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Archimède 30. November 1999
 

Der Computer als Chirurg

Bereits ab dem 20. Lebensjahr beginnt sich die Wirbelsäule zu verformen. Jeder Dritte leidet an Beschwerden, die behandelt werden müssen. Oft sind konservative Behandlungsversuche ohne Erfolg.

Radenko Hrvacanin, Patient:
Es hat im Mai angefangen, da habe ich starke Schmerzen bekommen, beim Schlafen, beim Autofahren, bei der Arbeit. Das hat man versucht, mit Therapie und Gymnastik zu entfernen. Leider hat das nicht funktioniert.

Ein anderer Patient steht vor einer Operation an der Wirbelsäule, die mit einer neue Methode durchgeführt werden soll. Eine Bandscheibe ist vorgefallen und drückt auf die Nervenwurzeln des Rückenmarks. Er kann sich nur noch unter Schmerzen bewegen. Im Kernspintomogramm erkennt man, dass das Rückenmark zusammengedrückt ist.

Dr. Karsten Lang, Universitätskrankenhaus Charité, Berlin:
Früher mussten wir die Implantate mit Hilfe eines Röntgengerätes in den Patienten bringen. Jetzt können wir diese Implanate mit Hilfe des Computersystems und einer virtuellen Rekonstruktion vom jeweiligen Patienten mit einer sehr hohen Präzision plazieren.

Vor der Operation muss der Patient mit dem Computertomogramm untersucht werden. Schicht für Schicht wird die Wirbelsäule aufgenommen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass eine virtuelle Wirbelsäule errechnet werden kann. Die Wirbelsäule muss exakt erfasst werden, damit der Operateur sich ein genaues Bild von der Anatomie machen kann. Sonst kann es zu Nervenverletzungen mit Lähmungen bis hin zu einer Querschnittslähmung kommen. Die Aufnahmen müssen unbedingt vom Operateur selbst bearbeitet werden. Nur so ist sicher gestellt, dass er nicht an einem falschen, ähnlich aussehenden Wirbel operiert.

Dr. Karsten Lang
Dort wo der Bandscheibenvorfall ist, ist der Zwischenwirbelraum erheblich abgeflacht, wegen der Degeneration der Bandscheibe. Dadurch ist häufig der Seitenbereich, wo die Nervenwurzel durchziehen, stark verengt. Da ist wenig Platz und da ist da noch der Bandscheibenvorfall, der zusätzlich das Rückenmark einengt. Dadurch kommt es zur Schmerzsymptomatik.

In diesem Fall soll nicht nur die vorgefallene Bandscheibe entfernt, sondern auch der Wirbelkörper durch Schrauben unterstützt werden. Neuronavigation nennt sich die neue Operationsmethode mit dem Computer. Der Operateur arbeitet dabei in einem elektromagnetischen Feld. In diesem Feld wird jede Bewegung der Instrumente registriert. Die Lageveränderung wird an den Computer weitergeleitet. Der erste Schritt: Der Wirbelkörper wird in den Computer eingelesen. Der Computer überprüft, ob der Operateur an den richtigen Ausgangspunkten ist. Nur wenn die Markierung auf dem Bildschirm mit der Anatomie des Wirbels übereinstimmt, gibt der Computer grünes Licht für die Operation. Während der Arzt operiert, kann er zu jeder Zeit genau sehen, an welcher Stelle des Wirbels er sich befindet. Der Computer überwacht, wie weit die Instrumente in den Wirbel vorgeschoben werden. 300 Patienten sind so bereits operiert worden. Diese Methode kann bei Tumoren, Degenerationen oder Brüchen des Wirbelkörpers eingesetzt werden. Bislang, so sagen die Berliner Orthopäden, sind noch keine Lähmungen durch falsch liegende Schrauben aufgetreten. Denn unter Aufsicht des Computers kann der Arzt präzise die Schraube festdrehen. Sie soll den Wirbelkörper stabilisieren. Zur Sicherheit wird nach der Operation die Lage der Schrauben mit einem Röntgengerät überprüft. Die Ärzte wollen sich nicht allein auf den Computer verlassen.

Dr. Karsten Lang
Wenn der Computer gestört sein sollte, muss der Operateur selbst in der Lage sein, die Operation konventionell weiterzuführen. Das bedeutet auch, dass diese Systeme keine Fahrschulsysteme für junge Kollegen sind, die das operative Prozedere erlernen, sondern hier ist ganz klar die Prämisse, dass Erfahrung vorliegen muss und diese Systeme dem erfahrenen Operateur unterstützend zur Seite stehen.

Bislang sind die Orthopäden der Charité noch die einzigen, die über größere Erfahrung mit der Neuronavigation verfügen. Die Berliner Ärzte rechnen aber damit, dass sich diese Methode durchsetzen wird. In Zukunft könnte mit dem Computer als Assistenten an der Hüfte, am Kniegelenk, sogar am Gehirn operiert werden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E