Medikamente, direkt in die Vene gespritzt, jagen den Blutdruck künstlich hoch. Das Blut kann jetzt wieder ungehindert fliessen - die Gefahr ist vorerst gebannt.

Ganz neu ist der Einsatz der Lasertechnik. Hier ist das Freiburger Neurozentrum Vorreiter. Blutgerinnsel werden mit Laserschüssen aufgelöst. Über die Leiste wird ein Zugang zur Hauptschlagader gelegt. Durch einen Katheter wird ein Kontrastmittel eingespritzt, der Arzt schiebt ein Glasfaserkabel bis zu dem verstopften Blutgefäß im Gehirn vor. Dort wird dan mit einem Laserstrahl der Blutpfropfen zerstäubt, das dahinter liegende Gehirn wird wieder mit Blut versorgt. Die ersten Erfahrungen mit dem Laser sind ermutigend.

Dr. Andreas Hetzel, Universität Freiburg:
Nach den ersten fünf Patienten können wir zeigen, dass wir Gerinnsel damit teilweise auflösen können, aber die gerinnselauflösende Medikation noch nicht in größerem Umfang eingespart werden. In Zukunft hoffen wir, dass wir auch Patienten, die zu einem späteren Zeitpunkt in die Klinik kommen, in der fünften, sechsten und siebten Stunde, alleine mit dieser Lasertechnik behandeln können und dadurch eine viel größere Bevölkerungsgruppe behandeln können als das bislang möglich war.

Nach dem Schlaganfall beginnt die Rehabilitation schon in der Klinik. Benachbarte Hirnareale müssen darauf trainiert werden, die Aufgaben der ausgefallenen Regionen zu übernehmen. So können verlorengegangene Fähigkeiten wieder erlangt werden. Bei jungen Patienten geht das schneller als bei Älteren.

Eva, Patientin:
Es wurde mir eine ziemlich schlechte Prognose gestellt. Sie haben gesagt, ich werde keinen Sport mehr machen können, also auch nicht Treppensteigen, nicht Tanzen und nicht Studieren können, nicht Malen. Ja und inzwischen - Fahrradfahren tue ich wieder, Treppensteigen tue ich prima, malen tue ich auch und ich denke, das Tanzen wird kommt auch noch kommen.

Eva hatte Glück. Durch den weiteren Ausbau der stroke-units sollen Fehldiagnosen in Zukunft vermieden werden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E