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Archimède

 30. November 1999

 

Porträt: Jonathan Slack

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, mittels genetischer Manipulation gezielt das Wachstum bestimmter Körperteile und Organe zu beeinflussen um damit Ersatzorgane für den Menschen zu züchten.

Einer von ihnen ist der englische Entwicklungsbiologe Jonathan Slack. Sein Gebiet ist die Entwicklung von Embryonen, seine Probanden sind Frösche.

Jonathan Slack:
Die Motivation für mein Interesse an dieser Materie ist eigentlich pure Neugierde. Wir wollen wissen, wie es funktioniert. Als ich auf diese Sache stieß, das war vor über 20 Jahren, da war das Ganze noch ein einziges Mysterium. Wir hatten einen Zellklumpen, aus dem sich ein komplexer Körper bildet, es gab verschiedene Zell-Typen und Strukturen. Das war alles magisch.

Als er anfing, gab es noch nicht viele, die sich mit der Entwicklung von Embryonalzellen beschäftigten. Und mit afrikanischen Krallenfröschen arbeiteten damals allenfalls ein halbes Dutzend Wissenschaftler weltweit. Es war eines dieser wissenschaftlichen Arbeitsgebiete, wo das Budget so klein war wie der zu erwartende Ruhm. Und doch ging der Name Jonathan Slack vor kurzem um die Welt. Ungewollt und eigentlich nur, weil er einer großen Sonntagszeitung ein Interview gab. Am 19.Oktober 1997 schlagzeilte die Sunday Times "Frosch ohne Kopf bahnt Weg für menschliche Organfabriken". Skandal auf der ersten Seite. In einer Zeit, da alles vom Klonschaf Dolly sprach, kam ein zweites Monster gerade recht. Und aus dem freundlichen Briten wurde Dr. Frankenstein.

Jonathan Slack:
Ja, wir haben kopflose Kaulquappen gezüchtet. Aber diese Kaulquappen waren das Ergebnis einer Reihe von Experimenten, die sich damit beschäftigten, in wie weit Körperteile schon im Froschembryo veranlagt sind. Wir haben nicht gezielt kopflose Kaulquappen gezüchtet. Es ist nur so, dass sie als natürliche Folge unserer Experimente entstehen. Und überhaupt gibt es an ihnen überhaupt nichts Neues. Wahrscheinlich haben Leute sie schon das ganze Jahrhundert gezüchtet, als Folge anderer Experimente an Embryonen. Sie entstehen übrigens andauernd auch auf natürliche Weise. Daran ist nichts Berichtenswertes, aber die Geschichte zog Kreise. Und wenn die Leute erst einmal die Vorstellung einer kopflosen Kaulquappe oder eines kopflosen Frosches haben, dann ist es schwer, das wieder zu stoppen.

Diese "kopflosen Frösche" sind der Wissenschaft schon seit Beginn des Jahrhunderts bekannt. Der "Skandal" hielt sich keine Woche in den Gazetten. Nachdem sich die Wogen geglättet hatten, hatte Jonathan Slack zwei Dinge gelernt: Erstens meint er, dass es unmöglich ist, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in den Medien zu veröffentlichen, deren Aufgabe es ja ist, die Dinge zu vereinfachen. Und zweitens erkannte er, dass Monster erst dann Monster sind, wenn sie Ekel erregen. An die anderen Mutationen haben sich die Menschen ohnehin schon lange gewöhnt.

Jonathan Slack:
Wenn die Leute genetisch manipulierte Nutzpflanzen als unnatürlich betrachten, dann sage ich ihnen, dass alles auf dem Bauernhof unnatürlich ist. Wenn man eine Kuh oder eine Maispflanze mit ihren Vorfahren vor 5000 oder 10000 Jahren vergleicht, dann sind überhaupt keine Gemeinsamkeiten mehr zu erkennen. Die Menschen haben sie über die letzten tausend Jahre selektiert und gezüchtet und dadurch genetisch manipuliert. Und sie haben jede Menge künstlicher Organismen erzeugt. Aber die Leute stört das nicht, weil es fast unmerklich stattfand.

Kaum ein Zweig der Biologie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasch entwickelt wie die Entwicklungsbiologie. Und kaum ein Wissenschaftsbereich ist derzeit wohl so umstritten und reizvoll zugleich.
Ex ovo omnia - alles Leben kommt aus dem Ei.

Jonathan Slack:
Ein Embryo im frühen Entwicklungsstadium besteht aus einem Haufen Zellen, die alle gleich aussehen. Nach ein paar Stunden oder Tagen verwandelt sich dieser Zellklumpen in die Miniatur eines Tieres, mit allen Körperteilen und den verschiedenen Zelltypen.
Die Fruchtfliege und der Mensch haben viele gemeinsame Gene, die die Entwicklung steuern. Hat man sie einmal in der Fruchtfliege identifiziert, ist es relativ einfach, die gleichen Gene auch in höheren Organismen zu finden und zu sehen wie sie funktionieren. Natürlich sind Fruchtfliegen nicht genau wie Menschen, aber bestimmte Gene bestimmter Molekularstränge sind die gleichen. Bei den Embryos höherer Lebewesen wie Fischen, Fröschen, Hühnern oder Mäusen sind die Ähnlichkeiten sehr viel größer. Man kann also fast sagen, dass mehr oder weniger die gleichen Gene die gleichen Jobs erledigen.

Die Universität von Bath ist dank Jonathan Slack etwas bekannter geworden. Aber nicht erst seit dem "kopflosen Frosch" herrscht Zustrom auf die Biowissenschaften. Die Bedeutung der Entwicklungbiologie wächst, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich auch mit der Lösung der großen medizinischen Rätsel unserer Zeit beschäftigt.

Jonathan Slack:
Wenn wir wissen, welche Gene bei der Entwicklung vieler wichtiger Krankheiten unserer modernen Gesellschaft wie Krebs, Arthitis oder Diabetes beteiligt sind - den das sind eigentlich Fehler in der Entwicklung - und wenn wir diese defekten Gene kennen, dann können wir Therapien zur Behandlung entwickeln.

Seit vier Jahren ist Jonathan Slack an der Universität in Bath. Er veröffentlichte 116 wissenschaftliche Schriften und schrieb zwei Bücher. In seinem letzten, "Das Ei und ich", beschreibt der 50jährige das Dreiecksverhältnis zwischen Wissenschaft, Journalismus und Wahrheit. Denn eigentlich verschließen wir unsere Augen einer Zukunft, die schon längst begonnen hat.

Jonathan Slack:
Auf lange Sicht werden wir in der Lage sein so etwas wie menschliche Ersatzorgane in Flaschen zu züchten. Ich glaube nicht, dass es daran irgend etwas Unmoralisches oder Verwerfliches gibt. Wenn man das erst einmal ein paar Jahre gemacht hat, wird es generell akzeptiert werden. Als man vor zwanzig Jahren mit der künstlichen Befruchtung begann, gab es einen gewaltigen Aufschrei. Die Leute sagten, es sei unnatürlich, Kinder, die als Resultat dieser Technologie geboren werden, würden psychische Schäden fürs Leben erhalten, für sie würde es schwerer sein, eine wahre menschliche Identität zu haben. Das ist alles Blödsinn. Heute gibt es Tausende von Geburten aus künstlicher Befruchtung pro Jahr und niemand schert sich darum, ob Leute künstlich befruchten oder nicht.

Kopflose Quappen sind erst der Anfang. Je bekannter seine Studien werden, desto gefährlicher lebt der Vater zweier Töchter. Militante Tierschützer haben John Slack auf der Liste. Autobomben gegen Wissenschaftler sind in England nicht unüblich.

Slack:
Jeder hat Zweifel und moralische Bedenken. Ich bin nicht religiös, ich glaube nicht an Gott oder irgendwelche übernatürlichen Dinge. Wenn Sie mich fragen, wie weit ich gehen würde, was ich noch tun würde: Generell glaube ich, dass genetische Veränderungen am menschlichen Erbgut falsch wären. Ich bin nicht ganz sicher warum, aber ich habe da so ein Gefühl, dass es eine Menge Ärger geben wird.

Die Wege des Jonathan Slack sind etwas länger. Seinen Wagen parkt der Professor immer etwas abseits auf dem Campus - sicher ist sicher. Denn auch in Zukunft wird in seinen Labors an Kaulquappen geforscht werden.

  © 1999 ARTE G.E.I.E