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Porträt: Jonathan
Slack
Seit Jahrzehnten versuchen
Wissenschaftler, mittels genetischer Manipulation gezielt das Wachstum
bestimmter Körperteile und Organe zu beeinflussen um damit Ersatzorgane
für den Menschen zu züchten.
Einer von ihnen ist der englische
Entwicklungsbiologe Jonathan Slack. Sein Gebiet ist die Entwicklung von
Embryonen, seine Probanden sind Frösche.
Jonathan Slack:
Die Motivation für mein Interesse an dieser Materie ist eigentlich
pure Neugierde. Wir wollen wissen, wie es funktioniert. Als ich auf diese
Sache stieß, das war vor über 20 Jahren, da war das Ganze noch
ein einziges Mysterium. Wir hatten einen Zellklumpen, aus dem sich ein
komplexer Körper bildet, es gab verschiedene Zell-Typen und Strukturen.
Das war alles magisch.
Als er anfing, gab es noch
nicht viele, die sich mit der Entwicklung von Embryonalzellen beschäftigten.
Und mit afrikanischen Krallenfröschen arbeiteten damals allenfalls
ein halbes Dutzend Wissenschaftler weltweit. Es war eines dieser wissenschaftlichen
Arbeitsgebiete, wo das Budget so klein war wie der zu erwartende Ruhm.
Und doch ging der Name Jonathan Slack vor kurzem um die Welt. Ungewollt
und eigentlich nur, weil er einer großen Sonntagszeitung ein Interview
gab. Am 19.Oktober 1997 schlagzeilte die Sunday Times "Frosch ohne
Kopf bahnt Weg für menschliche Organfabriken". Skandal auf der
ersten Seite. In einer Zeit, da alles vom Klonschaf Dolly sprach, kam
ein zweites Monster gerade recht. Und aus dem freundlichen Briten wurde
Dr. Frankenstein.
Jonathan Slack:
Ja, wir haben kopflose Kaulquappen gezüchtet. Aber diese Kaulquappen
waren das Ergebnis einer Reihe von Experimenten, die sich damit beschäftigten,
in wie weit Körperteile schon im Froschembryo veranlagt sind. Wir
haben nicht gezielt kopflose Kaulquappen gezüchtet. Es ist nur so,
dass sie als natürliche Folge unserer Experimente entstehen. Und
überhaupt gibt es an ihnen überhaupt nichts Neues. Wahrscheinlich
haben Leute sie schon das ganze Jahrhundert gezüchtet, als Folge
anderer Experimente an Embryonen. Sie entstehen übrigens andauernd
auch auf natürliche Weise. Daran ist nichts Berichtenswertes, aber
die Geschichte zog Kreise. Und wenn die Leute erst einmal die Vorstellung
einer kopflosen Kaulquappe oder eines kopflosen Frosches haben, dann ist
es schwer, das wieder zu stoppen.
Diese "kopflosen Frösche"
sind der Wissenschaft schon seit Beginn des Jahrhunderts bekannt. Der
"Skandal" hielt sich keine Woche in den Gazetten. Nachdem sich
die Wogen geglättet hatten, hatte Jonathan Slack zwei Dinge gelernt:
Erstens meint er, dass es unmöglich ist, komplexe wissenschaftliche
Erkenntnisse in den Medien zu veröffentlichen, deren Aufgabe es ja
ist, die Dinge zu vereinfachen. Und zweitens erkannte er, dass Monster
erst dann Monster sind, wenn sie Ekel erregen. An die anderen Mutationen
haben sich die Menschen ohnehin schon lange gewöhnt.
Jonathan Slack:
Wenn die Leute genetisch manipulierte Nutzpflanzen als unnatürlich
betrachten, dann sage ich ihnen, dass alles auf dem Bauernhof unnatürlich
ist. Wenn man eine Kuh oder eine Maispflanze mit ihren Vorfahren vor 5000
oder 10000 Jahren vergleicht, dann sind überhaupt keine Gemeinsamkeiten
mehr zu erkennen. Die Menschen haben sie über die letzten tausend
Jahre selektiert und gezüchtet und dadurch genetisch manipuliert.
Und sie haben jede Menge künstlicher Organismen erzeugt. Aber die
Leute stört das nicht, weil es fast unmerklich stattfand.
Kaum ein Zweig der Biologie
hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasch entwickelt wie die Entwicklungsbiologie.
Und kaum ein Wissenschaftsbereich ist derzeit wohl so umstritten und reizvoll
zugleich.
Ex ovo omnia - alles Leben kommt aus dem Ei.
Jonathan Slack:
Ein Embryo im frühen Entwicklungsstadium besteht aus einem Haufen
Zellen, die alle gleich aussehen. Nach ein paar Stunden oder Tagen verwandelt
sich dieser Zellklumpen in die Miniatur eines Tieres, mit allen Körperteilen
und den verschiedenen Zelltypen.
Die Fruchtfliege und
der Mensch haben viele gemeinsame Gene, die die Entwicklung steuern. Hat
man sie einmal in der Fruchtfliege identifiziert, ist es relativ einfach,
die gleichen Gene auch in höheren Organismen zu finden und zu sehen
wie sie funktionieren. Natürlich sind Fruchtfliegen nicht genau wie
Menschen, aber bestimmte Gene bestimmter Molekularstränge sind die
gleichen. Bei den Embryos höherer Lebewesen wie Fischen, Fröschen,
Hühnern oder Mäusen sind die Ähnlichkeiten sehr viel größer.
Man kann also fast sagen, dass mehr oder weniger die gleichen Gene die
gleichen Jobs erledigen.
Die Universität von Bath
ist dank Jonathan Slack etwas bekannter geworden. Aber nicht erst seit
dem "kopflosen Frosch" herrscht Zustrom auf die Biowissenschaften.
Die Bedeutung der Entwicklungbiologie wächst, nicht zuletzt auch
deshalb, weil sie sich auch mit der Lösung der großen medizinischen
Rätsel unserer Zeit beschäftigt.
Jonathan Slack:
Wenn wir wissen, welche Gene bei der Entwicklung vieler wichtiger Krankheiten
unserer modernen Gesellschaft wie Krebs, Arthitis oder Diabetes beteiligt
sind - den das sind eigentlich Fehler in der Entwicklung - und wenn wir
diese defekten Gene kennen, dann können wir Therapien zur Behandlung
entwickeln.
Seit vier Jahren ist Jonathan
Slack an der Universität in Bath. Er veröffentlichte 116 wissenschaftliche
Schriften und schrieb zwei Bücher. In seinem letzten, "Das Ei
und ich", beschreibt der 50jährige das Dreiecksverhältnis
zwischen Wissenschaft, Journalismus und Wahrheit. Denn eigentlich verschließen
wir unsere Augen einer Zukunft, die schon längst begonnen hat.
Jonathan Slack:
Auf lange Sicht werden wir in der Lage sein so etwas wie menschliche Ersatzorgane
in Flaschen zu züchten. Ich glaube nicht, dass es daran irgend etwas
Unmoralisches oder Verwerfliches gibt. Wenn man das erst einmal ein paar
Jahre gemacht hat, wird es generell akzeptiert werden. Als man vor zwanzig
Jahren mit der künstlichen Befruchtung begann, gab es einen gewaltigen
Aufschrei. Die Leute sagten, es sei unnatürlich, Kinder, die als
Resultat dieser Technologie geboren werden, würden psychische Schäden
fürs Leben erhalten, für sie würde es schwerer sein, eine
wahre menschliche Identität zu haben. Das ist alles Blödsinn.
Heute gibt es Tausende von Geburten aus künstlicher Befruchtung pro
Jahr und niemand schert sich darum, ob Leute künstlich befruchten
oder nicht.
Kopflose Quappen sind erst
der Anfang. Je bekannter seine Studien werden, desto gefährlicher
lebt der Vater zweier Töchter. Militante Tierschützer haben
John Slack auf der Liste. Autobomben gegen Wissenschaftler sind in England
nicht unüblich.
Slack:
Jeder hat Zweifel und moralische Bedenken. Ich bin nicht religiös,
ich glaube nicht an Gott oder irgendwelche übernatürlichen Dinge.
Wenn Sie mich fragen, wie weit ich gehen würde, was ich noch tun
würde: Generell glaube ich, dass genetische Veränderungen am
menschlichen Erbgut falsch wären. Ich bin nicht ganz sicher warum,
aber ich habe da so ein Gefühl, dass es eine Menge Ärger geben
wird.
Die Wege des Jonathan Slack
sind etwas länger. Seinen Wagen parkt der Professor immer etwas abseits
auf dem Campus - sicher ist sicher. Denn auch in Zukunft wird in seinen
Labors an Kaulquappen geforscht werden.
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